Sign up with your email address to be the first to know about new products, VIP offers, blog features & more.

Narkosemedikamente – Opioide, Hypnotika und Muskelrelaxanzien zur Narkose

Eine Narkose setzt sich zusammen aus Schmerzlinderung, Muskelentspannung und Beruhigung. Um die ideale Kombination dieser Aspekte zu erreichen, muss der Anästhesist das Narkosemedikament entsprechend der individuellen Patienten und Eingriffe anpassen. Dabei kommen viele verschiedene Wirkstoffe zum Einsatz.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

Ein ideales Anästhetikum, das intravenös gespritzt wird, sollte diverse Eigenschaften in sich vereinen. Dazu gehören z. B. eine gute Steuerbarkeit der Narkosetiefe, eine hohe Wirksamkeit bei möglichst niedriger Dosis sowie eine ordentliche therapeutische Breite, sodass also während des Eingriffs Probleme mit dem Herz-Kreislaufsystem oder der Atmung vermieden werden können. Um eine solche Narkose zu erzielen, kommen vor allem Opioide, also stark wirksame Schmerzmittel, Hypnotika, also Schlafmittel, und Muskelrelaxanzien, also Medikamente, die zur Entspannung der Muskulatur führen, zum Einsatz. Welchen Einfluss die einzelnen Medikamente auf eine Narkose haben, erfahren Sie im nachfolgenden Artikel.

„So, Frau Breitner, wir leiten jetzt die Narkose ein.“, hört Manuela Breitner den netten Arzt neben ihr sagen, während sie sich, mittlerweile entspannt, im Operationssaal umsieht. „Zählen sie doch einfach mal von 10 runter, vielleicht schaffen sie’s ja.“, sagt der Arzt noch
keck. Kann ja nicht so schwer sein. „10, 9, 8, 7, seeeechs …fü …“ und Manuela fällt in einen tiefen Schlaf. Leicht grinsend wendet sich der Chirurg an das Operationsteam: „Nicht schlecht für den ersten Eingriff. Dann mal los, Kollegen!“

Wie sieht eine ideale Narkose aus?

Ein ideales Narkosemittel würde eine gleich gute Wirkung in puncto Schmerzlinderung, Beruhigung und Muskelentspannung voraussetzen. Leider existiert ein solches Mittel bisher nicht. Denn eine solche Wirkung kann bei einzelnen Medikamenten bisher nur durch eine sehr hohe Dosierung erreicht werden, welche mit einem hohen Risiko einhergeht. Daher greift man heutzutage vor allem auf eine sogenannte Kombinationsnarkose zurück, bei der sich einzelne Medikamente hinsichtlich ihrer Wirkung ideal ergänzen. Die elementaren Bausteine ebendieser Kombinationsnarkose bilden

  • Volatile Anästhetika,
  • Opioide,
  • Sedativa und Hypnotika und
  • Muskelrelaxanzien.

Diese Mittel werden zum Teil über die Atmung und zum Teil intravenös verabreicht, also über eine Kanüle als Zugang in die Körpervenen eingespritzt. Welchen Einfluss welcher Baustein auf die Narkose hat, erfahren Sie im Folgenden.

Narkosemedikamente – Volatile Anästhetika

Bei volatilen Anästhetika (= Narkosegase) handelt es sich um Narkosemittel, die Patienten über die Atemluft zugeführt werden. Sie werden dann über die Lungenbläschen (sog. ‚Alveolen‘) in das Blut befördert, wodurch sie in das Gehirn gelangen und das Bewusstsein ausschalten können. Hierbei handelt es sich um eine sog. Inhalationsnarkose. Volatile Anästhetika gelten aufgrund ihrer sicheren Handhabung noch heute als Standardnarkosemittel. Die gängigsten Wirkstoffe sind:

  • Desfluran
  • Isofluran
  • Sevofluran
  • Xenon

Ein ideales Narkosegas, das bis dato leider nicht existiert, würde die folgenden Aspekte verbinden:

  • Schnelles An- und Abfluten und dementsprechend schnelles Einschlafen und Aufwachen
  • Muskelrelaxierung
  • Schmerzlinderung (sog. ‚Analgesie‘)
  • Eine Erweiterung der Bronchien (sog. ‚Bronchodilatation‘), sodass mehr Atemluft und dementsprechend mehr Sauerstoff während der Narkose in die Lunge gelangen kann
  • Hohe Wirkstärke und also eine nur geringe Dosierung notwendig
  • Niedrige Kreislaufdepression (Blutdruck und Herzschlag bleiben stabil)
  • Vermeiden von Übelkeit und Erbrechen nach dem Eingriff
  • Auslösen maligner Hyperthermie (auch „Narkosefieber“: gefährliche, mitunter lebensbedrohliche Narkosekomplikation) bleibt aus
Info: An- und Abflutung von Narkosegasen
Unter einer schnellen Anflutung eines Narkosegases versteht man, dass es schnell von unserem Körper aufgenommen wird. Dadurch tritt eine plötzliche bzw. schnelle und starke Wirkung ein. Das Gegenteil dazu ist die schnelle Abflutung, also ein schnelles Ende der Wirkung eines Wirkstoffs. Beide Eigenschaften sind für eine optimale Kontrolle der Narkosedauer wichtig.

Nebenwirkungen

In der Realität hat sich ein solches umfassendes Inhalationsanästhetikum bisher allerdings nicht finden lassen können. Denn bspw. jedes volatile Anästhetikum, das weiter oben gelistet wurde, gilt als auslösende Substanz für die maligne Hyperthermie, eine zwar seltene, aber sehr gefährliche, in vielen Fällen lebensbedrohliche, Narkosekomplikation. Überdies gehen die Substanzen mit postoperativer Übelkeit bis hin zum Erbrechen einher, verursachen Atemdepressionen und nach der Narkose ein Gefühl von Unruhe.

Der nachfolgenden Tabelle können die Vor- und Nachteile der gängigen volatilen Anästhetika entnommen werden.

AnästhetikumVorteilNachteil
Desfluranschnelles An- und Abflutenerhöhter Blutdruck bei schnellem Anfluten
IsoflurankostengünstigBlutdruckabfall, Hirndruckanstieg, langsames An- und Abfluten
Sevofluranschnelles An- und Abflutenin zu hohen Konzentrationen ist eine Nierenschädigung möglich
Xenonschnelles An- und Abfluten, Kreislaufstabilitätsehr teuer, Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff möglich

Narkosemedikamente – Opioide

Bei Opioiden handelt es sich um sowohl die ältesten als auch potentesten Mittel zur Behandlung akuter sowie chronischer Schmerzen. Im Rahmen der Anästhesie haben sie im Verlauf der Zeit zu einer starken Zunahme der Patientensicherheit bei einer Vollnarkose (sog. ‚Allgemeinanästhesie‘) geführt. Sie ermöglichen die Reduktion nachteiliger Wirkungen auf das Herz und das Gefäßsystem (sog. ‚kardiovaskulär‘), die sich bspw. durch die Gabe von Barbituraten, welche zu den Hypnotika zählen und in der Kombinationsnarkose zum Einsatz kommen, ergeben. Am häufigsten im Rahmen der Allgemeinanästhesie angewendet werden:

  • Fentanyl
  • Sufentanil
  • Alfentanil
  • Remifentanil
  • Morphin

Opioide beschreiben eine Medikamentengruppe, die allesamt dem Morphin nachempfunden sind. Wie bereits erwähnt, ist ihr Haupteinsatzgebiet die Schmerztherapie. Daher erfolgt eine Unterscheidung der Opioide vor allem anhand ihrer schmerzlindernden (sog. ‚analgetischen‘) Wirkung. Möchte man also eine bestimmte Analgesie erreichen, kann man die Dosierung reduzieren und auf ein stärkeres Opioid zurückgreifen. In der folgenden Tabelle können die Wirkungsstärken im Vergleich zum Morphin als Referenzsubstanz mit dem Wert 1 eingesehen werden.
In diesem Video erklärt Dr. T. Weigl die sog. „stark-wirksamen Opioide“ und nennt konkrete Beispiele wie Morphin oder Oxycodon. Er erklärt auch die Gefahren durch eine (Dauer-)Einnahme von Opioiden.

Opioidschmerzlindernde Wirkung im Vergleich zum Morphin
Morphin1
Alfentanil30-40-fach
Fentanyl125-fach
Refmifentanil100-200-fach
Sufentanil1000-fach

Welche Nebenwirkungen haben Opioide bei der Allgemeinanästhesie?

