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Das Schmerzgedächtnis – Entstehung und durch multimodale Therapie löschen

„Das Schmerzgedächtnis entsteht durch Lernprozesse des Gehirns, so dass auch ohne akuten Schmerz ein Nervensignal weitergeleitet werden kann.“
— Dr. Tobias Weigl

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Aus langjähriger medizinischer Forschung weiß man heute, dass im menschlichen Organismus alles miteinander zusammenhängt. So auch unser Schmerzempfinden mit dem Gehirn: Obwohl der Schmerz in vielen Fällen an weit entfernten Körperstellen wahrgenommen wird, ist es doch das Gehirn, das die Schmerzwahrnehmung steuert.

Besteht ein akuter Schmerz, z. B. durch eine Verletzung oder aufgrund einer Erkrankung, hat das Schmerzempfinden mitunter eine lebensrettende Wirkung. Wird die Ursache, die für den Schmerz verantwortlich ist, jedoch nicht oder nur unzureichend behandelt, kann der Schmerz chronisch werden. Vor allem bei unspezifischen Schmerzen, z. B. Rückenbeschwerden, die nicht auf eine akute Erkrankung zurückgeführt werden können, oder Arthrose ist das Risiko einer Schmerzchronifizierung hoch. Bleibt der chronische Schmerz weiterhin bestehen, entsteht im Zusammenspiel aus Schmerzempfinden, Nervensystem und Gehirn das sogenannte Schmerzgedächtnis.

An diesem Morgen kommt Rolf kaum aus dem Bett. Tief im Rücken sitzt ein stechender Schmerz, der erst nachlässt, als er seine Hüfte zur Seite verlagert. Vorsichtig richtet er sich auf. Im Spiegel des Schlafzimmerschranks sieht er, dass sein Oberkörper ganz krumm zu seiner Körpermitte ausgerichtet ist. Der Blick in die Schachtel mit den Diclofenac ist ernüchternd; die Schachtel ist fast leer. Am besten nimmt er nur eine halbe, denkt Rolf. Dann hält die Packung noch etwas länger, bevor er bei seinem Hausarzt ein neues Rezept ordern muss – hoffentlich bekommt er eins ohne Untersuchung. Als er am Mittag am Telefon seiner Tochter Anna sein Leid klagt, rechnet er nicht mit deren Pragmatismus: „Deine Angst vor dem Arzt ist völlig unbegründet. Und wenn du deine Schmerztabletten jetzt auch noch rationierst, machst du es nur noch schlimmer. Du musst zu einem Spezialisten; dein Hausarzt kann dir da inzwischen nicht mehr helfen.“ Rolf versucht seine Tochter zu beschwichtigen: „Das wird schon wieder.“ Doch diesmal bleibt Anna stur: „Ich vereinbare jetzt einen Termin für dich bei diesem Schmerzexperten. Keine Widerrede!“

Wenn Schmerz chronisch wird – so entsteht das Schmerzgedächtnis

Schmerz entsteht, wenn Sensoren an den Enden von Nervensträngen einen (Schmerz-)Reiz wahrnehmen. Diese Sensoren, die sog. Nozizeptoren, befinden sich in fast jedem Gewebeabschnitt des menschlichen Organismus, von wo aus sie Schmerzreize über das Nervensystem an das Gehirn weitergeben können. Das, was wir als Schmerz wahrnehmen, ist also eine Sinneswahrnehmung, die vor Verletzungen und Gefahren warnt. Die Intensität des wahrgenommenen Schmerzes muss jedoch nicht mit dem Ausmaß der Schädigung des betroffenen Gewebes übereinstimmen: Wir können Schmerz deutlich stärker oder deutlich schwächer wahrnehmen als die Schädigung vermuten lässt. Dieses subjektive Schmerzempfinden ist höchst individuell und sollte vom behandelnden Arzt ernst genommen werden.

Exkurs: Nozizeptoren

Hinter dem Begriff Nozizeptoren verbergen sich Nervenenden, die auch als freie Nervenendigungen bezeichnet werden. Sie funktionieren wie ein Sensor, der einen Schmerzreiz erstmalig wahrnimmt und die zunächst objektive Information, dass ein Schmerzmoment vorliegt, an das Nervensystem weitergibt. Über die Nervenstränge des zentralen Nervensystems (ZNS) wird die Information mithilfe von Synapsen und Neurotransmittern bis zum Gehirn weitergeleitet – in Sekundenbruchteilen. Wie intensiv der Schmerz wahrgenommen wird (Nozizeption), hängt mit der zentralen Verarbeitung des Schmerzreizes zusammen.

