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Psychosomatische Schmerzen erkennen, heilen und loswerden

Betroffene müssen wissen, was Sie sich unter psychosomatische Schmerzen vorstellen sollen, sonst können und werden sie in der Therapie nicht mitarbeiten und die Mitarbeit des Patienten ist unerlässlich.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen
Unter psychosomatischen Erkrankungen versteht man körperliche Erkrankungen und Beschwerden, die durch psychische Belastungen oder Faktoren hervorgerufen werden. Und es geht auch der andere Weg herum: somatopsychische Erkrankungen. Meist ist es eine Mischung.
Psychosomatische Schmerzen sind Schmerzen, die durch eine seelische Belastung oder einen psychischen Konflikt ausgelöst werden. Psychosomatischer Schmerz kann auch bei der Entstehung von chronischen Schmerzen mitwirken. Psychosomatische Schmerzen werden noch immer wenig diagnostiziert, oft werden zunächst viele Disziplinen der körperlichen Medizin untersucht, bevor es zu einer Untersuchung in Richtung psychosomatischer Ursachen oder Einflüsse kommt. Bei einer psychosomatischen Anamnese gibt es einige wichtige Punkte, die erfragt werden müssen. Häufig werden die Begriffe „psychosomatisch“ bzw. „somatopsychisch“ zur Kennzeichnung von Schmerzsyndromen genutzt. Eine solche Beschreibung kann höchstens als Kürzel für die Kennzeichnung des Ergebnisses einer differenzierten Schmerzanalyse betrachtet werden – womit der Schwerpunkt oder Ausgangspunkt der Schmerzsymptomatik gekennzeichnet werden soll.
Bei der Behandlung ist unter anderem die Verhaltenstherapie wichtig. Zusätzlich gibt es einige Maßnahmen, die Sie selber ergreifen können, um psychosomatische Beschwerden zu lindern. Mehr zu psychosomatischem Schmerz, seiner Diagnostik und Therapie erfahren Sie im folgenden Artikel.

Melanie reibt sich den Arm. Er tut fürchterlich weh. Vor einiger Zeit hatte sie eine Sehnenscheidenentzündung auf der rechten Seite. ‚Eine typische Form der Überbelastung‘, hat ihr Arzt gesagt. Sie hat schmerzstillende Medikamente bekommen und wurde für einige Zeit krankgeschrieben. Doch so ganz verschwunden sind die Schmerzen nie, besonders als sie in ihren stressigen Job zurückgekehrt ist. Mittlerweile ist sich Melanie sicher, dass die Entzündung zurückgekommen sein muss. Aber als sie erneut zu ihrem Arzt ging, konnte der keine körperliche Ursache für die Schmerzen feststellen. Doch nun sind die Schmerzen allgegenwärtig und ihr Job lässt keine Pausen zu, also fasst sie sich ein Herz und macht einen neuen Termin bei ihrem Hausarzt. Vielleicht kann er ja diesmal etwas finden…

Ein Patient mit psychosomatischen Schmerzen hat also entweder

  1. keine nachweisbaren organischen Störungen wie Verletzungen und Entzündungen, oder
  2. seine Schmerzen sind deutlich stärker und/oder andauernder, als es die körperlichen Befunde erwarten lassen, oder
  3. aufgrund der Psyche/ Stress entwickeln sich körperliche Symptome und dadurch dann Schmerzen.

Definition von Schmerz

Gut zu wissen!
Die IASP (International Association for the Study of Pain) definiert Schmerz als eine unangenehme sensorische oder emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder potentieller Gewebeschädigung zusammenhängt, oder als solche beschrieben wird.

