Sign up with your email address to be the first to know about new products, VIP offers, blog features & more.

Faszientraining auf dem Prüfstand – Was sagt die Wissenschaft?

Jetzt ist die Zeit der Faszie. Faszientraining ist ein Trend. Aber vielen Trainingsmethoden für die Faszien mangelt es an wissenschaftlichen Nachweisen. Daher ist Vorsicht geboten, vor allem gemessen an den zahlreichen Versprechen, die man mittlerweile in jedem Fitness-Studio erhält.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen
Faszien sind bindegewebige Strukturen, die unseren gesamten Körper durchziehen. Sie ummanteln alle körpereigenen Strukturen, bspw. Muskeln, Sehnen, Organe und Knochen, und bilden auf diese Weise ein Netzwerk mit vielfältigen Aufgaben. Faszien ermöglichen muskuläre Kraftübertragungen und dienen außerdem der körpereigenen Wahrnehmung. In der Sportmedizin gewinnen sie zunehmend an Bedeutung.

Nichtsdestoweniger ist der wissenschaftliche Nachweis über einen Nutzen der Manipulation von Faszien noch nicht eindeutig erbracht. Viele sogenannte „Faszientechniken“ mögen zwar eine Besserung von Beschwerden o. Ä. zur Folge haben. Allerdings ist dahingehend nicht geklärt, ob es wirklich die behandelten Faszien sind, aufgrund derer sich bspw. Schmerzen lindern, oder ob diese Techniken z. B. die Muskeln beeinflussen und auf diesem Weg für Besserung sorgen. Der nachfolgende Artikel stellt daher die Wissenschaftlichkeit des Faszientrainings in den Fokus.

Als Tanja ihr Fitness-Studio betritt, hängt am Empfangstresen ein großes Schild mit der Aufschrift: „Neu bei uns – Faszientraining! Steigern Sie ihr körperliches Wohlbefinden und verbessern Sie Ihre Muskelerholung“. Leicht interessiert, leicht skeptisch erkundigt sich Tanja bei dem Mann am Empfang: „Was ist denn dieses Faszientraining? Wie läuft das ab?“ Dieser antwortet mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht begeistert: „Das ist jetzt neu bei uns! Ein neuer Trend, bei dem man das Bindegewebe trainiert, das sich durch unseren ganzen Körper zieht – die Faszien! Lange vernachlässigt, jetzt essentieller Bestandteil eines umfassenden Trainings. Dazu benutzen wir die Faszienrolle und zeigen, welche Übungen bei welchen Beschwerden helfen und wie Sie die gewünschten Effekte am schnellsten erzielen können!“ Etwas irritiert macht sich Tanja auf den Weg in die Umkleidekabine und fragt sich, wie das gehen kann. So lange hat man nichts über diese Faszien gehört und jetzt sollen Sie der Schlüssel zur Lösung vieler, vieler Probleme sein? Tanja beschließt, sich mit dem Thema etwas genauer zu befassen, sobald sie Zuhause ist. Denn wenn Sie im Zusammenhang mit der Fitness-Industrie eines gelernt hat, dann dass man nicht zu schnell auf jeden Trend anspringen sollte…

Was sind eigentlich Faszien?

Da selbst die Definition von Faszien in der Literatur nicht eindeutig ausfällt, wird sich dieser Artikel auf folgende Beschreibung stützen:

Bei Faszien handelt es sich um muskuläres Bindegewebe, das sich netzartig im gesamten Körper ausbreitet und sowohl reißfest als auch elastisch ist.

Vor diesem Hintergrund wirken die Faszien als Schutz für Organe, Muskeln und Knochen, indem sie ebendiese Strukturen spinnennetzartig umgeben. Sie halten die Strukturen zusammen, fungieren als Stoßdämpfer und sorgen u. a. für unsere Körperspannung.