Es gibt verschiedene Arten von Nozizeptoren, die auf jeweils unterschiedliche Reize reagieren, die mechanischer, thermischer oder chemischer Art sein können:

  • mechanosensible Nozizeptoren reagieren auf mechanische Reize (u. a. Dehnung, Druck)
  • thermosensible Nozizeptoren reagieren auf extreme thermische Reize (Hitze >45°C/Kälte <5°C)
  • polymodale Nozizeptoren reagieren auf thermische, mechanische sowie chemische Reize (Substanzen, die bei Gewebsverletzungen und Entzündungen frei werden)

Sobald die Nozizeptoren einen Schmerz wahrnehmen, lösen sie einen elektrischen Impuls aus. Dieses Signal wird über die Nervenzellen zuerst ins Rückenmark und von dort aus ins Gehirn weitergeleitet. Die tatsächliche Wahrnehmung des Schmerzreizes erfolgt erst, wenn die Information das Gehirn erreicht hat – umso wichtiger ist eine schnelle Reizweiterleitung mithilfe der Nervenzellen.

Ist der wahrgenommene Schmerz akut, kann er lebensrettend sein und dient letztlich der Gesundheit. Der Besuch beim Arzt oder die Aufnahme im Krankenhaus mündet in einer Diagnose sowie einer Behandlung, in deren Verlauf der Schmerz abnimmt und am Ende nicht mehr vorhanden ist. Im besten Fall wird im Rahmen einer multimodalen Behandlung nicht nur das Symptom, sondern auch die Ursache des Schmerzes therapiert.

Leider ist dies jedoch nicht immer möglich: Vor allem unspezifische Schmerzen wie Rückenschmerzen lassen häufig keine direkte Ursache erkennen. Sowohl für den Patienten als auch den behandelnden Arzt ist es deshalb schwierig, eine geeignete Behandlung zu beginnen, die den Schmerz zielführend bekämpft. Wenn der Schmerz dann nach kurzer Zeit wieder auftritt, verbuchen Patienten ihn als medizinischen Misserfolg und verweigern ggfs. sogar den weiteren Arztbesuch, so wie Rolf aus unserer Anfangsgeschichte. Wird der Schmerz aber nicht weiterbehandelt, kann er chronisch werden: Das Schmerzgedächtnis entsteht.

Chronischer Schmerz ist ein Lernprozess

Der Begriff Schmerzgedächtnis mag zunächst abwegig klingen, hat aber seine Bewandtnis: Denn der Prozess der Schmerzchronifizierung, d. h. der Entstehung jenes Schmerzgedächtnisses, kann durchaus mit dem Prozess des Lernens verglichen werden. Wenn ein Thema (seien es Vokabeln in der Schulzeit oder wichtige Inhalte für den Beruf) oft genug wiederholt wird, wird es im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Während dieses Vorgangs, den wir gemeinhin als „Lernen“ bezeichnen, werden im Nervensystem durch die Verknüpfung von Synapsen Spuren gebildet, die die erlernte Thematik wieder abrufbar machen.

Gut zu wissen!
Synapsen sind Verbindungsstellen zwischen einzelnen Nervenzellen. Sie übernehmen im Nervensystem die Funktion der Informationsübermittlung: Mittels einer neuronalen Verknüpfung (der Synapse) steht eine Nervenzelle mit einer anderen, in der Regel direkt benachbarten Zelle, in Verbindung. Synaptische Verbindungen gibt es aber nicht nur zwischen Nervenzellen untereinander, sondern auch mit Sinneszellen, Muskelzellen oder Drüsenzellen.