Wie entsteht Schmerz? Schmerz ist eine Sinnesempfindung, Auslöser dafür können sein:

  • Mechanische Einflüsse (Druck, Verletzungen)
  • Thermische Einflüsse (Hitze, Kälte)
  • Chemische Einflüsse (Entzündungen, Gifte, Säuren)

Diese Einflüsse lösen Schmerzreize aus, die von Sensoren (sog. ‚Nozizeptoren‘) aufgenommen werden. Nozizeptoren sind freie Nervenendigungen und fast in jedem Gewebe des Körpers zu finden. Sie nehmen die Reize auf, die den Körper womöglich schädigen können oder wirklich schädigen. Die Schmerzreize werden registriert und über Schmerzfasern an das Gehirn weitergeleitet. Erst im Gehirn werden diese Schmerzreize zu der Sinnesempfindung Schmerz, und zwar durch die Verarbeitung im Kortex, also der Großhirnrinde.
In diesem Video erklärt Dr. Tobias Weigl den Begriff psychosomatische Schmerzen.

Gefahren der Diagnose „psychosomatische Schmerzen“:

  • Häufig reagieren Patienten mit starken Schmerzen ein wenig ratlos und resigniert auf die Diagnose: „Kein Organbefund“.
  • Das bedeutet, es konnte keine organische Ursache gefunden werden. Das bedeutet auch: keine Erklärung, kein Verständnis, keine Anerkennung der Erkrankung.
  • Gefahr (bei den behandelnden Ärzten): Wieder eine eingebildete Kranke, wahrscheinlich depressiv, am besten geben wir (Ärzte) Psychopharmaka.
  • Patienten fürchten die Unterstellung, dass sie sich ihren Schmerz lediglich einbilden.

Wichtige Punkte in Bezug auf Schmerz sind:

  • Schmerz ist ein natürliches Phänomen.
  • Schmerz ist die Folge von etwas, bspw. einer Verletzung, es ist also ein Symptom.
  • Schmerz ist ein Warnsignal.
  • Schmerz ist subjektiv! Jeder Mensch nimmt Schmerzen anders wahr, verarbeitet sie anders und geht anders mit Schmerzen um. Daher sollte man Schmerz nicht bagatellisieren.
Einfluss unseres Gesundheitssystems auf die Schmerzwahrnehmung
Wissenschaftler wie Nachemson (1992) haben festgestellt, dass insbesondere das „abnorme diagnostische und therapeutische Verhalten“ der meisten Ärzte das „abnorme Krankheitsverhalten“ des Patienten verursacht. Gerade unser „modernes“ Gesundheitssystem hat großen Einfluss auf sog. „psychosomatische Schmerzen“.
Gut zu wissen!
Es gibt Menschen mit angeborener Schmerzunempfindlichkeit. Dabei handelt es sich um ein sehr seltenes Syndrom, welches durch eine Mutation des sog. ‚NGF-Gens‘ (Nerve Growth Factor) entsteht. Dadurch werden in der Entwicklungsphase vor der Geburt keine Nozizeptoren (also die Sensoren zur Schmerzreizwahrnehmung) gebildet, was zu der Schmerzunempfindlichkeit führt. Die Erkrankung zeigt sich bereits in den ersten Lebensjahren und ist ein echtes Handicap, da es durch die mangelnde Schmerzwahrnehmung oft zu schweren Verbrennungen und anderen Verletzungen kommt.

Man kann bei Schmerzen zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterschieden:

Akute SchmerzenChronische Schmerzen
Sind kürzer als 12 Wochen
Sind länger als 12 Wochen
Entstehen typischerweise bei Organ- oder Gewebeschädigungen
Haben keinen Zusammenhang mehr mit der Ursache
Haben eine Warnfunktion, sind ein Symptom
Sind eine eigenständige Erkrankung
Chronische Schmerzen entstehen meist nach einer Verletzung. Diese heilt aus, doch die Schmerzen bleiben oder verschlimmern sich sogar. Der Weg zu chronischen Schmerzen kann in drei Phasen unterteilt werden:

  • Primäre Hyperalgesie: Der Schmerz tritt in dem Bereich auf, in dem zuvor die Verletzung war.
  • Sekundäre Hyperalgesie: Der Schmerz überträgt sich auf andere Areale, wie bspw. Gelenke.
  • Allodynie: Man empfindet Schmerzen bei Reizen, die eigentlich nicht schmerzhaft sind, beispielsweise bei Berührung.

