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Das Narkosemedikament Propofol – Das am häufigsten verwendete intravenöse Anästhetikum: Wirkung & Gefahren

Propofol ist aus dem OP von heute nicht mehr wegzudenken. Allerdings birgt der Wirkstoff – wie jedes andere Medikament auch – gewisse Risiken.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

Bekanntheit erlangte das Medikament Propofol vor allem im Rahmen der Berichterstattung um das Versterben von Michael Jackson, welcher Propofol wahrscheinlich zum „Entspannen“ und/ oder „Einschlafen“ regelmäßig verwendet hat. Das Medikament Propofol wird standardmäßig bei Operationen oder endoskopischen Untersuchungen zum „Einschlafen“ verwendet. Das Medikament kann jedoch sehr schnell über- als auch unterdosiert werden, es hat eine sog. geringe therapeutische Breite. Deshalb ist es elementar, dass Propofol nur von fachkundigem Personal verabreicht wird und immer eine durchgehende Überwachung gewährleistet ist. Im nachfolgenden Artikel befassen wir uns einmal näher mit dem Wirkstoff Propofol und nehmen unter anderem auch den Umstand unter die Lupe, dass das Medikament sehr lebhafte sexuelle Fantasien bei Patienten hervorrufen kann.

Was ist Propofol?

Propofol ist ein Medikament, das zur Gruppe der Hypnotika (sog. ‚Schlafmittel‘) bzw. genauer gesagt der sog. Injektionshypnotika gehört. Es ist oft Teil einer Kombinationsnarkose (sog. ‚balancierte Anästhesie‘), die sich aus Medikamenten zusammensetzt, die sich in ihrer Wirkung ergänzen. Propofol wird intravenös verabreicht, also direkt in die Vene, entweder mithilfe einer Spritze (sog. ‚Injektion‘) oder mittels eines Perfusors (sog. ‚Infusion‘). Das Medikament wirkt optisch milchig, da es in Form einer sogenannten Öl-in-Wasser-Emulsion verwendet wird, in der Regel mit einem Anteil von 10 Prozent Soja-Öl.
Wenn Sie sich vorab einen Überblick über die bei einer Narkose eingesetzten Medikamente verschaffen wollen, empfehlen wir die Lektüre unseres Artikels „Narkosemedikamente – Opioide, Hypnotika und Muskelrelaxanzien zur Narkose“. Darin gehen wir detailliert auf die einzelnen Bestandteile einer Kombinationsnarkose ein und erläutern deren jeweilige Funktion.
Dr. Tobias Weigl hat zu Propofol ebenfalls ein Video worin er auf die Wirkungen, Nebenwirkungen und „Gefährlichkeit“ des Medikaments eingeht.

Narkotikum Propofol – Gefährliches Narkosemittel zur Sedierung & Narkose? Wirkung & Nebenwirkungen

Welche Wirkung hat Propofol?

Propofol wurde um 1970 erstmals synthetisiert und bereits 1977 durch die Mediziner Kay und Rolly in einer klinischen Studie getestet. Bislang ist die Wirkweise von Propofol nicht im Detail geklärt. Allerdings wird davon ausgegangen, dass der Wirkstoff die Verbindung zwischen Großhirnrinde und anderen Bereichen des Gehirns so sehr beeinflusst, dass diese nicht mehr miteinander kommunizieren können. Dadurch können die Informationen, die in diesen Arealen vorhanden sind, nicht mehr in unsere bewusste Wahrnehmung gelangen.

Wirklänge

In der Regel tritt schon kurz nach Einspritzen des Wirkstoffs die beruhigende und entspannende Wirkung ein. Abhängig davon, wie schnell das Einspritzen erfolgt, beträgt die Dauer etwa 30–40 Sekunden. Da Propofol aber sehr schnell verstoffwechselt (sog. ‚metabolisiert‘) und wieder ausgeschieden wird, hält eine einzelne Gabe nur etwa 4–6 Minuten an. Für eine ausreichende Sedierung ist demnach eine dauerhafte Infusion erforderlich (entweder weiterhin mit Propofol oder man wechselt auf ein sog. Inhalationsnarkotikum wie z.B. Desfluran, Sevofluran, Isofluran). Wenn der Wirkstoff nicht mehr verabreicht wird, wachen Patienten in der Regel auch schnell wieder auf bzw. erlangen schnell das Bewusstsein wieder. Beizeiten wirkt das Medikament vor allem in der Aufwachphase sogar euphorisierend, aphrodisierend und sexuell enthemmend. Diese Wirkungen haben unter anderem dazu geführt, dass Propofol auch missbräuchlich verwendet wird.