So wie Vokabeln kann das Gedächtnis auch Schmerz „lernen“. Bleibt ein akuter Schmerz bestehen, verursachen die Nervenimpulse im Gedächtnis ebenfalls Spuren. Je öfter diese genutzt werden, weil der Schmerz gerade akut ist und von den Nervenendigungen an das Gehirn weitergeleitet wird, desto tiefer gräbt sich die Spur in das Gedächtnis ein. Als kritische Marke betrachtet die Medizin einen Zeitraum von ca. 12 Wochen: Hält der Schmerz über diesen Zeitraum hinaus an, spricht man von chronischen Schmerzen. Eine eindeutig identifizierbare Ursache für den Schmerz ist dann nicht mehr auszumachen. Deshalb werden chronische Schmerzen auch nicht mehr als Symptom einer Erkrankung, sondern selbst als Krankheit bezeichnet. Einfach gesagt: Das Gehirn hat sich an die Schmerzen gewöhnt und die Situation bleibt sowohl im Gedächtnis als auch in den Nervenbahnen bestehen, obwohl die Ursache nicht mehr akut ist oder sogar behoben wurde.

Die Folge des chronischen Schmerzes: Langzeitpotenzierung

Wenn immer wieder, auch ohne akute Ursache, Schmerzreize von einer bestimmten Körperstelle an das Gehirn weitergeleitet werden, stehen die Nervenbahnen sozusagen unter Dauerstrom. Diese permanente Reizung der Nervenbahnen führt dazu, dass die „Lernspuren“ immer tiefer werden und sich, vereinfacht gesagt, in das Gedächtnis einbrennen. Dieser Effekt wird verstärkt, weil die Nervenzellen immer sensibler auf den bereits bekannten Schmerzreiz reagieren. Wird der Schmerz nicht behandelt, kommt es zu einer strukturellen Veränderung der Zellen in Gehirn und Rückenmark: Die Nervenzellen werden umprogrammiert. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer Formbarkeit der Nervenzellen, die als Neuronale Plastizität bezeichnet wird. Wenn die Zellstrukturen immer wieder einen Schmerzreiz durchlaufen, verändert sich die Zelle dahingehend, dass der neuartige Zustand die ursprüngliche Struktur der Zelle überlagert. Diese langanhaltende Verstärkung der synaptischen Übertragung nennt man Langzeitpotenzierung.

Für die Entstehung der Langzeitpotenzierung sind in erster Linie drei Mechanismen verantwortlich:

  • Weil die synaptischen Verbindungen, die in Form von sogenannten Neurotransmittern für die Weiterleitung von Schmerzimpulsen zuständig sind, bei anhaltendem Schmerz wieder und wieder angesprochen werden, festigen sich die Verknüpfungen.
  • Je öfter der Schmerzreiz weitergeleitet wird, desto mehr Verknüpfungen entstehen – man kann sich diese wie Kanäle innerhalb der Nervenbahnen vorstellen, die, je öfter sie genutzt werden, immer breiter werden. Gleichzeitig sind mehr und mehr Neurotransmitter aktiv, die auch ohne konkreten Schmerzreiz dennoch ein Schmerzsignal an das Gehirn weiterfunken.
  • Je mehr Zeit vergeht, in der die neuronalen Kanäle ungehindert den Schmerz an das Gehirn kommunizieren können, desto fester werden die Spuren im Nervensystem. Dabei kommt es mittelfristig sogar zu einer Veränderung auf genetischer Ebene, indem die Nervenzellen umprogrammiert werden.

Durch die Langzeitpotenzierung wird die Schmerzschwelle im Bezug auf ein konkretes Schmerzerlebnis, z. B. im Rücken, herabgesetzt. Weil die Nervenzellen sensibler auf einen (selbst vermeintlichen) Schmerzreiz reagieren, erfolgt auch die Impulsweiterleitung an das Gehirn schneller als ursprünglich. Das Nervensystem hat sich den Ablauf durch die permanente Wiederholung sozusagen gemerkt – das Schmerzgedächtnis ist entstanden.

Symptome: Woran erkennt man das Schmerzgedächtnis?

Im Zusammenhang mit dem Schmerzgedächtnis ist der Schmerz gleichzeitig Symptom und Erkrankung. Es sind keine akuten Schmerzreize mehr notwendig, damit der Schmerz als solcher wahrgenommen wird. Obwohl die Ursache ggfs. bereits behoben wurde, ist der Schmerz spürbar, weil das Gehirn weiterhin eine Meldung des Schmerzreizes erhält. Wird eine Behandlung weiterhin hinausgezögert, kann der Schmerz zudem auf benachbarte Körperstellen übergreifen – dann werden auch dort Nervenzellen geschädigt bzw. umprogrammiert.