Chronische Schmerzen stehen bzgl. ihrer Stärke in keinem Zusammenhang mehr mit der Ursache, also der Primärverletzung. Häufig entstehen sie aus akuten Schmerzen heraus, die anfangs nicht adäquat behandelt werden. Bei chronischen Schmerzen bildet sich ein sog. ‚Schmerzgedächtnis‘: Durch den Schmerz prägt sich eine „Spur“ ins Nervensystem ein. Dadurch, dass immer wieder Schmerzreize erfolgen (entweder oft hintereinander oder von verschiedenen Stellen), prägt sich der Pfad aus.

Mehr Informationen zum Schmerzgedächtnis in diesem Video

In diesem Video geht Dr. Tobias Weigl auf chronische Schmerzen ein und erklärt, was das Schmerzgedächtnis ist und wie es entsteht.

Gut zu wissen!
In Deutschland gibt es 12 bis 15 Millionen chronische Schmerzpatienten. 2 Millionen davon sind so schwer betroffen, dass sie berufsunfähig sind. Die häufigsten Gründe für chronische Schmerzen sind Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Nackenschmerzen.

Psychosomatischer Schmerz bzw. Was sind psychosomatische Schmerzen?

Oft reagieren Patienten mit (starken) Schmerzen frustriert und resigniert auf die Diagnose: „Austherapiert“, „Kein Organbefund“ und so weiter. Diese Aussagen bedeuten, dass keine organische Ursache gefunden werden konnte. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass es keine Erklärung, kein Verständnis und oftmals keine Anerkennung der Erkrankung gibt. Gerade letzteres sind für die Betroffenen dann extrem unangenehm und eine negativ Spirale nimmt Ihren Lauf.
Für die Betroffenen ist die Erklärung „psychosomatische Störung“ ohne weitere Erklärung, ohne Verständnis was damit gemeint ist, in keinster Weise hilfreich.
Psychosomatischer Schmerz kann der Ausdruck eines seelischen Leidens sein, also der körperliche Ausdruck von beispielsweise anhaltendem hohem Stress. Der Wortbeginn „psycho-“ meint hier „der Psyche entspringend“, der Begriff ‚somatisch‘ kommt vom griechischen ‚soma‘ und bezeichnet den Körper. Bei psychosomatischem Schmerz wird demnach eine seelische Belastung oder ein psychischer Konflikt „verkörperlicht“. Dabei zeigen sich oft körperliche Beschwerden, ohne dass eine körperliche Ursache zu finden ist.
Psychosomatischer Schmerz kann auch bei der Entstehung von chronischen Schmerzen eine Rolle spielen, wenn er neben der körperlichen Schmerzentstehung zu einem Einflussfaktor wird.
Es gibt 7 Hauptlokalisationen für psychosomatische Schmerzen:

  1. Brust und Brustschmerzen
  2. Bauch und Unterleib (beispielsweise im Rahmen der Menstruation)
  3. Gliedmaßen (Fuß, Knie, Arm)
  4. Rücken bzw. Wirbelsäule
  5. Zähne
  6. Kopf (unter anderem bei Migräne)
  7. Nacken

Die eigenen Gefühle und Empfindungen können einen erheblichen Anteil daran nehmen, ob Rückenschmerzen, Kopfschmerzen etc. entstehen oder bestehen bleiben. Andererseits können chronische Rückenschmerzen selbst wiederum psychische Probleme nach sich ziehen.

Ursachen psychosomatischer Schmerzen

Einige psychosomatische Schmerzen können als Regulationsstörungen erklärt werden, bei denen der zeitliche Rhythmus vegetativer Funktionen in Unordnung geraten ist.
Dabei gibt es 2 wesentliche Richtungen:
1. Schmerzen aufgrund von Unbeweglichkeit bzw. Erstarrung:

  • Muskelschmerzen, z.B. wenn wegen Schmerzen eine Schonhaltung eingenommen wird.
  • Dabei muss der Muskeltonus nicht besonders hoch sein, schon eine geringe Anspannung genügt, wenn sie längere Zeit festgehalten wird.
  • Bei funktionellen Rückenschmerzen hat man es oft mit einer Unbeweglichkeit der langen Rückenstreckermuskeln zu tun.
  • Schmerzen im Bewegungsapparat, die die Beweglichkeit behindern deuten nicht selten darauf hin, dass im Leben des Betroffenen „Bewegungsspielräume“ fehlen.