Gut zu wissen!
Propofol wird hauptsächlich in der Leber metabolisiert, es gibt aber auch eine sog. extrahepatische Metabolisierung, also außerhalb der Leber. So z.B. in der Lunge, da hier ebenfalls ein nennenswerter sog. first-pass-Effekt vorliegt!

Zusammengefasst sind die Wirkungen von Propofol also:

  • beruhigend und betäubend
  • sedierend
  • entspannend
  • euphorisierend
  • aphrodisierend
  • antiemetisch
  • Atemwegsreflexe dämpfend
  • blutdrucksenkend
Wichtig!
Propofol wirkt nicht schmerzlindernd (sog. ‚analgetisch‘) und wird daher bei schmerzhaften Eingriffen stets in Kombination mit Schmerzmitteln, bspw. Opioiden wie Fentanyl, Morphin, Alfentanil, Remifentanil oder Sufentanil, kombiniert.

Was sind die Anwendungsgebiete von Propofol?

Grundlegend hat Propofol drei Einsatzgebiete. Wie Sie den Wirkungen vielleicht schon entnehmen konnten, besteht die erste wesentliche Aufgabe des Medikaments vor allem darin, eine Narkose einzuleiten und anschließend auch aufrechtzuerhalten. Dies ist bei Erwachsenen und Kindern, die älter als 1 Monat sind, möglich. Außerdem kommt es zum Einsatz, um ebendiese Personen im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs zu sedieren, sie also zu beruhigen. Dies kann durch die Gabe des Wirkstoffs allein, aber auch in Kombination mit einer Lokal- oder Regionalanästhesie erfolgen. Als letztes Anwendungsgebiet sei die Intensivmedizin zu nennen. Hier werden beatmete Patienten in einem Alter von über 16 Jahren mithilfe von Propofol sediert.

Wurden Sie schon einmal operiert und haben dafür eine Narkose bekommen? Wissen Sie, welcher Wirkstoff bei Ihnen zum Einsatz kam, um Sie „schlafen zu legen“? (Mehrfachnennungen möglich) Mit Ihrer Teilnahme helfen Sie anderen Lesern dabei, ihre Situation besser einschätzen zu können und stellen überdies uns wertvolle Informationen zur Verfügung, die uns Hinweise darauf geben, in welchem Bereich wir noch mehr Aufklärung betreiben sollten.

Exkurs: Das Aufklärungsgespräch vor einer Operation

Jedem chirurgischen Eingriff geht ein umfangreiches Aufklärungsgespräch voraus. Der Mediziner spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten präoperativen Visite. Darin werden viele wichtige Faktoren besprochen, die sowohl die Narkose als auch den Operationsverlauf beeinflussen können.
Der Anästhesist, mit dem man in der Regel vor einer Operation spricht, klärt Patienten daher über den Verlauf des Eingriffs auf, stellt wichtige Fragen und lässt sogar den Patientenwunsch bei der Auswahl des geeigneten Verfahrens einfließen. Besonders wichtig aus Patientensicht sind etwaige Verhaltensregeln, bspw. ein striktes Nahrungsaufnahmeverbot 6 Stunden vor der Operation und klare Flüssigkeit nur bis 2 Stunden vor dem Eingriff. Ebenso wichtig: Antworten Sie trotz eines möglicherweise bestehenden Schamgefühls auf Fragen nach dem Konsum von Alkohol, Tabak oder Schmerzmitteln (bspw. Ibuprofen oder Aspirin), da dies den Verlauf des Eingriffs nachhaltig beeinflussen kann.
Sie können sich in unserem Artikel „Die präoperative Visite – Das Aufklärungsgespräch“ ausgiebig über die erforderlichen Dokumente, einen typischen Gesprächsverlauf und die Zeit nach der Operation erkundigen.

Dr. Tobias Weigl hat sich auch bereits in einem Video mit dem Thema Aufklärungsgespräch befasst. Er geht darin auf die besonderen Umstände für Patienten ein, denen eine Operation bevorsteht und widmet sich essenziellen Aspekten im Zusammenhang mit einem operativen Eingriff, bspw. Medikation, Nahrungsaufnahme, OP-Risiken und postoperative Übelkeit.