Opioide weisen im Allgemeinen zahlreiche Nebenwirkungen auf. Dazu zählen vor allem Verstopfungen (sog. ‚Obstipationen‘), ein starkes Abhängigkeitspotenzial, das bei einer Überdosierung zur sogenannten Opioidintoxikation, also eine Art Vergiftung, mit verringerter Atmungsfrequenz (sog. ‚Atemdepression‘), Koma und Engstellung der Pupille (sog. ‚Miosis‘) führen kann.

Im Rahmen einer Allgemeinanästhesie verursachen Opioide vor allem eine Atemdepression, da diese auch schon bei klinischen Dosen relevant wird. In diesem Zusammenhang ergibt sich eine sogenannte Thoraxrigidität (= Starre der Brustkorbmuskulatur), die eine Atmung oder Beatmung signifikant erschweren kann. Im schlimmsten Fall ist eine Beatmung nicht mehr möglich. Dann muss umgehend die Muskulatur entspannt werden.

Weniger Einfluss haben Opioide kardiovaskulär, also auf Herz und Kreislauf. Solange vermieden werden kann, dass eine zu geringe Menge Blut im Blutkreislauf zirkuliert (sog. ‚Hypovolämie‘, z.B. aufgrund eines erheblichen Blutverlustes), sollte das kardiovaskuläre System nicht beeinträchtigt werden. Es kommt höchstens zu einer geringen Abnahme von Herzfrequenz, Blutdruck und Venendruck.

Opioide haben zudem auch periphere Nebenwirkungen (im Gegensatz zur schmerzlindernden Wirkung im Gehirn = zentral). Sie bewirken bspw. die Erregung der Eingeweidemuskulatur, was zu einem Druckanstieg im Gallengangsystem führt. Außerdem bewirken sie eine erschwerte Magen- und Blasenentleerung sowie Verstopfung. Des Weiteren können Opioide Übelkeit und Erbrechen sowie Juckreiz verursachen und bei sehr hoher Dosierung Histamin freisetzen.

Exkurs: Das Opioid Fentanyl

Fentanyl ist ein stark wirksames Opioid. Es wird sowohl in der Anästhesie als auch in der Notfallmedizin standardmäßig als Narkose- oder Schmerzmittel verwendet. Allerdings kommt es auch bei Tumorschmerz sowie bei starken chronischen Gelenkschmerzen, z. B. infolge von Arthrose, zum Einsatz.

Sein schneller Wirkeintritt ist Vorteil und Nachteil zugleich. Denn oft wird Fentanyl auch als Droge missbraucht. Fehldosierungen führten im Jahr 2015 zu deutschlandweit insgesamt 87 Todesfällen. Es erfüllt medizinisch also eine wichtige Aufgabe, geht aber mit gefährlichen Nebenwirkungen einher, von denen die wohl nennenswerteste die Abhängigkeit ist, welche sich in drei Formen manifestieren kann:

  • Toleranz (Gewöhnung)
  • Körperliche Abhängigkeit
  • Psychische Abhängigkeit

 

Video: Fentanyl analysiert

In diesem Beitrag erklärt Arzt und Gesundheitsexperte Dr. Tobias Weigl, was Fentanyl ist, wofür es eingesetzt wird, wie es wirkt und welchen Stellenwert es als Droge einnimmt. Denn Fentanyl trägt u. a. die Bezeichnung „des Heroins tödlicherer Cousin“.

Wenn Sie mehr über Fentanyl erfahren möchten, empfehlen wir zudem die Lektüre des umfassenden Artikels.

Narkosemedikamente – Sedativa und Hypnotika

Im Rahmen einer Anästhesie kommen Hypnotika, auch als Schlafmittel bezeichnet, und
Sedativa, also Beruhigungsmedikamente, zum Einsatz, um das Bewusstsein des Patienten
auszuschalten.

Bei einer Sedierung handelt es sich um einen sogenannten Zustand psychomotorischer Indifferenz. In ebendiesem Zustand wird Schlaf zwar ermöglicht, der Patient bleibt aber ansprech- und erweckbar.

Bei einer Hypnose hingegen handelt es sich um einen sogenannten Zustand erzwungenen Schlafs, im Rahmen wessen der Patient nicht mehr durch Reize von außen geweckt werden kann.