2. Schmerzen als Anfall:

  • Migräne zum Beispiel tritt anfallsartig oder als Attacke auf: Erbrechen, Übelkeit, Schmerzen
  • Menschen mit einer Neigung zu Migräne haben ein sehr empfindliches Nervensystem und sind deshalb leichter als andere Menschen einer nervösen Reizüberflutung ausgesetzt.
  • Ist eine solche Überlastung eingetreten, so reagiert der Körper mit dem Schutzreflex, das heißt, das in einem der älteren Hirnteile die Notbremse gezogen wird und der Körper selbst den Anfall herbeiführt, um weitere Überforderungen vorzubeugen.
  • Im Migräneanfall muss sich der Patient von äußeren Reizeinflüssen zurückziehen, man nennt das Reizabschirmung.
  • Ist der Migräneanfall vorüber, so hat der Patient eine Weile Ruhe und ist gesund.

Zur Erklärung, wie psychosomatische Erkrankungen entstehen, gibt es eine ganze Reihe weitere Modellen. Diese bieten zwar keine vollständige Erklärung des Phänomens, zeigen jedoch den Zusammenhang von Stressfaktoren und körperlichen Symptomen auf. Drei dieser Modelle werden im Folgenden vorgestellt.

Das Konversions-Modell (nach Freud)

Auslöser ist ein unbewusster Konflikt, der nicht gelöst werden kann und auf die körperliche Ebene übertragen wird. Die körperlichen Symptome treten also als Ausdruck eines psychischen Konfliktes auf, wobei direkte Rückschlüsse vom Symptom auf den zugrundeliegenden Konflikt nicht möglich sind.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (nach Zubin und Spring)

Dieses Modell geht davon aus, dass jeder Mensch eine individuelle Belastungsgrenze hat. Diese Vulnerabilität stellt die Empfänglichkeit eines Menschen für Stress dar. Sie wird von persönlichen Ressourcen, wie beispielsweise familiärer Unterstützung, positiv beeinflusst. Von persönlichen Risikofaktoren, wie etwa genetischen Dispositionen, wird sie jedoch negativ beeinflusst.
Sogenannte Stressoren können Stress auslösen. Stressoren können beispielsweise Erkrankungen oder belastende Ereignisse im Leben sein, sind jedoch individuell unterschiedlich und auch abhängig von den jeweiligen Ressourcen. Übersteigt der durch die Stressoren ausgelöste Stress die Belastungsschwelle, so kommt es zu körperlichen Symptomen.

Das Anforderungs-Kontroll-Modell (nach Karasek)

Dieses Modell behandelt überwiegend Belastungen, die das Arbeitsumfeld betreffen. Der Begriff des ‚Job Strain‘ beschreibt den Zusammenhang von Anforderungen an den Menschen und den Möglichkeiten, diese zu beeinflussen bzw. zu kontrollieren. Je höher also die Anforderungen und je niedriger die Möglichkeiten der Kontrolle, desto größer ist der Stress. Wer einen hohen Job Strain hat, der hat auch ein 2- bis 4-fach erhöhtes Risiko, einen Herzanfall zu erleiden.