Als Symptome des Schmerzgedächtnisses können anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen ohne erkennbare oder diagnostizierbare Ursache genannt werden. Die eigentliche Ursache liegt in der Regel jedoch weit zurück und kann nicht mehr nachvollziehbar eingegrenzt werden – für den behandelnden Arzt ist ein chronischer Schmerz, der bereits ein Schmerzgedächtnis gebildet hat, nicht nur schwer zu diagnostizieren, sondern auch schwer zu behandeln. Des Weiteren nimmt die subjektive Schmerzempfindung zu, d. h. der Schmerz wird intensiver wahrgenommen, obwohl er sich an sich nicht verstärkt.

Die meisten Menschen fürchten sich vor Schmerzen. Dabei sind Schmerzen und Schmerz zu empfinden vollkommen alltäglich. Warum die Evolution mit dem Schmerz ein cleveres System im Organismus angelegt hat und welchen (positiven wie negativen) Einfluss Schmerzen haben können, erklärt Dr. Tobias Weigl im folgenden Video:

Wer ist betroffen?

Die Risikogruppe derer, die unter unglücklichen Umständen ein Schmerzgedächtnis entwickeln können, lässt sich im Grunde kaum bestimmen. Tatsächlich können chronischer Schmerz und folglich auch das Schmerzgedächtnis jeden treffen, der unter akuten Schmerzen leidet. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Schmerz lange genug anhält, um chronifizieren zu können. Vor allem Rückenschmerzpatienten, Menschen mit Gelenkschmerzen und Personen, die an anderen unspezifischen Schmerzen leiden, sollten deshalb einen Arztbesuch nicht zu lange hinauszögern: Je länger der Schmerz unbehandelt ertragen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schmerz chronisch wird.

Was das Schmerzgedächtnis und chronische Schmerzen so unberechenbar macht, ist, dass es im Grunde egal ist, wo der Schmerz sitzt. Die Funktionalität der Nervenzellen, der Nozizeptoren und der Reizweiterleitung ist an allen Körperstellen gleich: Wird ein Schmerzreiz nicht unterdrückt und anschließend dessen Ursache behandelt, führt die permanente Impulsweitergabe des Schmerzes zu den bereits beschriebenen Spuren, die sich im Gedächtnis einprägen. Denn genau hier sitzt auch das Schmerzgedächtnis: Im Hippocampus, dem Zentrum für Lern- und Gedächtnisleistungen des Menschen.

Eine der häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen und in der Folge die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses ist die Erkrankung Arthrose, die als Degeneration des Knorpelgewebes definiert wird. Sie entsteht an verschiedenen Gelenken des menschlichen Körpers, z. B. im Knie- oder Hüftgelenk. Im nachfolgenden Videobeitrag erklärt Dr. Tobias Weigl, wie Arthrose entsteht und wie die Knorpelschädigung ganzheitlich therapiert werden kann.

Hat ein Arzt bei Ihnen ein Schmerzgedächtnis diagnostiziert? Welche dieser Behandlungsformen fanden bei Ihnen Anwendung? (Mehrfachnennungen möglich) Mit Ihrer Antwort helfen Sie anderen Lesern, ein besseres Bild ihrer Erkrankung zu erhalten.

In seltenen Fällen kommt es dazu, dass ein Mensch keinerlei Schmerz spüren kann. Etwa 100 solcher Fälle sind weltweit bekannt. Verantwortlich für das fehlende Schmerzempfinden, das in der Medizin als Analgesie bezeichnet wird, ist ein äußerst seltener Gendefekt, der gewissermaßen das äußerste Gegenteil des Schmerzgedächtnisses beschreibt.

Was im ersten Moment für viele Menschen, die an regelmäßigen Schmerzen leiden, wie ein erstrebenswerter Zustand klingt, kann für die Betroffenen jedoch mitunter lebensgefährlich sein. Wer keine Schmerzen spüren kann, entwickelt auch keinen Sinn für Gefahren oder Warnsignale – Unfälle und Verletzungen sind somit das gesamte Leben hindurch vorprogrammiert.