Beide Zustände gelten als Vorstufen der Narkose und haben auch einen Erinnerungsverlust
zur Folge (sog. ‚Amnesie‘). Allerdings fehlt beiden Zuständen die schmerzlindernde (sog. ‚analgetische‘) Komponente, die erst mit der Narkose und der Verabreichung entsprechender Opioide erzielt wird. Sowohl Sedierung als auch Hypnose können auf unterschiedliche Weise erzielt werden. Zum einen können Benzodiazepine, also Wirkstoffe mit angstlösenden und beruhigenden Eigenschaften, in Tablettenform zur Sedierung gegeben oder Hypnotika über die Venen gespritzt werden. Zum anderen können aber auch Narkotika in Form von volatilen, also dampfförmigen, Inhalationsanästhetika zum Einsatz kommen. Letztere bewirken in fließenden Übergängen Sedierung, Hypnose und dann Narkose.

Die bei einer Hypnose am häufigsten eingesetzten Arzneistoffe sind:

  • Propofol
  • Thiopental
  • Etomidat
  • Midazolam
  • Ketamin

Sie haben, mit Ausnahme von Ketamin, keine schmerzlindernde Wirkung und werden daher bei schmerzhaften Eingriffen immer mit Opioiden kombiniert.

Propofol ist das wohl gängigste Hypnotikum im Rahmen einer Narkose. Es erlaubt eine gute
Steuerbarkeit der Narkose und wird durch bereits bestehende Erkrankungen wie z.B. eine Niereninsuffizienz nur geringfügig in seiner Wirkdauer beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass es Übelkeit und Erbrechen entgegenwirkt, es hat also einen sogenannten antiemetischen Effekt. Nebenwirkungen von Propofol umfassen kurzzeitige Atemdepressionen (also eine Behinderung der Atmung) und einen Blutdruckabfall (sog. ‚Hypotonie‘). Bei längerer Anwendung kam es in mehreren Fällen bereits zu einer Übersäuerung des Blutes (sog. ‚Laktatazidose‘, Anzeichen sind Übelkeit, Bauchschmerzen und eine schnelle Atmung, sog. ‚Kussmaul-Atmung‘), Zerfall der Skelettmuskulatur (sog. ‚Rhabdomyolyse‘), akutem Nierenversagen, bradykarden, also niederfrequenten, Herzrhythmusstörungen und Kreislaufversagen.

Die ersten intravenösen Hypnotika, die zum Einsatz kamen, waren sogenannte Barbiturate, zu denen das Thiopental gehört. Bei diesen handelt es sich nicht um reine Hypnotika, sondern auch um Narkotika (sie können also eine Narkose auslösen). Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie dosisabhängig sämtliche Teilqualitäten einer Narkose enthalten. Thiopental weist einen etwas schnelleren Wirkeintritt als Propofol auf und wirkt etwa ebenso lange. Allerdings sind mögliche Nebenwirkungen schwerwiegender. Wird Thiopental falsch bzw. nicht über einen richtig liegenden, venösen Zugang appliziert, kann es, wenn das Medikament neben den Zugang und also ins umliegende Gewebe läuft, zum Absterben des umliegenden Gewebes (sog. ‚Nekrosen‘) und gar dem Verlust von Gliedmaßen kommen. Überdies kann es einen stärken Blutdruckabfall als Propofol zur Folge haben.

Kontraindikationen
Unter gewissen Umständen sollte unbedingt auf ein anderes Präparat als ein Barbiturat ausgewichen werden. Arzneistoffe wie Thiopental sollten nicht zum Einsatz kommen bei Patienten mit:

  • Porphyrie (seltene Stoffwechselerkrankung)
  • Dekompensierter Herzinsuffizienz
  • Status asthmaticus, also schwere Asthmaanfall-Symptomatik über 24 Stunden
  • Barbituratallergie
  • Schock
  • Herzinfarkt

Bei kardialen Risikopatienten (Patienten mit erhöhtem Risiko für Herzkreislauferkrankungen) eignet sich das Präparat Etomidat, das mit einer guten hämodynamischen Stabilität einhergeht. Das bedeutet, dass ein normaler Blutfluss weitgehend erhalten bleibt. Blutdruck und Herzfrequenz werden nicht oder nur wenig beeinträchtigt. Atemdepressionen, die durch Etomidat ausgelöst werden, sind meist nur von kurzer Dauer. Allerdings kommt es bei der Gabe von Etomidat häufig zu plötzlich auftretenden und kurz andauernden Muskelzuckungen, die ggf. durch Opioide reduziert werden können. Überdies verursacht Etomidat häufiger postoperativ Übelkeit und Erbrechen.