Erkrankungen

Es gibt eine Reihe von psychischen Erkrankungen, die sich körperlich manifestieren können. Dazu zählen unter anderem:

Psychosomatische Erkrankungen beschränken sich nicht auf psychosomatischen Schmerz, wie etwa bei Rückenschmerzen. Beispiele für körperliche Erkrankungen, die eine psychische Komponente haben, sind beispielsweise:

Exkurs: Hautbrennen
Die Haut ist das größte Organ des menschlichen Körpers und seine natürliche Schutzhülle. Hautbrennen beschreibt ein stechendes, brennendes und unangenehmes Hautgefühl. Dieses Gefühl kann sowohl mit als auch ohne sichtbare Hautreizungen auftauchen.
Hautbrennen entsteht meist dadurch, dass die Haut mit einem schädigenden Stoff in Berührung gekommen ist. Weitere Ursachen können Überempfindlichkeit (beispielsweise durch das Tragen von Kosmetika oder Pflegeprodukten) oder Allergien (beispielsweise Nahrungsmittelallergien) sein.
Hautbrennen kann auch als Begleitsymptom bei einer Reihe von Erkrankungen auftreten. Dazu gehören:

Hautbrennen muss nicht durch körperliche Ursachen entstehen, es kann auch psychosomatisch auftreten. Stress und emotionaler Druck können also das Hautbrennen auslösen. Das kann entweder isoliert geschehen oder zusammen mit weiteren Hauterkrankungen wie beispielsweise Schuppenflechte oder Neurodermitis.
Weitere Informationen zu Hautbrennen, seinen Ursachen, Diagnostik und Therapie finden Sie in diesem Artikel.

Sind bei Ihnen auch schon einmal psychosomatische Schmerzen aufgetreten? In welchem Zusammenhang traten diese auf? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Erkrankung besser einzuschätzen.
Fakten-Box
Schmerz

  • entsteht durch mechanische, thermische oder chemische Einflüsse
  • ist ein natürliches Phänomen
  • ist immer subjektiv
  • man unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz

psychosomatischer Schmerz

  • kann Ausdruck eines seelischen Leidens sein, eine seelische Belastung oder ein psychischer Konflikt werden „verkörperlicht“
  • kann bei der Entstehung von körperlichen Schmerzen eine Rolle spielen
  • es gibt verschiedene Erklärungsmodelle (Konversions-Modell, Vulnerabilität-Stress-Modell, Anforderungs-Kontroll-Modell)
  • psychische Erkrankungen, die sich psychosomatisch zeigen können, sind bspw. Depressionen, Angststörungen oder Belastungsstörungen

Mehr Informationen zu Schmerz finden Sie in diesem Video

In diesem Video beantwortet Dr. Tobias Weigl häufige Fragen zu den Themen chronischer Schmerz, Schmerzgedächtnis, psychosomatische Schmerzen und Schmerztherapie.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Um eine psychosomatische Erkrankung oder eine psychosomatische Komponente in einer Erkrankung zu erkennen, muss eine psychosomatische Anamnese erfolgen. Dabei handelt es sich um ein Gespräch zwischen Arzt und Patient, bei dem mögliche Ursachen und Signale einer psychosomatischen Erkrankung erfragt werden.
Psychosomatische Störungen werden häufig nicht diagnostiziert. Betroffene beschreiten oft einen langen Weg über verschiedene Fachärzte aus körperlichen Disziplinen der Medizin, bevor es überhaupt zu einer Erkundung möglicher psychosomatischer Komponenten kommt.
Daher ist es wichtig, dass bei jedem Patienten sowohl eine körperliche als auch eine psychosoziale Diagnostik erfolgt. Die parallele Diagnostik beider Bereiche hilft, psychosomatische Komponenten einer Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Dadurch können unnötige körperliche Untersuchungen – wie beispielsweise operative Untersuchungen – vermieden werden.
Wichtige Punkte, die in der psychosomatischen Anamnese erfragt werden müssen, lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Yellow Flags
Yellow Flags (also übersetzt „Gelbe Fahnen“) sind Anzeichen eines schweren psychosomatischen Krankheitsverlaufes. Dazu gehören:

  • Krankheitsbilder mit zahlreichen Symptomen
  • stark verminderte Funktionsfähigkeit – beispielsweise eine andauernde Arbeitsunfähigkeit
  • geringe Ressourcen – wie etwa wenig Sozialkontakte
  • problematische Arzt-Patienten-Beziehungen, sowohl aktuell als auch zurückliegend

Red Flags

Red Flags (also übersetzt „Rote Fahnen“) sind Warnsignale, die auf gefährliche, mitunter sogar lebensgefährliche psychosomatische Krankheitsverläufe hinweisen. Dazu gehören:

  • Selbstmordgefährdung (sog. ‚Suizidalität‘)
  • Schwerste körperliche Symptome, teils mit körperlichen Folgeschäden durch eine Schonhaltung
  • Schwere Depression
Achtung!
Liegen Warnsignale der ‚red flags‘ vor, so ist es wichtig, dass sofort eingegriffen wird – beispielsweise mit einer stationären Einweisung –, um schlimme Folgen zu verhindern.