Gut zu wissen!
In manchen Fällen ist es wichtig, dass die Schmerzwahrnehmung erst später einsetzt. Aus diesem Grund schüttet der Körper beispielsweise bei einem Unfall oder einer schweren Verletzung vermehrt Endorphine aus: In der extremen Situation wird der Schmerz dann nur schwach bzw. kurzfristig sogar gar nicht wahrgenommen – erst wenn der Organismus aus der direkten Gefahr ist und zur Ruhe kommt, überlagert der Schmerz die Endorphine.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Patienten mit chronischen Schmerzen sind in der Regel schon seit mindestens kurzer, meist aber seit langer Zeit in Behandlung. Je weiter die ursprüngliche Ursache, die hinter dem Schmerz steht, zurückliegt, desto schwieriger wird es für den behandelnden Arzt, eine konkrete Diagnose zu stellen. Wenn akute Therapiemethoden nichts mehr gegen den anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerz ausrichten können, muss der Arzt neue Wege für Diagnose und Therapie suchen. Ist dieser mit seinen Möglichkeiten am Ende, kann es sinnvoll sein, einen Spezialisten für Schmerzen und Schmerztherapie aufzusuchen.

Um der Entstehung der chronischen Schmerzen und des Schmerzgedächtnisses auf den Grund zu gehen, erfolgt auch nach bereits länger andauernder Behandlung zunächst eine Anamnese. Für den Arzt ist es in diesem Arzt-Patienten-Gespräch wichtig zu erfahren, wann der Schmerz zum ersten Mal aufgetreten ist, von welcher Körperstelle er ursprünglich ausging und ob sich die Lokalisation und die Intensität des Schmerzes im Laufe der Zeit verändert haben. Um seine Diagnose weiter eingrenzen zu können, wird der Arzt zudem erfragen, ob und wann bereits ein anderer Arzt aufgesucht wurde, wie die Diagnose lautete und welche Behandlungsverfahren eingesetzt wurden. Um die Intensität und Häufigkeit der Schmerzen beurteilen zu können, kann der Arzt den Patienten bitten, ein Schmerztagebuch zu führen. In dieses Dokument trägt er ein, wie oft und unter welchen Umständen die Schmerzen auftreten. Ein wichtiges Hilfsmittel dabei ist eine visuelle Analogskala, auf der der Patient die Schmerzintensität angeben kann. Die Skala reicht von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (stärkste vorstellbare Schmerzen).
Bevor er den Patienten körperlich untersucht, sichtet der Arzt zudem Arztbriefe, Diagnosen und Befunde aus früheren Untersuchungen. Auch die Ergebnisse bildgebender Verfahren, die andere Ärzte angeordnet haben, können dem Arzt das Verständnis der chronischen Schmerzen und ihrer eventuellen Ursache erleichtern.

Trotzdem ist es nicht leicht für den Arzt, die Diagnose „Chronische Schmerzerkrankung“ zu stellen, ohne zuvor eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt zu haben. Schmerzerkrankungen äußern sich bei jedem Betroffenen anders und erfordern dementsprechend auch viele verschiedene Überlegungen und Ansätze des behandelnden Arztes. Als erstes wird untersucht, ob es sich um akute oder chronische Schmerzen handelt. Diese Abgrenzung ist wichtig, da für beide Schmerzformen völlig unterschiedliche Therapieverfahren zum Einsatz kommen. Deshalb muss der Arzt mithilfe einer körperlichen Untersuchung sowie durch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, MRT und CT zunächst alle infrage kommenden körperlichen und organischen Ursachen ausschließen.

Hat der Arzt schließlich festgestellt, dass es sich tatsächlich um chronische Schmerzen handelt, kann er seine Diagnostik zielführender auf die vermutete Diagnose ausrichten, wobei er immer noch im Blick haben muss, dass der Schmerz doch eine andere, bislang nicht untersuchte Ursache haben kann. Da die Schmerzdiagnose sehr komplex ist und verschiedene Verfahren berücksichtigen sollte, gerät die Diagnostik häufig zur Teamarbeit: Der behandelnde Arzt kann mit Kollegen verschiedenster Fachrichtungen zusammenarbeiten und beispielsweise Internisten, Radiologen und Neurologen um ihr Fachwissen und ihre Beratung bitten.

Ein wichtiger Diagnoseschritt ist die neurologische Untersuchung, bei der der Arzt den Zustand des Nervensystems untersucht und es auf Funktionalität und Leistung testet. Die Dokumentation dieser Untersuchung nennt man Neurostatus oder neurologischen Befund.