Ihre Aufgaben sind vielfältig und gehen über die Funktion als Hülle hinaus. Sie spielen nämlich eine Rolle bei der Kraftübertragung unserer Muskeln und unserer Körperwahrnehmung, während sie in der Sportmedizin, vor allem im Zusammenhang mit Sprung- oder Federbewegungen, und im Rahmen diverser Weichteilschmerzen an Bedeutung gewinnen. Grob zusammengefasst kann man die Aufgaben der Faszien wie folgt festhalten:

  • Sie ermöglichen den Austausch und die Versorgung von und mit Stoffen.
  • Sie speichern Energie und stellen diese zur Verfügung.
  • Sie sorgen im Körper für Elastizität, Geschmeidigkeit, Spannkraft und Festigkeit.
  • Sie ermöglichen den Kommunikationsaustausch im Körper, nicht nur in Hinblick auf die Übertragung von Stoffen, sondern auch hinsichtlich Informationen.
  • Sie spielen eine wichtige Rolle im Rahmen von Koordination und Bewegung und ermöglichen es uns bspw., die Lage unseres Arms sowie dessen Beweglichkeit wahrzunehmen.
  • Erste Erkenntnisse legen nahe, dass ein gesundes Fasziensystem einem gesunden Immunsystem zuträglich ist.

Sie können sich in unseren Artikeln zum Thema Faszien umfassender über ebendiese informieren. Diese befassen sich mit Faszien im Allgemeinen sowie mit dem Einsatz der Faszienrolle als Hilfsmittel aus wissenschaftlicher Perspektive:

Warum beschäftigt man sich erst jetzt so ausgiebig mit den Faszien?

Das hat damit zu tun, dass sich Faszien lange Zeit einer ausgiebigen Untersuchung entzogen, da herkömmliche Untersuchungsmethoden nicht dazu in der Lage waren, die Faszien ausreichend gut darstellen zu können. Lange konnten sich Mediziner nur auf die Aussagen des Patienten über ihre eigenen Körper oder die Einschätzung eines Therapeuten, der beim Abtasten oder bei der Massage etwas bemerkt hat, verlassen.
Dieser Umstand hat sich allerdings verändert. Mittlerweile bieten hochsensible Ultraschallgeräte die Möglichkeit, die Faszien darzustellen. Auf diese Weise können

  • die Dicke,
  • die Beweglichkeit,
  • die Festigkeit,
  • die Elastizität sowie
  • der Wassergehalt

der Faszien ermittelt werden. Außerdem ermöglichen es Laboruntersuchungen, den Zustand der Faszien hinsichtlich ihrer biochemischen Zusammensetzung vor und nach Leistung zu beurteilen.

Mehr über Faszien in diesem Video!

Jetzt ist die Zeit der Faszie! Aber warum erst jetzt? Im nachfolgenden Beitrag, der den ersten Teil einer dreiteiligen Video-Reihe bildet, widmet sich Dr. Tobias Weigl dem sich anbahnenden Hype um das bislang wenig erforschte Bindegewebe und erklärt allerlei Wissenswertes zum Thema.

Wie führen Faszien zu Schmerzen?

Die meisten Nerven in unserem Körper verlaufen durch Bindegewebe. Und bei Faszien handelt es sich um muskuläres Bindegewebe. Viele Nervenendigungen – also die Stellen, an denen Nerven aufhören – liegen in unserem Bindegewebe und vor allem auch in den Faszien. Dementsprechend wirken sich Verschiebungen und Verklebungen von Faszien natürlich auf uns aus – derlei Veränderungen machen sich dann durch Schmerzen bemerkbar. Es gibt drei verschiedene Arten von Faszien, nämlich:

  • oberflächliche Faszien
  • tiefliegende Faszien
  • viszerale Faszien

Gerade in den tiefliegenden Faszien finden sich sehr viele Schmerzrezeptoren. Während man in der Wissenschaft lange davon ausging, dass es sich bei Faszien um „totes Gewebe“ handelt, das lediglich eine Schutzfunktion erfüllt, ist man dahingehend heute weiter. Faszien leben und sind ein weiterer Ort, an dem Aspekte spürbar werden und an dem Verarbeitung stattfindet. Es handelt sich bei Faszien also auch um ein sensibles Wahrnehmungsorgan. Umso wichtiger ist die Bedeutung von Veränderungen, also u. a. Verklebungen oder Unterversorgung, in diesem Bereich, vor allem im Zusammenhang mit Schmerzen. Eine permanente Verschlechterung der Faszien kann also zu Schmerzen führen. Überdies können auch dauerhafte Schmerzen zu einer Veränderung der Faszien führen, was wiederum mehr Schmerzen bedeutet – ein Teufelskreis entsteht.

Wodurch verkleben, verfilzen oder verhärten Faszien?