Gut zu wissen!
Etomidat ist nicht zur längeren Anwendung geeignet, da es die Kortisolherstellung der Nebennierenrinde hemmt. Kortisol ist die Vorstufe des Kortisons, was aktivierend auf viele Stoffwechselvorgänge im Körper wirkt.

Zur Gruppe der sogenannten Benzodiazepine gehört bspw. Midazolam, dessen Wirkung langsamer und weniger zuverlässig eintritt als bei anderen Hypnotika. Bei der Kombinationsanästhesie kommt es daher nur im Zusammenspiel mit anderen Hypnotika zum Einsatz. Allerdings besticht dieses Präparat durch eine gute angstlösende (sog. ‚anxiolytische‘), krampflösende (sog. ‚antikonvulsive‘) sowie amnestische Wirkung. Unter einer amnestischen Wirkung versteht man das Herbeiführen eines kurzzeitigen Gedächtnisverlusts. Es eignet sich daher eher zur Sedierung als zur Hypnose. Bei höherer Dosierung kann es eine Atemdepression auslösen. Außerdem kann es, wie alle Benzodiazepine, sogenannte paradoxe Wirkungen mit Aggressivität und Erregungszuständen verursachen.

Eine Sonderstellung unter den Sedativa und Hypnotika nimmt das Ketamin ein. Es bewirkt
lediglich einen oberflächlichen Bewusstseinsverlust, hat aber eine gute schmerzlindernde Wirkung. Es eignet sich besonders für die Notfallmedizin, da die menschlichen Schutzreflexe auch nach der Gabe erhalten bleiben und es als relativ kreislaufstabil gilt. Allerdings ist stets eine Kombination mit Propofol oder Benzodiazepinen anzustreben, da Ketamin psychomimetische Nebenwirkungen haben kann. Darunter fallen bspw. Angstzustände, Halluzinationen oder Störungen des emotionalen Erlebens (sog. ‚Dysphorie‘).

Exkurs: Gefahr der Benzo-Abhängigkeit

Zwar haben Benzodiazepine wie Midazolam einen guten Nutzen im Rahmen der Anästhesie, da sie vor einem Eingriff sedierend, also beruhigend wirken. Allerdings haben bspw. Valium mit dem Wirkstoff Diazepam, Dormicum mit dem Wirkstoff Midazolam und Tavor mit dem Wirkstoff Lorazepam als typische Beruhigungstabletten auch gefährliche Nebenwirkungen.

Neben dem in diesem Artikel beschriebenen Nutzen von Benzodiazepinen zur Narkoseeinleitung kommen sie auch bei

  • Angst- und Spannungszuständen,
  • Schlafstörungen,
  • Krampfanfällen und Epilepsie sowie
  • Muskelschmerzen oder -verspannungen zum Einsatz.

Wie immer gilt aber auch hier: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Dies gilt vor allem bei einer Einnahmedauer von mehr als 6 Wochen. Denn ab dann steigt das Abhängigkeitspotenzial stark an, auch wenn sich das Risiko dafür von Person zu Person unterscheidet. Als drei Hauptgefahren im Zusammenhang mit einer längeren Einnahme von Benzodiazepinen gelten ein hohes körperliches Abhängigkeitspotenzial, ein hohes psychisches Abhängigkeitspotenzial sowie drastische Entzugserscheinungen, wenn das Medikament abgesetzt wird. Klassische „normale“ Nebenwirkungen von Benzodiazepinen umfassen:

  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Niedergeschlagenheit
  • Muskelschwäche
  • Benommenheit
  • Gedächtnisstörungen
  • Schwindel
  • Sexuelle Unlust
  • Erregung und Verwirrtheit

 

Video: Über den Nutzen und die Gefahren von Benzodiazepinen

Im nachfolgenden Beitrag geht Schmerztherapeut Dr. Tobias Weigl auf die Vor- und Nachteile von Valium, Dormicum usw. ein, die alle zu den sogenannten Benzodiazepinen zählen und denen eine beruhigende Wirkung gemein ist. Überdies klärt er über teils heftige Nebenwirkungen auf, die sich vor allem nach langfristiger Einnahme ebensolcher Medikamente ergeben können.