Anschließend kann eine neurophysiologische Diagnostik erfolgen: Mit einem Verfahren namens Elektro-Neurographie (ENG) werden die Nervenleitungen untersucht. Ausgehend von den peripheren Nervenenden, die nicht am Gehirn oder im Rückenmark sitzen dürfen, wird gemessen, wie schnell ein Nerv elektrische Impulse weiterleitet. Bei diesem Verfahren kann außerdem ermittelt werden, wie die elektrische Nervenreizung auf den entsprechenden Muskel übertragen wird. Ist der Arzt unsicher, ob die Nervenbahn oder der Muskel selbst erkrankt ist, kann er zudem die Elektro-Myographie (EMG) einsetzen, bei der die natürliche Aktivität des Muskels gemessen wird.

Bildgebende Verfahren sind zumeist schon während der körperlichen Untersuchung zum Einsatz gekommen, jedoch können Ultraschall, Magnetresonanztomographie oder Computertomographie erneut eingesetzt werden, um eine weitergehende Diagnostik zu ermöglichen.

Fakten-Box
Schmerzgedächtnis
Bei chronischen Schmerzen

  • jeder kann betroffen sein, die einzige Voraussetzung ist vorangegangener akuter Schmerz
  • besonders häufig entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis bei Rückenschmerzen und Gelenkschmerzen, z. B. Arthrose, oder Rheuma

Symptome

  • Zunahme der subjektiven Schmerzempfindung bei gleichbleibender oder sogar abnehmender (akuter) Schmerzintensität
  • anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen ohne erkennbaren Auslöser

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Weil der Schmerz, den ein Patient empfindet, von Fall zu Fall unterschiedlich ist, muss die Behandlung individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse ausgerichtet werden. Nicht nur ist die Schmerzschwelle unterschiedlich, auch die Wahrnehmung, wo und wie der Schmerz auftritt, ist bei jedem anders. Ganz wichtig ist deshalb, dass die Therapie multimodal durchgeführt wird: Eine Kombination verschiedener Behandlungsformen, die sowohl konservativ als auch alternativ sein können, wird dabei genau so auf den Patienten zugeschnitten, dass er den größten Nutzen daraus ziehen kann.

Das Ziel der multimodalen Schmerztherapie ist die langfristige Schmerzfreiheit des Patienten. An deren Beginn kann z. B. eine medikamentöse Behandlung stehen, die dem WHO-Stufenschema folgt. Dieses wurde zwar ursprünglich für die Therapie von Tumorschmerzen entwickelt, findet aber auch in der Behandlung chronischer Schmerzen mehr und mehr Berücksichtigung. Im Rahmen des WHO-Stufenschemas erfolgt eine Behandlung mit Medikamenten, die Nicht-Opioid-Analgetika mit Opioiden kombiniert.

Nachdem sich die Schmerzen durch die permanente Reizweiterleitung durch das Nervensystem wortwörtlich in den Organismus eingebrannt haben, ist eine zielgerichtete Schmerzbehandlung in den meisten Fällen nur noch möglich, indem die Spuren, die der Schmerz im Nervensystem hinterlassen hat, mit neuen Informationen überschrieben werden. Je früher die Behandlung begonnen werden kann, desto besser sind die Aussichten für ein weitgehend schmerzfreies Leben – jedoch sollte sich jeder Schmerzpatient darauf einstellen, dass eine vollständige Löschung des Schmerzes kaum möglich ist. Ziel der Therapie ist in solchen Fällen, dass der Arzt gemeinsam mit dem Patienten Wege findet, besser mit dem (noch vorhandenen) Schmerz umzugehen.

Die wichtigsten Bausteine einer multimodalen Schmerztherapie sind:

  • Medikamente
  • Physiotherapie
  • Manuelle Therapie
  • Bewegungstherapie
  • Elektrotherapie (z. B. TENS: Transkutane Elektrische Nervenstimulation oder SFMS: Small Fibre Matrix Stimulation)
  • Psychotherapie (z. B. Verhaltenstherapie)
  • Techniken zur Schmerzbewältigung (häufig im Rahmen der Psychotherapie)
  • Biofeedback
  • Alternative Heilverfahren
  • Akupunktur
  • Entspannungstechniken

Erst wenn der Patient versteht, dass nicht allein körperliche Ursachen für den chronischen Schmerz und in dessen Folge auch das Schmerzgedächtnis verantwortlich sein müssen, kann die multimodale Behandlung begonnen werden. Neben den körperlichen Prozessen beeinflussen auch Stress, die Ernährung oder bestimmte Verhaltensweisen die Schmerzwahrnehmung. Im Rahmen von therapeutischen Verfahren wie etwa einer Verhaltens- oder Psychotherapie lernt der Patient, dass er selbst durchaus auf seine Schmerzwahrnehmung einwirken kann.