Tipps vor einer Operation – Wichtiges aus dem Narkose Gespräch: Medikamente, Essen, Übelkeit, Risiko

Was sind die Nebenwirkungen von Propofol?

So gut wie alle Arzneimittel gehen mit diversen Nebenwirkungen einher, über die entsprechend aufgeklärt sein muss – Propofol bildet hier keine Ausnahme. Die Einteilung der Nebenwirkungen erfolgt gemäß ihrer Häufigkeit. Zu den häufigsten Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Propofol zählen jene, die Beruhigungs- bzw. Narkosemittel im Allgemeinen betreffen, nämlich ein erniedrigter Blutdruck (sog. ‚Hypotonie‘) sowie eine abgeflachte Atmung (sog. ‚Atemdepression‘). Wie oft oder wie schwer diese Effekte eintreten, hängt letztlich immer mit dem aktuellen Gesundheitszustand des Patienten sowie den gewählten Behandlungsmethoden zusammen.

Nebenwirkungen nach ihrer Häufigkeit

Die nachfolgenden Auflistungen dienen der Aufschlüsselung der Nebenwirkungen gemessen an ihrer Häufigkeit. Dabei gilt für die Angabe „sehr häufig“ ein Aufkommen von ≥1/10 (mehr als 1 von 10 Behandelten), für „häufig“ ≥1/100 bis <1/10 (1 bis 10 Behandelte von 100), für „gelegentlich“ ≥1/1.000 bis <1/100, für „selten“ ≥1/10.000 bis <1/1.000 und für die Angabe „sehr selten“ ein Aufkommen von <1/10.000 (weniger als 1 Behandelter von 10.000).

Wichtig!
Das in dem Medikament enthaltene Soja-Öl kann allergische Reaktionen hervorrufen

Als sehr häufige Nebenwirkung gilt im Grunde einzig ein lokaler Schmerz bei der ersten Injektion (sog. ‚Injektionsschmerz‘).

Die häufigen Nebenwirkungen sind zahlreicher. Zu ihnen zählen:

Zu den gelegentlichen Nebenwirkungen zählen indes:

  • Thrombose
  • Entzündungen venöser Gefäße (sog. ‚Phlebitis‘)

Als seltene Nebenwirkungen gelten Anfälle wie bei Epilepsie inklusive Krämpfe während der Narkoseeinleitung, der Aufrechterhaltung und der Aufwachphase.

Letztlich seien noch die sehr seltenen Nebenwirkungen zu nennen. Dazu zählen:

  • allergische Reaktionen mit Angioödemen (Hautschwellungen), Bronchospasmen (Verkrampfen der Muskeln um die Atemwege), Erythemen (entzündliche Hautrötungen) und Hypotonie (erniedrigter Blutdruck)
  • Bewusstlosigkeit nach der Operation
  • Lungenödeme (Flüssigkeitseinlagerungen in der Lunge)
  • Bauchspeicheldrüsenentzündung (sog. ‚Pankreatitis‘)
  • verfärbter Urin, wenn Propofol länger gegeben wird
  • sexuelle Enthemmung
  • schwere Reaktionen des Gewebes mit abgestorbenem Gewebe (sog. ‚Nekrose‘), wenn sich Propofol außerhalb der Gefäßbahnen befinden
  • Fieber nach der Operation
Gut zu wissen!
Wenn Propofol länger angewendet wird, kann es dazu kommen, dass sich der Urin dunkelbraun oder grünlich verfärbt. Das hängt zusammen mit den sogenannten Metaboliten. Dabei handelt es sich um Zwischenprodukte des Zellstoffwechsels.

Das Propofolinfusionssyndrom (kurz:PRIS)

Bei dem Propofolinfusionssyndrom handelt es sich um einen Sammelbegriff für schwere Arzneimittelnebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Medikament Propofol. Zu den kennzeichnenden Symptomen zählen:

  • schwere Übersäuerung von Körper und Blut (sog. ‚metabolische Azidose‘
  • Herzrhythmusstörungen und Herzversagen
  • Gewebezerfall quergestreifter Muskulatur (sog. ‚Rhabdomyolyse‘)
  • Nierenversagen
  • Fettstoffwechselstörung mit erhöhten Triglyceriden im Blut (sog ‚Hypertriglyceridämie‘)