Schmerzen in den Faszien entstehen wahrscheinlich durch eine Spannungszunahme. Man weiß bisher aber sicher, dass eine verringerte sogenannte „shearmotion“, zu Deutsch etwa „Verschiebbarkeit“, dazu führt, dass Faszien verkleben und verhärten. Vier wesentliche Faktoren tragen dazu bei, dass Faszien verkleben, verhärten bzw. verfilzen:

  • Stress
  • falsche Ernährung
  • mangelnde Bewegung
  • dauerhaft einseitige Belastung

Stress ist in diesem Zusammenhang gegebenenfalls noch genauer zu erläutern. Ist der Körper Stress ausgesetzt, setzt er den Botenstoff Transforming Growth Factor (kurz: TGF) frei. Dieser bewirkt, dass sich die Faszien zusammenziehen. Mehr Stress führt also auf Dauer zu mehr TGF-Freisetzung und somit zu einem höheren TGF-Level. Das Resultat sind dann Verklebungen.

Was verspricht das Faszientraining?

In den vergangenen Jahren hat das Faszientraining an Popularität gewonnen und ein Buch zum Thema reiht sich an das andere. Überdies hat das Faszientraining so sehr an Bedeutung zugenommen, dass es Teil des professionellen Athletiktrainings wurde und auch Einzug hielt in Bewegungsansätze wie Yoga und Pilates.

Die Versprechen bzgl. des Nutzens von Faszientraining sind zahlreich. So heißt es u. a., ein ausgiebiges Faszientraining trage bei zu

  • stabilerer körperlicher Gesundheit,
  • gesteigerter Elastizität und Dynamik,
  • verbesserter Kraftausschöpfung bei Bewegung,
  • erhöhter Belastungstoleranz,
  • geringerem Verletzungsrisiko,
  • mehr Lebensenergie,
  • verbesserter Ausdauer,
  • gesteigerter Beweglichkeit,
  • allgemeinem Wohlbefinden sowie
  • einem schöneren Körper inklusive einer besseren Haltung und eines jugendhaften Gangs.

Es scheint sich um eine Art Wunder zu handeln, das in der Wissenschaft über Jahrzehnte vernachlässigt wurde.

Wie gestaltet sich das Training?

Im Rahmen des Faszientrainings geht es darum, unterschiedliche Bewegungsabläufe zu stimulieren. In diesem Zusammenhang werden bspw. mithilfe einer sogenannten Faszienrolle – bestehend aus Schaumstoff in unterschiedlichen Härtegraden – bestimmte Körperareale „ausgerollt“. Vorwiegend werden damit Arme, Beine und Rücken behandelt. Dies soll dazu beitragen, die zuvor erwähnten Verklebungen zu lösen und so das Zusammenspiel zwischen Faszien und Muskeln fördern.

Aber was ist tatsächlich dran am Hype um das Faszientraining? Dieser Frage soll im folgenden Kapitel nachgegangen werden.

Mehr Informationen in diesem Video!

Der nachfolgende Beitrag widmet sich dem Thema Faszien und Schmerzen und bildet den zweiten Teil einer dreiteiligen Video-Reihe. Dr. Tobias Weigl geht in diesem Zusammenhang auf die häufig erwähnten Faszienverklebungen ein und erläutert, wie diese letztlich zu einer Schmerzwahrnehmung führen.

Faszientraining aus der Perspektive der Wissenschaft – Hilfreich oder doch nur Hype?

Das noch junge Thema Faszientraining ist bisher nur in geringem Ausmaß hinsichtlich seines Nutzens tatsächlich wissenschaftlich erforscht worden.