Ein wichtiges Instrument der Therapie ist deshalb das sogenannte Schmerztagebuch. Indem der Patient detailliert notiert, wann, zu welchen Tageszeiten und in welcher Intensität die Schmerzen auftreten, lassen sich Zusammenhänge mit dem Alltag des Patienten herstellen. So kann es beispielsweise vorkommen, dass jobbedingter Stress oder psychische Problemlagen mit dazu beitragen, dass der chronische Schmerz verstärkt auftritt.

Mithilfe elektrischer Therapieverfahren kann der Arzt zudem dazu beitragen, dass die Schmerzwahrnehmung nachlässt. Grund dafür ist die neuronale Plastizität, d. h. die Fähigkeit des Gehirns, sich im Laufe des Lebens zu verändern und neue Strukturen zu erlernen. Sie ermöglicht es der Medizin, mithilfe elektrischer Impulsgebung die negativen Informationen, die Spuren in den Nervenbahnen hinterlassen haben, neu zu programmieren. Zum Einsatz kommen dabei z. B. die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) oder die Small Fibre Matrix Stimulation (SFMS).

Achtung!
Für ein gesteigertes Schmerzempfinden muss nicht immer eine Chronifizierung eines akuten Schmerzes verantwortlich sein! Auch genetische, psychische und soziale Faktoren können das Schmerzempfinden beeinflussen und sollten bei der Therapie Berücksichtigung finden.

Häufige Patientenfragen

Lässt sich die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses vermeiden?

Dr. T. Weigl
Der wichtigste Rat, den ich Patienten mit Schmerzen geben kann, ist, den Arztbesuch und die Behandlung nicht aufzuschieben. Egal, ob Sie Rücken- oder Gelenkschmerzen haben, sollten Sie nicht zögern, zum Arzt zu gehen. Chronische Schmerzen sind in vielen Fällen die Folge eines nicht oder zu spät behandelten, akuten Schmerzes. Die schnelle und zielgerichtete Therapie akuter Schmerzen egal welchen Ursprungs ist ein wichtiges Mittel, um die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses schon im Vorfeld zu vermeiden.

Kann das Schmerzgedächtnis mit Medikamenten behandelt werden?

Dr. T. Weigl
Um den akut auftretenden Schmerz (auch bei chronischen Schmerzen wechseln sich Phasen aus Schmerz und Nicht-Schmerz ab) am Beginn der Behandlung zu lindern und die überreizten Nervenbahnen zu entlasten, können in der Schmerztherapie selbstverständlich Medikamente zum Einsatz kommen. Allerdings ist anzuraten, möglichst wenige Medikamente zu nehmen, und nur so viele, wie nötig sind, um den Schmerz einzudämmen. Ergänzend zu der Behandlung mit Medikamenten sollte jedoch stets eine multimodale Therapie angewendet werden, die dazu beiträgt, dass nach dem Absetzen der verschriebenen Medikamente nicht wieder erneut Schmerzen auftreten. Nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen sind z. B. die Physiotherapie oder eine Umstellung der Ernährung.

Kann das Schmerzgedächtnis gelöscht werden?

Dr. T. Weigl
Einfach löschen lässt sich das Schmerzgedächtnis leider nicht. Auf Knopfdruck das Schmerzempfinden wieder auf „Null“ zu stellen ist aus medizinischer Sicht weder möglich noch sinnvoll. Es gibt allerdings Methoden, mit denen sich das Schmerzgedächtnis ein weiteres Mal umprogrammieren lässt: Wenn das Gedächtnis gelernt hat, Schmerz als normal zu empfinden, kann man ihm durch gezielte schmerztherapeutische Methoden auch neue Muster beibringen. Der multimodale, ganzheitliche Therapieansatz, der dabei verfolgt wird, setzt sich aus unterschiedlichen Maßnahmen zusammen. Dazu gehören u. a. Medikamente, Krankengymnastik, Akupunktur, alternative Heilverfahren, Massagen und physikalische Therapien.