Green Flags

Green Flags (also übersetzt „Grüne Fahnen“) sind vorteilhafte Faktoren, die dem Patienten helfen können. Dazu gehören:

  • Viele Ressourcen – beispielsweise ein gutes soziales Netzwerk mit sicheren Bindungen und Unterstützung
  • Eine gesunde Lebensführung – beispielsweise mit ausreichendem Schlaf und Raum für Entspannung
  • Aktive Bewältigungsstrategien – beispielsweise eine positive Lebenseinstellung oder sportliche Betätigungen

Wichtig ist, dass viele Patienten die psychische Komponente ihrer Erkrankung nicht bewusst wahrnehmen oder annehmen können. Daher stehen sie Andeutungen einer psychosomatischen Komponente ablehnend gegenüber und die psychosomatische Anamnese sollte daher behutsam ein- sowie durchgeführt werden.

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Die Behandlung einer psychosomatischen Erkrankung kann durch die Zusammenarbeit verschiedener Fachärzte erfolgen. Dazu zählen beispielsweise Allgemeinmediziner, Psychiater, Psychosomatiker und auch Klinikärzte. Welche Form der Behandlung (also medikamentöse psychiatrische Therapie, Psychotherapie, körperliche Therapie) dabei im Vordergrund steht, hängt von der Art der Erkrankung ab – ob beispielsweise die Erkrankung rein psychosomatisch ist oder eine psychosomatische Komponente bei einer körperlichen Erkrankung vorliegt.
Bei leichten psychosomatischen Beschwerden sollte der Hausarzt die Behandlung durchführen, die erst bei einem Fortschreiten der Problematik um weitere Fachärzte ergänzt wird.
Wichtig ist hierbei vor allem, dass dem Patienten die Zusammenhänge seiner Erkrankung verständlich gemacht werden (sog. ‚Psychoedukation‘), die Ziele und Maßnahmen der Behandlung sollten gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet werden. Zudem sollte die Gesprächsführung stets behutsam erfolgen, da einer psychosomatischen Erkrankung äußerst belastende Faktoren zugrunde liegen. Des Weiteren sollten Krankschreibungen zurückhaltend genutzt werden. Ängste und Vermeidungsverhalten des Patienten sollten offen diskutiert werden, um eine Abwärtsspirale in der Erkrankung zu vermeiden. Zu empfehlen sind körperliche Aktivitäten wie Sport, da sie oft den Therapieerfolg verbessern.
Ein wichtiger Baustein, um bei einer chronischen Erkrankung eine psychosomatische Entwicklung zu erkennen und zu vermeiden, ist die Verhaltenstherapie.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten, die nicht-medikamentös sind, sind besonders bei Schmerzerkrankungen wichtig, um übertriebene Medikamenteneinnahmen – und damit auch die Gefahren einer Medikamentenabhängigkeit – zu vermeiden. Diese Maßnahmen fallen unter die Selbstinitiative, es sind also Maßnahmen, die Sie selber ergreifen können! Dazu gehören beispielsweise:

Entspannungstechniken

Entspannungstechniken helfen auf zweierlei Arten: Zum einen helfen sie dabei, den Geist zu entspannen, damit man sich nicht dauerhaft zentral nur mit dem Schmerz befasst. Zum anderen helfen sie auch, die Muskeln zu entspannen, die im Zuge einer Erkrankung mit (chronischen) Schmerzen anspannen und dadurch weiteren Schmerz verursachen. Wichtig ist, dass Sie die Technik auswählen, die für Sie die richtige ist. Beispiele für Entspannungstechniken sind:

  • Progressive Muskelentspannung (das gezielte Anspannen von Muskelpartien, um im Anschuss eine bessere Muskelentspannung zu erreichen)
  • Meditation
  • Yoga
  • Musiktherapie
  • Atemtechniken

Physikalische Maßnahmen

Das sind Maßnahmen, die auf die physische, also körperliche Ebene wirken. Beispiele dafür sind:

  • Bewegung (bspw. Sport)
  • Krankengymnastik
  • Akupunktur
  • Akupressur
  • Massagetechniken
  • Thermotherapie (bspw. mit Wärme)
Exkurs: Hypnose
‚Hypnose‘ beschreibt sowohl einen veränderten Bewusstseinszustand als auch das Herbeiführen eines solchen. Eine medizinische Hypnose dauert zwischen 20 und 50 Minuten. Bestandteil der Hypnose ist die Suggestion, bei der es sich um ein Angebot handelt, das stark auf psychische und unwillkürliche körperliche Abläufe wirkt. Damit kann die Suggestion unter Umständen Bereiche erreichen, die dem wachen Bewusstsein des Patienten nicht zugänglich sind.
In Deutschland darf rein gesetzlich jeder eine Hypnose anbieten, der sie nicht zu heilkundlichen Zwecken einsetzt. Um eine Erkrankung mit Hypnose zu behandeln, ist eine Heilerlaubnis nötig. Hypnotherapeuten sind oft auch in anderen therapeutischen Maßnahmen ausgebildet und bspw. gleichzeitig Psychotherapeuten.
Medizinische Anwendungsgebiete von Hypnose sind beispielsweise:

  • Reduzierung von psychischer Belastung bei medizinischen Behandlungen
  • Linderung körperlicher Beschwerden
  • Förderung von Heilungsvorgängen
  • Verbesserung gestörter Abläufe und Körperfunktionen

Hypnose findet auch Anwendung in der psychosomatischen Medizin. Anwendungsgebiete sind beispielsweise:

  • Schmerztherapie, bei chronischen Schmerzen (u. a. ausgelöst durch Tumoren)
  • Psychotherapeutische Maßnahmen in der fachärztlichen Beurteilung im Auftrag der behandelnden Ärzte im Krankenhaus
  • Zahnheilkunde, beispielsweise bei Angst vor dem Zahnarzt, starkem Würgereiz oder einer Spritzenphobie

Mehr Informationen zu Hypnose und Hypnotherapie finden Sie in diesem Artikel.

Sind bei Ihnen schon einmal psychosomatische Schmerzen diagnostiziert worden? Mit welchen Methoden wurden Sie behandelt oder welche Methoden haben Sie selbst angewandt? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Krankheit besser einzuschätzen.

Häufige Patientenfragen

Was kann ich selber gegen psychosomatische Schmerzen tun?

Dr. T. Weigl
Zentral in der Behandlung von psychosomatischen Schmerzen ist eine Verhaltenstherapie, je nach Einfluss der Psychosomatik in Kombination mit der körperlichen Behandlung der Schmerzen. Trotzdem gibt es einige Maßnahmen, die Sie selber ergreifen können. Dazu gehören Entspannungstechniken, wie beispielsweise die Progressive Muskelentspannung, Atemtechniken oder Yoga. Diese rücken den Schmerz von der zentralen Position im Bewusstsein weg und helfen dabei, mental etwas anderes als den Schmerz zu fokussieren. Zudem entspannen sie die Muskeln, die bei anhaltenden Schmerzen häufig durch Schonhaltungen zusätzlich verkrampfen und dadurch zusätzlichen Schmerz verursachen.

Ich leide seit einiger Zeit an Schmerzen, ohne dass ich wüsste, woher sie kommen. Können das psychosomatische Schmerzen sein?