In den meisten Fällen von PRIS waren Patienten betroffen, bei denen eine Dosis von 5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde über einen Zeitraum von 48 Stunden verabreicht wurde. Seltener wurde der Symptomenkomplex aber auch bei geringerer Dosis und kürzerer Infusionsdauer beobachtet. Die Sterblichkeit ist hoch – durchschnittlich versterben 51 Prozent der Patienten, bei denen ein PRIS vorliegt. Allerdings hat die Anzahl der Todesfälle im Lauf der Zeit abgenommen, was wahrscheinlich auf den Umstand zurückzuführen ist, dass man dem Problem gegenüber sensibler geworden ist.
Bei der Entstehung des PRIS wirken einige begünstigende Faktoren mit. Zu diesen zählen Polytraumata, Schädel-Hirn-Traumata, Fieber, eine Therapie mit Katecholaminen und Mitochondriopathien. Letztere beschreiben als Oberbegriff Erkrankungen, die im Zusammenhang mit beschädigten oder nicht richtig funktionierenden Mitochondrien stehen.
Um der Entstehung des Propofolinfusionssyndroms vorbeugen zu können, wird das Medikament in der Regel nicht für einen Zeitraum von mehr als 7 Tagen angewendet.

Propofol wirkt aphrodisierend

Es gibt Patientinnen, die im Anschluss an eine Operation, bei der Propofol zum Einsatz kam, davon berichteten, im Aufwachraum sexuell belästigt oder gar missbraucht worden zu sein. Oft wird das – vermeintlich – Erlebte sehr ausführlich, detailliert und überzeugend geschildert. Der Grund für diese Anschuldigungen liegt im Wirkstoff Propofol selbst. In der Fachliteratur wurde nämlich schon häufig von dem Umstand berichtet, dass Propofol teils sehr lebhafte sexuelle Fantasien herbeiführen kann, die mitunter sogar den Eindruck erwecken können, tatsächlich erlebt worden zu sein.
Es haben sich in diesem Rahmen schon Fälle ereignet, in denen die Anschuldigungen zur Polizei und letztlich auch vor Gericht getragen worden sind. Das Deutsche Ärzteblatt hat in diesem Zusammenhang schon häufiger davon berichtet, dass die Halluzinationen den jeweils behandelnden Arzt in eine sehr schwierige Position bringen, da sich meist weder er noch seine Kollegen an die konkrete Patientin erinnern können. Demnach bestehe eine denkbar schlechte Ausgangsposition, die Ärzte nicht nur einer potenziell wirtschaftlichen Bedrohung aussetzt, sondern sie auch stigmatisiert.

Nebenwirkungen mit Lidocain möglich

Lidocain ist ein örtlich wirksames Betäubungsmittel, also ein Lokalanästhetikum, das in Zusammenhang mit Propofol selten einige Nebenwirkungen mit sich ziehen kann. Dazu gehören u. a.:

Propofol auf einen Blick

Propofol aus der Wirkstoffgruppe der Allgemeinanästhetika bzw. Hypnotika und Sedativa

Wirkung

  • beruhigend und betäubend
  • sedierend
  • entspannend
  • euphorisierend und aphrodisierend

Fakten zur Wirkung

  • die Wirkung setzt innerhalb weniger Sekunden ein
  • Wirkdauer ist mit 4–6 Minuten verhältnismäßig kurz
  • Patienten wachen schnell wieder auf
  • die Halbwertszeit beträgt etwa 55 Minuten; der Wirkstoff erreicht nach dieser Zeit also seine halbe Konzentration im Körper
  • Schädelinnendruck nimmt um circa 51 Prozent ab, Sauerstoffverbrauch um etwa 36 Prozent
  • eingeschränkte Verkehrstauglichkeit ist in den meisten Fällen nicht länger als 12 Stunden zu beobachten

Anwendungsgebiete

  • Narkoseeinleitung
  • Narkoseaufrechterhaltung
  • Sedierung beatmeter Patienten ab 16 Jahren in Intensivbehandlung

Wichtigste Nebenwirkungen

Dosierung und Darreichungsform

  • Erwachsene bekommen in der Regel 1,5–2,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht (mg/kg) gespritzt
  • Kinder im Alter von über 8 Jahren erhalten 2,5 mg/kg, Kinder unter 8 ggf. noch etwas mehr
  • Spritze (sog. ‚Injektion‘) oder Infusion

Welche Kontraindikationen und Wechselwirkungen existieren für Propofol?