Aktuelles aus der Forschung
Eine im skandinavischen Schmerzjournal veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2017 bestätigt, dass ein multimodaler Therapieansatz die Behandlung chronischer Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich positiv beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen u. a., dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen eine verlangsamte Reizverarbeitung haben. Festgestellt wurden außerdem Wechselwirkungen der kognitiven Funktionsfähigkeit mit Schmerzen, Depressionen, Angstzuständen und Medikamenten.Quelle – Schiltenwolf et al. (2017): The cognitive impact of chronic low back pain: Positive effect of multidisciplinary pain therapy. in: Scandinavian Journal of Pain, Band 17, Heft 1, S. 273-278.

Muss man ein Schmerzgedächtnis behandeln?

Auf jeden Fall sollte ein Schmerzgedächtnis behandelt werden. Im besten Fall kann eine ärztliche Behandlung von vornherein verhindern, dass sich überhaupt ein Schmerzgedächtnis entwickelt. Doch auch wenn bereits chronische Schmerzen entstanden sind, müssen Patienten ihre Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben nicht aufgeben. Eine Behandlungsverweigerung wäre der falsche Weg, schließlich möchte niemand für den Rest seines Lebens starke Schmerzen ertragen. Moderne Behandlungsmethoden ermöglichen zwar kein Löschen des Schmerzgedächtnisses, tragen aber dazu bei, die Nervenbahnen soweit wieder neu zu konfigurieren, dass der chronische Schmerz mit entsprechenden Anpassungen im Verhalten, z. B. der Ernährung oder regelmäßiger Bewegung, erträglicher werden.

Der Besuch beim Schmerzspezialisten löst großen Kummer in Rolf aus: Ein Schmerzgedächtnis hat sich gebildet. Der Arzt erklärt, dass die fortwährende Übertragung von Schmerzreizen aus dem Rücken sich sozusagen in seine Nervenbahnen eingebrannt hat. Das sei vergleichbar mit einem Trampelpfad, der mit regelmäßiger Benutzung zu einem immer breiteren Weg wird. Der Arzt schlägt eine multimodale Therapie vor, die nicht nur Medikamente, sondern auch Krankengymnastik, Massagen und eine Elektrotherapie umfasst. Ob er diesem Verfahren namens Small Fiber Matrix Stimulation trauen soll, weiß Rolf noch nicht, denn das alles ist ihm unheimlich. Aber weniger Schmerzen fände er natürlich auch nicht so schlecht – deshalb nimmt er hin, dass bald noch eine ganze Menge weitere Arztbesuche auf ihn zukommen.

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Haben auch Sie Erfahrungen mit chronischen Schmerzen und der Entstehung eines Schmerzgedächtnisses? Haben Sie Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!

Autoren: Dr. Tobias Weigl, Christine Pepersack
Redaktion: Christopher Keck
Veröffentlicht: 09.12.2018

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

  • Bernateck, M. et al. (2017): Schmerzmedizin – 1000 Fragen. 2. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Schünke, M. et al. (Hrsg.) (2015): Prometheus Lernatlas der Anatomie: Kopf, Hals und Neuroanatomie. 4. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Bähr, M., Frotscher, M. (2014): Neurologisch-topische Diagnostik. 10. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Flor, H. (2012): New developments in the understanding and management of persistent pain. in: Current Opinion in Psychiatry Nr. 25, S. 109–113.
  • Trepel, M. (2011): Neuroanatomie: Struktur und Funktion. 5. Auflage. Urban & Fischer, München.
  • Apkarian, A. V. et al. (2011): Pain and the brain: Specificity and Plasticity of the Brain in Clinical Chronic Pain. in: Pain Nr. 152, S. S49–64.
  • Schmidt, R., Schaible, H. (2005): Neuro- und Sinnesphysiologie. 5. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg.
  • Gallacchi, P. (2005): Schmerzkompendium – Schmerzen verstehen und behandeln. 2. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Sandkühler, J. (2001): Schmerzgedächtnis: Entstehung, Vermeidung und Löschung. in: Deutsches Ärzteblatt Bd. 98 (Nr. 42), A-2725 / B-2340 / C-2172
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