Eine aktuelle Arbeit aus dem Frühjahr 2018, unternommen von Jan Wilke und Winfried Banzer von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, beschäftigte sich mit dem Thema Faszien in Zusammenhang mit der Sportwissenschaft. Veröffentlicht wurde die Arbeit im Lehrbuch „Gray’s Anatomy“ (nicht zu verwechseln mit der Arztserie „Grey’s Anatomy“), einem der renommiertesten Anatomie-Lehrbücher. Wilke zufolge gelten Faszien derzeit als „das Aschenputtel der Anatomie“. Während man sie lange Zeit vernachlässigt und im Anatomie-Unterricht eiligst weggeschnitten hat, um die darunter liegende Muskulatur untersuchen zu können, und sie auch in Lehrbüchern kaum vorzufinden waren, wisse man heute, dass die Faszien eine weitaus bedeutsamere Funktion in Bezug auf unser Bewegungssystem haben. Das fasziale Bindegewebe beinhaltet zahlreiche Rezeptoren und Faszien können ihre Spannung modifizieren. Des Weiteren verknüpfen sie Muskeln miteinander und dienen nicht – wie bisher angenommen – der Trennung dieser. So konnten die Forscher bspw. herausfinden, dass eine Dehnung der Beine auch dafür sorgt, dass die Halswirbelsäule an Beweglichkeit zunimmt. Dies hätte zur Folge, dass sowohl Training als auch Sporttherapie nicht so lokal wirkten wie bisher angenommen. Allerdings räumt Wilke ein, dass der Hype um die Faszien und das Faszientraining einige Fallstricke birgt. So sei es bspw. gar nicht möglich, Faszien allein zu trainieren. Vielmehr trainiere man Muskeln und Faszien immer gemeinsam – auch wenn viele Sportartikelhersteller scheinbar speziell auf Faszien ausgerichtete Sportgeräte entwickeln. Wilke kommt zu dem Schluss, dass es Stand Frühjahr 2018 noch zu wenige Studien darüber gibt, wie sich entsprechendes Training tatsächlich auf Faszien auswirkt.

In diesem Video erklärt Dr. T. Weigl den Hype und die übertriebene Euphorie über das angebliche Wunderwerkzeug Faszienrolle und auch Faszienbälle.

Kritik an der Unwissenschaftlichkeit

Eine andere kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Faszientraining unternahm Falk Mörl mit seiner Arbeit „Müssen wir unsere Faszien trainieren? Eine wissenschaftlich kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Faszientraining“. Dieser macht schon in seiner Einleitung klar, dass dem Faszientraining viel zu viel Positives zugesprochen wird, das aus wissenschaftlicher Perspektive nicht haltbar ist. In der Folge erhebt er zunächst die wissenschaftlich belegten Fähigkeiten von Faszien.

So bemängelt er bspw., dass die physiologische Kraftübertragung von Faszien im Vergleich zu Sehnen nur ein Hundertstel ausmacht und Faszien dementsprechend keine entscheidenden Kräfte übertragen. Ebenso kritisiert er die angepriesenen Trainingsmethoden hinsichtlich federnder und springender Bewegungen im Rahmen elastischer Energiespeicherung. Auch dieser Aspekt sei lediglich den Sehnen zuzuschreiben und auch nur dann, wenn es um Übungen bspw. in der Leichtathletik geht. Dort würden sogenannte Drop-Jumps oder Sprints dazu genutzt, um Energiespeicherung in den Sehnen zu erzielen. Dafür sei allerdings ein ausreichendes Maß an Trainingserfahrung vonnöten, da sonst das Verletzungsrisiko zu groß sei. Übungen, die im Zusammenhang mit dem Faszientraining zum Einsatz kommen, das Fallen in den Liegestütz, könnten diese Speicherung nicht erzielen. Des Weiteren sei es sehr unwahrscheinlich, dass Faszien ähnlich den Muskeln unter normalen Umständen kontrahieren und so zur Kraftentfaltung beitragen. Dies würde lediglich durch die Gabe eines Antihistaminikums mit dem Namen Mepyramin erzielt werden können. Sollte die Kontraktion dennoch erreicht werden, so betrage die Kraftentfaltung der Faszien in Relation zu den Muskelfasern nur mehr 0,25 Prozent, wodurch Mörl sie als biomechanisch irrelevant einstuft. Hinsichtlich der muskulären Kraftübertragung wird in der Arbeit darauf hingewiesen, dass diese lediglich interpretiert werde, bisher aber nicht belegt sei.

Zu guter Letzt befasst sich Mörl noch knapp mit dem Verkleben der Faszien im Zusammenhang mit Schmerzen. Bisher habe noch keine wissenschaftliche Arbeit belegen können, dass derlei Verklebung existieren oder benachbarte Gewebe entscheidend beeinflussen. Man habe lediglich feststellen können, dass die Quer-Dehnfähigkeit von Fasziengewebe bei Rückenschmerzpatienten eingeschränkt ist. Allerdings ist dies nur als Symptom zu betrachten, das zeitgleich mit Rückenschmerzen auftritt. Eine Ursache für die Schmerzen ist diese reduzierte Dehnfähigkeit aus wissenschaftlicher Perspektive aber nicht.