Von einer Kontraindikation, auch bekannt als Gegenanzeige, spricht man in der Medizin, wenn man einen Umstand beschreiben will, der die Gabe eines bestimmten Medikaments (oder die Anwendung einer bestimmten Behandlungsmaßnahme) nicht erlaubt.
Zu den Kontraindikationen von Propofol zählen:

  • eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, Soja, Erdnuss oder sonstige Bestandteile des Präparats (bspw. raffiniertes Sojaöl, Glycerol, Eilecithin, mittelkettige Triglyceride, Natriumoleat, Natriumhydroxid)
  • ein Alter von unter 16 Jahren, wenn der Wirkstoff zur Sedierung bei einer Intensivbehandlung gegeben werden soll

Risiken in Bezug auf die Schwangerschaft bestehen insofern, als dass die Sicherheit der Anwendung von Propofol in diesem Zusammenhang bisher nicht ausreichend belegt ist. Aus diesem Grund wird das Medikament nur dann eingesetzt, wenn die Situation keine Alternative zulässt und den Einsatz notwendig macht. Denn Propofol passiert die Plazenta und kann auf diesem Weg die Vitalfunktionen des Neugeborenen beeinträchtigen. In Bezug auf die Stillzeit muss an dieser Stelle gesagt werden, dass Propofol in geringen Mengen in die Muttermilch gelangen kann, weshalb man 24 Stunden nach dem Einsatz des Wirkstoffs davon absehen sollte, das Kind zu stillen. Generell ist der Einsatz des Wirkstoffs während der Stillzeit aber möglich.
Auch Leber- und Niereninsuffizienz sowie adere Stoffwechselerkrankungen, die sogenannten Porphyrien, stehen dem Einsatz von Propofol nicht im Weg.

Was sind Wechselwirkungen?

Wechselwirkungen beschreiben die gegenseitige Beeinflussung von Medikamenten, wenn diese zeitgleich eingenommen werden. Von einer Wechselwirkung kann man aber auch dann sprechen, wenn man das Zusammenwirken zwischen einem Medikament und einem Lebensmittel beschreiben möchte.
Diese Wechselwirkungen bestehen auch im Zusammenhang mit Propofol und werden im Folgenden aufgeführt.

  • Wenn Propofol zusammen mit Benzodiazepinen, Parasympatholytika (diese setzen die Wirkung des Parasympathikus herab) oder Inhalationsnarkotika verwendet wird, können sich dich Narkosedauer verlängern und die Atemfrequenz verringern.
  • Wenn Propofol mit Opioiden (starke Medikamente gegen Schmerzen) kombiniert wird, kann seine betäubende Wirkung verstärkt und verlängert werden und es kann sowohl häufiger als auch länger zu Atemaussetzern kommen.
  • Sowohl die Wirkung auf die Narkose als auch die Nebenwirkungen in Bezug auf das Herz-Kreislauf-System werden durch die Arzneimittel, die bei der Narkose zum Einsatz kommen (Prämedikation, Inhalationsanästhetika, Schmerzmittel), verstärkt.
  • Wenn Propofol in Kombination mit Substanzen gegeben wird, die dämpfend auf das zentrale Nervensystem wirken, bspw. Alkohol oder auch Narkosemedikamente, werden die betäubenden Effekte der jeweiligen Substanzen verstärkt. Werden diese Substanzen direkt gespritzt oder per Infusion zugeführt, gelangen sie also direkt in den Blutkreislauf, können starke Funktionseinschränkungen der Atmung oder des Herz-Kreislauf-Systems die Folge sein.
  • Wenn Propofol mit dem Opioid Fentanyl kombiniert wird, kann es dazu kommen, dass der Propofol-Blutspiegel erhöht ist und sich Atemaussetzer mehren.
  • In Kombination mit den Wirkstoffen Suxamethonium und Neostigmin kann es zu einer verminderten Herzfrequenz und Herzstillstand kommen.
  • Bei der gleichzeitigen Behandlung mit Propofol und Ciclosporin wurden bei Patienten sogenannte Leukenzephalopathien beobachtet. Dabei handelt es sich um Erkrankungen unterschiedlicher Ursache, welche die weiße Substanz im Gehirn betreffen.
  • Bei gleichzeitiger Anwendung von Propofol im Rahmen der Narkose mit dem Antibiotikum Rifampicin konnte man einen Blutdruckabfall beobachten.

Ist Propofol gefährlich?

Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten, da viele Faktoren die Gefahr des Wirkstoffs beeinflussen. Während Propofol zwar gut steuerbar ist – denn es verbleibt nicht lange im Körper – hat es das Problem einer geringen sogenannten therapeutischen Breite, was bedeutet, dass der Bereich zwischen Unter- und Überdosierung sehr klein ist. Und eine Überdosierung kann durchaus als gefährlich eingestuft werden, denn sie geht einher mit teils dramatischen Nebenwirkungen. Zu diesen zählen vorranging ein Blutdruckabfall, eine abgeflachte Atmung, Atemstillstände sowie eine verlangsamte Herzfrequenz. Bei schwerem Verlauf können diese Nebenwirkungen letztlich zu Koma oder gar Herzstillstand und entsprechend Tod führen. In diesem Rahmen kommt dem Anästhesisten, also dem Narkosearzt, bei der Operation besondere Bedeutung zu. Denn nur dieser anästhesiologisch bzw. intensivmedizinisch ausgebildete Arzt darf das Medikament verabreichen und damit die Narkose einleiten. Schon öfter wurde gefordert, dass dieser Arzt ausschließlich mit dieser Aufgabe betraut wird. In der aktuellen S3-Leitlinie von 2015 zum Thema heißt es in diesem Zusammenhang: „Wegen der besonderen Gefährdungssituation darf Propofol nur von anästhesiologisch bzw. intensivmedizinisch ausgebildeten Ärzten verabreicht werden.“
Hinzu kommt, dass ein chirurgischer Eingriff stets der Operation entsprechend über das sogenannte Anästhesie-Monitoring überwacht wird. Dieses umfasst die Überwachung verschiedenster Werte, bspw. konstante Blutdruck- und Pulsmessung oder Beatmungsüberwachung, anhand derer etwaige Komplikationen so früh wie möglich abgelesen werden können.
Propofol birgt zusammengefasst also sowohl Gefahren als auch Vorteile und die Gefahren werden in der Regel durch bestmögliche Überwachung umgangen, sodass der Wirkstoff noch heute das am häufigsten verwendete intravenöse Narkose-Medikament ist.
Wenn Sie mehr über das Monitoring erfahren möchten, also wissen wollen, welche Werte bei einer Operation zu welchem Zweck überwacht werden, empfehlen wir Ihnen unseren umfassenden Artikel „Was während einer Narkose überwacht wird – das Anästhesie-Monitoring“.

Aktuelle Forschung – Auswirkung von Cannabis-Konsum auf die Narkose

Wer regelmäßig Cannabis konsumiert, muss bei einer Narkose mehr Betäubungsmittel gespritzt bekommen, um nicht während der Operation aufzuwachen. Dies fanden Forscher um Mark A. Twardowski heraus. Seine Ergebnisse veröffentlichte das Team im Mai 2019 in der Fachzeitschrift „Journal of the American Osteopathic Association“.
Ziel der Studie war es, zu untersuchen, ob regelmäßiger Cannabis-Konsum einen Einfluss auf die Dosierungshöhe der notwendigen Medikation hat. Die Forscher untersuchten dazu die Daten einer Gruppe aus 250 Patienten im US-Bundesstaat Colorado und beschränkten die Variabilität in der Betäubungstechnik, indem sie lediglich Daten aus einem „endoscopy center“ von einem Endoskopisten verwendeten.
Im Ergebnis zeigte sich eindeutig, dass Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, eine höhere Dosis benötigten als Nicht-Konsumenten oder unregelmäßig Konsumierende. In Bezug auf die endoskopischen Untersuchungen ließ sich bspw. feststellen, dass Cannabis-Konsumenten mehr als doppelt so viel (220,5 Prozent) Propofol benötigten wie Nicht-Konsumenten.
Es ist daher essentiell, im Gespräch vor der Operation ehrlich zu sein, was den Drogenkonsum angeht, da dieser entscheidenden Einfluss auf die für die Narkose notwendige Dosis hat.

Quelle:
Mark A. Twardowski, Margaret M. Link, Nicole M. Twardowski (2019): Effects of Cannabis Use on Sedation Requirements for Endoscopic Procedures. In: The Journal of the American Osteopathic Association 119/5, S. 307–311.

Häufige Patientenfragen

Birgt eine Vollnarkose nicht immer ein gewisses Risiko?