Haben Sie schon einmal Benzodiazepine genommen? Welche Nebenwirkungen haben sich bei ihnen ergeben? (Mehrfachnennungen möglich)

Narkosemedikamente – Muskelrelaxanzien

Die meisten Muskelrelaxanzien verursachen eine Erschlaffung der Skelettmuskulatur, indem sie die nervale Steuerung der Muskelzellen (sog. ‚neuromuskuläre Übertragung‘) unterbrechen. In der Medizin und vor allem in der Anästhesie werden diejenigen Muskelrelaxanzien verwendet, deren Wirkung schnell wieder aufgehoben
werden kann und die nur mit einer geringen Toxizität einhergehen.

Gut zu wissen!
Unter der Skelettmuskulatur versteht man die Muskulatur unseres Bewegungsapparates. Auf mikroskopischer Ebene ist dies die sog. quergestreifte Muskulatur. Dem gegenüber steht die glatte Muskulatur, welche sich beispielsweise in unseren Blutgefäßen findet.

Bei einer Kombinations- bzw. Allgemeinanästhesie kommen Muskelrelaxanzien zum Einsatz, um die quergestreifte Muskulatur vollständig zu lähmen. Dadurch ist die Intubation, also das Einbringen des Beatmungsschlauches, besser möglich und das Verletzungsrisiko hierbei wird verringert.

Die Gabe von Muskelrelaxanzien erfolgt immer erst nach der Gabe eines Hypnotikums und auch nur dann, wenn eine Möglichkeit zur Beatmung gewährleistet ist. Des Weiteren wird stets vor der Ausleitung der Narkose darauf geachtet, ob sich die Muskeln entsprechend erholt haben und wieder vollkommen funktionsfähig sind.

Es ist wichtig, zu erwähnen, dass die Zeit bis zum Eintritt der maximalen Wirkung (sog. ‚Anschlagszeit‘) sowie die Wirkdauer bei Muskelrelaxanzien dosisabhängig ist. Eine höhere Dosierung hat also eine verkürzte Anschlagszeit und eine längere Wirkdauer zur Folge.

Nebenwirkungen der Muskelrelaxanzien

Werden Muskelrelaxanzien verabreicht, äußert sich dies bei sogenannten depolarisierenden
Muskelrelaxanzien (Vertreter ist das Succinylcholin)in Form einer initialen Muskelkontraktion der gesamten Skelettmuskulatur(sog. ‚Faszikulation‘). Die Patienten zucken am gesamten Körper. Diese ist für gesunde Patienten in der Regel ungefährlich. Problematisch wird es, wenn bei Patienten ein Kalium-Überschuss (sog. ‚Hyperkaliämie‘) vorliegt, da dies dann zum Teil lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Überdies kann ein Kaliumanstieg bei Patienten mit Brandverletzungen, längerer Immobilisation oder mehreren gleichzeitig erlittenen Verletzungen (sog. ‚Polytrauma‘) eintreten.

Weitere Nebenwirkungen von Muskelrelaxanzien, jeweils abhängig von dem verabreichten Präparat, umfassen:

  • Histaminfreisetzung
  • Eine Herzfrequenz von unter 60 Schlägen pro Minute (sog. ‚Bradykardie‘)
  • Erhöhte Speichel- und Bronchialsekretion
  • Maligne Hyperthermie; Dies ist dadurch möglich, dass es sich bei dem depolarisierenden Muskelrelaxanz Succinylcholin um eine Triggersubstanz, also eine die Hyperthermie auslösende Substanz, handelt.
  • Eine Überschreitung der altersüblichen Herzfrequenz (sog. ‚Tachykardie‘, ugs.
    Herzrasen)
Gut zu wissen!
Bei der malignen Hyperthermie handelt es sich um die gefährlichste Komplikation in der Allgemeinanästhesie. Unbehandelt führt sie in 70–80 Prozent der Fälle über Herzversagen zum Tod. Sie wird durch bestimmte Anästhetika, bspw. Succinylcholin, oder andere Faktoren wie Stress, Drogen oder Alkohol ausgelöst.

Häufige Patientenfragen

Jetzt weiß ich, welche Medikamente es gibt. Wo erfahre ich, welche bei mir angewendet werden?

Dr. T. Weigl
Steht bei Ihnen persönlich ein Eingriff an, der eine Allgemein- bzw. Kombinationsanästhesie erfordert, können Sie im obligatorischen Aufklärungsgespräch vor dem Eingriff alles in Erfahrung bringen, was Sie beschäftigt. Dies betrifft natürlich auch die Medikation, die stets individuell auf Sie abgestimmt wird.