Kritik an der Wirksamkeit des Faszientrainings

In diesem Zusammenhang widmet sich Mörl vor allem der Wirksamkeit des Myofaszialen Release sowie der Faszienrolle. Bei dem Myofaszialen Release handelt es sich laut der Deutschen Gesellschaft für Myofascial Release e. V. um eine körpertherapeutische Einzelbehandlung, die darauf abzielt, tiefersitzende Bindegewebsrestriktionen zu manipulieren und das Fasziensystem so zu beeinflussen, dass dem Gesamtorganismus zu neuer Vitalität und Balance verholfen wird. Mithilfe dieser Form von Training sollen die Verschiebbarkeit sowie die Beweglichkeit des Bindegewebes verbessert, Gelenke entlastet und klassische Bewegungsmuster aufgelöst werden können. Zu diesem Zweck werden spezielle Grifftechniken angewandt.

Mörl fasst die Wirksamkeit einer solchen Behandlung in etwa wie folgt zusammen. In verschiedenen Studien konnte ihre Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden, die myofasziale Behandlung hatte in Versuchen keinen Einfluss auf Faktoren wie Schmerzintensität oder -zeichnung, Ruhetonus oder Muskelaktivierung. Auch auf internationaler Ebene seien dahingehend keine wirklichen Effekte nachgewiesen. Es existierten schlicht noch zu wenige organisierte Studien und Kontrollgruppen. Es sei also definitiv noch zu früh, um von einem tatsächlichem Wirkzusammenhang zu sprechen. Hinzu kommt, dass der Myofasziale Release wohl nur zu oberflächlichen Veränderungen führen könne, da ein Therapeut kräftemäßig schlichtweg nicht dazu in der Lage sei, eine Querdehnung im Fasziengewebe zu erzielen.

Letztendlich sollte noch gesagt werden, dass die als Faszientraining bezeichneten Methoden stets mehrere Organe stimulieren. Das heißt, dass bei eigenständiger aktiver Bewegung bspw. Muskelfasern, Sehnen und zugehörige Rezeptoren genutzt werden. Außerdem werden der Stoffwechsel angeregt und das Nervensystem stimuliert. Gleiches gilt für die fasziale Behandlung durch einen Therapeuten. Diese Maßnahmen sind also sehr komplex. Mörl kommt vor diesem Hintergrund zu dem Schluss, dass man Aspekte wie Schmerznachlass und Leistungsverbesserung derzeit nicht allein auf den Wirkzusammenhang mit dem Fasziengewebe reduzieren könne. Die tatsächliche Wirksamkeit des Faszientrainings ist bisher nicht nachgewiesen.

Faszien nicht zu viel Bedeutung beimessen

Selbst Robert Schleip, der bereits zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Faszien herausgegeben und/oder verfasst hat und Forschungsdirektor der European Rolfing Association sowie Leiter des Fascia Research Projects an der Universität Ulm ist, möchte den Faszien nicht zu viel Bedeutung beimessen. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beklagt er die Rolle der Faszien in der Fitnessindustrie und bemängelt vor allem die Verflachung des Themas. Außerdem rät er dazu, nicht auf Joggen oder Muskeltraining zu verzichten und wenn nötig lieber das Faszien-Training auszulassen.

Mehr Informationen in diesem Video!

Der nachfolgende Beitrag bildet den abschließenden dritten Teil der dreiteiligen Video-Reihe zum Thema Faszien. In diesem Video beschäftigt sich Dr. Tobias Weigl mit dem Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen und Faszien und erläutert außerdem hilfreiche Übungen.

Haben Sie schon einmal eine Faszienrolle verwendet? Wenn ja: Was wollten Sie mit der Verwendung erreichen? (Mehrfachnennungen möglich) Mit Ihrer Teilnahme an dieser Umfrage helfen Sie anderen Menschen dabei, ihre Situation besser einschätzen zu können.

Häufige Patientenfragen

Was ist eine Faszienrolle?

Dr. T. Weigl:
Bei der Faszienrolle handelt es sich um ein in der Regel aus Hartschaum bzw. Schaumstoff bestehendes Hilfsmittel für das Faszientraining. Sie findet Verwendung bei einer Vielzahl an Übungen und soll das Faszientraining in Eigenregie erleichtern, also die Selbstmassage ermöglichen. Die Arbeit mit der Faszienrolle verspricht laut einem namhaften Hersteller Verbesserungen in den Bereichen Mobilisierung, Aktivierung und Regeneration und trage überdies dazu bei, maximal schmerzfreie Bewegungsfreiheit herzustellen bzw. wiederherzustellen.