Dr. T. Weigl:
Das ist an sich richtig. Aber an dieser Stelle sollte noch einmal betont werden, dass die Zahl tatsächlicher Zwischenfälle bei Vollnarkosen stark abgenommen hat – nicht zuletzt dank ständiger Überwachung durch den Anästhesisten und die Einbindung diverser technischer Geräte, die die Überwachung des Patienten weiter vereinfachen. Schwerwiegende Komplikationen sind bspw. das Übertreten von Mageninhalt in die Lunge mit der Folge einer Lungenentzündung oder allergiebedingte Probleme mit Herz, Kreislauf und Beatmung.
Häufiger hingegen klagen Patienten im Anschluss an eine Operation über Beschwerden wie zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen, erkältungsähnliche Halsschmerzen, gereizte Venen und gereizte Einstichstellen mit Entzündungen und Blutergüssen.
Mehr über die Narkose erfahren Sie in unserem Beitrag „Narkoseverfahren: Die wichtigsten Anästhesieverfahren im Überblick“.

Was passiert bei einer Überdosis Propofol?

Dr. T. Weigl:
Eine Überdosis Propofol kann schwerwiegende Folgen haben. So ist es bspw. möglich, dass sich schwere Kreislauf- und Atembeschwerden ergeben, die letztlich sogar zum Tod durch Herzstillstand führen können. Die geringe therapeutische Breite des Wirkstoffs macht das Problem noch etwas schwieriger. Denn dadurch, dass die optimale Wirkung nur in einem kleinen Bereich vorzufinden ist, muss ein Arzt mit intensivmedizinischer oder anästhesiologischer Ausbildung die Gabe des Medikaments vornehmen.

Was sind Alternativen zu Propofol, wenn ich gegen den Wirkstoff oder einen der Inhaltsstoffe allergisch bin?

Dr. T. Weigl:
Auch wenn Propofol das am häufigsten verwendete Hypnotikum ist, kann es sein, dass Patienten bspw. eine Soja- oder Erdnussallergie haben und deswegen nicht mit dem Medikament behandelt werden sollten. Glücklicherweise stehen der Medizin heute viele Alternativen zur Verfügung. Dazu zählen bspw. das Barbiturat Thiopental, Etomidat oder das Benzodiazepin Midazolam. Letzteres kommt aber vor allem vor einer Operation zum Einsatz und bei einer richtigen Anästhesie lediglich im Zusammenspiel mit anderen Hypnotika.

Typisches Patientenbeispiel

Sabine ist aufgeregt … sehr aufgeregt. Sie ist 33 Jahre alt und hat tatsächlich bis jetzt Glück gehabt, niemals auf einem OP-Tisch zu landen. Gestern aber war es so weit. Sie hatte schon einige Tage Magen-Probleme, aber die Schmerzen haben mit der Zeit nicht etwa nachgelassen, sondern zugenommen. Ein Besuch beim Hausarzt musste dann einfach sein. Schnell hat sich herausgestellt, dass der Wurmfortsatz ihres Blinddarms raus muss, sie hat eine sogenannte Appendizitis. Jetzt sitzt sie hibbelig auf der Station und wartet auf ihren Termin um 15 Uhr, bei dem sie mit ihrem Anästhesisten alle wichtigen Informationen für die Narkose absprechen wird. Im Kopf geht sie noch einmal durch, was wirklich wichtig sein könnte …
‚Der hat das aber auch nicht zum ersten Mal gemacht‘, denkt Sabine über den Arzt, mit dem sie gerade gesprochen hat, während sie sich auf dem Weg zurück zur Station befindet und sich mit der Hand sanft über den schmerzenden Bauch fährt. In ihrem Aufklärungsgespräch hatte sie mit dem Anästhesisten alles Nötige besprochen und unter anderem feststellen müssen, dass sie anders „schlafen gelegt“ werden muss als die meisten Patienten – wegen ihrer Soja-Allergie. Was das mit Medikamenten zu tun hat, weiß Sabine nicht, aber das wird schon seine Richtigkeit haben. Jedenfalls hat der Arzt es irgendwie geschafft, ihr den Großteil der Angst vor der Operation zu nehmen, sodass sie sich jetzt zuversichtlich ins Bett fallen lässt und ein wenig verstimmt – sie darf gleich nichts mehr essen – den Fernseher einschaltet, um sich noch einmal ein wenig abzulenken.

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Autoren: Dr. Tobias Weigl, Tobias Möller
Lektorat: Schajan Salahijekta
Veröffentlicht am: 22.06.2019, zuletzt aktualisiert: 19.08.2019

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

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