Für mehr Informationen können Sie sich meinen nachfolgenden Beitrag zum Thema Aufklärungsgespräch ansehen. In diesem erörtere ich wichtige mit einem Eingriff in Zusammenhang stehende Aspekte wie Medikamente, Risiko, Ernährung, Übelkeit und Angst. Denn aufgrund letzterer vergessen Patienten bis zu 90 Prozent des Gesprächsinhalts. Was in diesen Gesprächen zur Sprache kommt und worauf es zu achten gilt, erfahren Sie hier.

Wurde bei Operationen nicht auch mal Lachgas eingesetzt?

Dr. T. Weigl
Das ist richtig. Allerdings hat sich Lachgas mittlerweile weitestgehend aus den Operationssälen verabschiedet. Es birgt nämlich zum Teil gefährliche Nebenwirkungen wie bspw. eine Reperfusionshypoxie, also eine Minderversorgung einzelner Körperareale mit Sauerstoff nach der Wiederherstellung des Blutflusses. Dies geschieht, wenn bei der Ausleitung einer Narkose der gesamte Sauerstoff aus den Lungenbläschen verdrängt wird. Überdies löst Lachgas postoperativ Übelkeit und Erbrechen aus und wird daher nur noch als Zusatzanästhetikum benutzt, um andere Anästhetika einzusparen. Bei Kurzanästhesien,
bspw. in der Notaufnahme, und in der Zahnheilkunde findet Lachgas vereinzelt noch immer Anwendung.

 

Video-Exkurs: Was darf man wann nach einer Operation?

Dr. Tobias Weigl klärt in nachfolgendem Beitrag darüber auf, wann man in der Regel wieder Auto fahren oder etwas essen kann, wenn man einen chirurgischen Eingriff hinter sich hat und wie man mit den Nebenwirkungen der Narkose umgehen kann.

Leicht dösig wacht Manuela auf und sieht sich um. Da liegen ja überall noch andere ihr unbekannte Menschen, die sich scheinbar wie sie noch im Halbschlaf befinden! Kurze Zeit
später findet sie sich auf der Station wieder, von der möglichen Übelkeit, die ihr Anästhesist im Aufklärungsgespräch angesprochen hat, noch immer keine Spur. Da haben sie wohl die Medikamente gut dosiert. Stolz, ihre erste OP so schadlos überstanden zu haben, und eine Erfahrung reicher, gibt sich Manuela der natürlichen Erschöpfung hin und schläft einen wohlverdienten postoperativen Schlaf.

Verwandte Themen

Welche Erfahrungen haben sie mit Anästhesien gemacht? Möchten Sie sich bei uns weiter über das Thema erkundigen? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten, um von Ihren Erfahrungen zu berichten und sich mit anderen auszutauschen!

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Autoren: Dr. Tobias Weigl, Tobias Möller
Lektorat: Claudia Scheur
Veröffentlicht: 16.07.2018

Quellen

  • Jochen Schulte am Esch (2011): Anästhesie, 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Thomas Böhmeke, Andreas Schmidt (2008) (Hrsg): Checkliste Echokardiographie, 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Andres Ceballos-Baumann, Bastian Conrad (2005) (Hrsg): Bewegungsstörungen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • deutsche-apotheker-zeitung.de (2001): Porphyrie: Eine Krankheit mit vielen Facetten.
  • Rafael Dudziak (2001): Muskelrelaxanzien – Ein Kompendium. Steinkopff, Darmstadt.
  • Gerald D. Giebel, Herbert Blöchl (1999): Allgemeinchirurgie: Was Arzt und Patient wissen müssen. Springer-Verlag, Heidelberg.
  • Angelo Ippolito et al (2016): Opioide in der Anästhesie, in: Arzneimitteltherapie
    2016;34:235–42.
  • Norbert Roewer, Holger Thiel (2014): Anästhesiologische Pharmakotherapie. Von den Grundlagen der Pharmakologie zur Medikamentenpraxis, 3. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Norbert Roewer, Holger Thiel (2008) (Hrsg): Taschenatlas der Anästhesie, 3. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Lars Töpfer et al (2016): BASICS Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie. Urban & Fischer, München.
[Gesamt:2    Durchschnitt: 5/5]

Noch keine Kommentare.

Was denkst Du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.