Was letztlich dran ist an diesen und weiteren Versprechen, erfahren Sie in unserem Artikel zum Thema.

Kann ich bei Rückenschmerzen ausschließlich mit Faszienrolle trainieren?

Dr. T. Weigl:
Das sollten Sie nicht tun. Betrachten Sie das Faszientraining nicht als alleinigen Königsweg. Das Faszientraining, auch unter Zuhilfenahme der Faszienrolle, kann zwar dabei helfen, Rückenschmerzen zu lindern und diesen vorzubeugen. Allerdings sollten Sie vor Trainingsbeginn unbedingt abklären lassen, ob Ihren Rückenschmerzen ggf. nicht doch eine spezifische Ursache zugrunde liegt. Im Zusammenhang mit Rückenschmerzen ist dies häufig ein Bandscheibenvorfall. Zusammengefasst lässt sich also sagen: Faszientraining kann zu einer Verbesserung der Symptome führen, sollte aber nur als Therapiebaustein, nicht als Wundermittel betrachtet werden.

Was ist unspezifischer Rückenschmerz?

Dr. T. Weigl:
Als unspezifische Rückenschmerzen bezeichnet man all jene Rückenschmerzen, die eine Ursache haben, die aber bislang noch nicht bekannt ist. Daher werden unspezifische Rückenschmerzen auch nicht als Erkrankung, sondern als Symptom betrachtet. Häufig führen nicht einmal aufwändige diagnostische Verfahren zu einer Erkenntnis in Bezug auf die Ursache. Oft sind aber entweder eine unter- bzw. fehlentwickelte (bspw. einseitig) Rückenmuskulatur oder Probleme mit Bändern, Faszien oder Sehnen für die Schmerzen verantwortlich.
Auch hierzu habe ich einen Video-Beitrag erstellt, in dem ich mich des Themas „Unspezifische Rückenschmerzen“ im Detail annehme.

„Also … die Wissenschaft ist da noch nicht so weit“, erklärt Tanja ihrer Freundin Birte, die Sie regelmäßig im Fitness-Studio trifft und die schon an den Faszien-Kursen teilgenommen hat. „Es ist klar, dass die ganzen Übungen in Teilen helfen, aber das ist nicht auf die Faszien allein zurückzuführen. Denn bei fast jeder Übung wird unser Körper komplex beansprucht, also alle Muskeln, Sehnen und was sonst noch so dazu gehört. Aber extra für ein angepriesenes ‚Faszientraining‘ zu zahlen, erscheint mir hier etwas verfrüht. Ich werde lieber bei meinen Übungen bleiben und warten, bis da irgendein tatsächlicher Nutzen belegt wurde.“

Verwandte Themen

Haben Sie Erfahrungen mit Faszientraining gemacht? Möchten Sie sich bei uns weiter über das Thema erkundigen? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten, um von Ihren Erfahrungen zu berichten und sich mit anderen auszutauschen!

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt. Autoren: Dr. Tobias Weigl, Tobias Möller
Veröffentlicht am: 19.12.2018, zuletzt aktualisiert: 29.01.2019

Quellen

  • Theresa Authaler (2015): Die Faszien-Zeit – Neues Trend-Training. In: faz.net.
  • Kay Bartow (2018): Faszientraining – Schmerzfrei und beweglich mit der Blackroll: die besten Übungen für den ganzen Körper. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Anna Cavelius u. a. (2015): Faszientraining – Mehr Beweglichkeit, Gesundheit und Dynamik. Gräfe und Unzer, München.
  • Scott W. Cheatham u. a. (2015): The effects of self-myofascial release using a foam roll or roller massager on joint range of motion, muscle recovery, and performance: A systematic review. In: International Journal of Sports Physical Therapy 10(6): S. 827–38.
  • Melanie Gärtner (2018): Faszien: Aschenputtel der Anatomie. In: GoetheSpektrum 1.18.
  • Falk Mörl (2016): Müssen wir unsere Faszien trainieren? Eine wissenschaftlich kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Faszientraining. Conference Paper Erfurter Tage 23.
  • test.de (2017): Faszien trainieren: Was bringt die Arbeit am Bindegewebe?
[Gesamt:7    Durchschnitt: 5/5]

Noch keine Kommentare.

Was denkst Du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.