Dr. T. Weigl
Eine psychosomatische Erkrankung oder eine psychosomatische Komponente ist bei Schmerzen prinzipiell durchaus möglich. Allerdings gibt es auch viele Ursachen für Schmerz, die von außen schwer zu erkennen sind. Es ist also ratsam, zunächst einen Arzt zu Rate zu ziehen, ohne sich bereits im Vorfeld auf eine Diagnose zu versteifen. Im Idealfall sollte die psychosomatische Diagnostik parallel zur körperlichen Diagnostik erfolgen und etwaige psychosomatische Anteile oder Erkrankungen zu Tage bringen.

Ich habe oft das Gefühl, dass ich Schmerzen habe, die durch Anspannung entstehen. Dabei bin ich dann oft gar nicht in stressigen Situationen. Sind das trotzdem psychosomatische Schmerzen?

Dr. T. Weigl
Manchmal zeigen sich die Auswirkungen von Stress oder anderen psychischen Belastungen nicht sofort in der jeweiligen Situation. Steht man beispielsweise über einen langen Zeitraum unter großem Stress, so kann dieser körperliche Reaktionen auslösen, auch wenn man sich nicht in der Situation befindet, die man mit Stress assoziiert (zum Beispiel auf der Arbeit). Die körperliche Reaktion auf psychische Einflussfaktoren gestaltet sich nicht wie beispielsweise eine allergische Reaktion, die sofort beim Kontakt mit dem Allergieauslöser eintritt. Psychosomatische Reaktionen zeigen sich häufig erst nach längerem Fortbestehen des psychischen Auslösers und hängen eher von anhaltendem Stress oder einer anhaltenden psychischen Belastung ab.

Melanies Arztbesuch verlief anders als sie erwartet hatte. Der Arzt stellte ihr kaum konkrete Fragen, zur Begrüßung fragte er sie zum Beispiel: „Was führt Sie zu mir?“ So kam Melanie schnell ins Erzählen und berichtete dabei ausführlicher über ihre Beschwerden als sie es sonst tat. So erzählte sie auch, dass sie bereits seit einiger Zeit Schulterschmerzen auf der rechten Seite hatte, weil sie häufig versuchte, den Arm zu schonen. Der Arzt hörte ihr sehr aufmerksam zu. Er befragte sie auch, ob die Schmerzen sie auf der Arbeit stark einschränken würden und wie sie mit ihrem Arbeitspensum zurecht käme, was sie unternehme, um den Druck abzubauen und noch einige andere Dinge, die für ihren Geschmack nicht besonders viel mit ihren Schmerzen zu tun hatten. Als er vorsichtig darauf zu sprechen kam, dass der Grund für ihre anhaltenden Schmerzen auch psychosomatischer Natur sein konnte, war Melanie zunächst gar nicht überzeugt. Sicher gäbe es eine richtige Ursache, diese Schmerzen könnten doch unmöglich nur aus ihrem Kopf stammen. Doch der Arzt erläuterte ihr geduldig, wie Psyche und körperliche Beschwerden zusammenhängen konnten. Sie vereinbarten einen weiteren Termin. Melanie braucht nun ein wenig Zeit, um sich die Möglichkeit einer psychosomatischen Ursache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

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Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt. Autoren: Dr. Tobias Weigl, Sarah Sodke
Lektorat: Tobias Möller
Veröffentlicht: 02.11.2018

Quellen

  • Banaure et al. (2007): Innere Medizin. Springer-Verlag, Heidelberg.
  • International Association for the Study of Pain (2017): IASP Terminology. Pain.
  • rme/aerzteblatt.de (2017): Wirksamkeit, Sicherheit und Anwendungsmöglichkeiten medizinischer Hypnose. Eine systematische Übersicht von Metaanalysen.
  • Rainer Schaefert et al. (2012): S3-Leitlinie Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).
  • Robert F. Schmidt, Hans-Georg Schaible (Hrsg.) (2005): Neuro- und Sinnesphysiologie, 5. Auflage. Springer, Heidelberg.
  • Hans Walter Striebel (2002): Therapie chronischer Schmerzen, 4. Auflage. Schattauer Verlag, Frankfurt a. M.
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