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Cannabis aus pharmakologischer Sicht – Die Wirkstoffe vom Hanf

Cannabis darf seit 2017 als Medikament in Deutschland verschrieben werden. Es gibt viele positive Beobachtungen, aber richtige Langzeitstudien fehlen noch. — Dr. Tobias Weigl.

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Cannabis, also Hanf, ist eine Pflanze, die wohl am ehesten als Droge bekannt ist. Mittlerweile ist sie aber auch als Medikament anerkannt. Was dahinter steckt, wie sie wirkt und welche Stoffe sie enthält, das verrät dieser Artikel.

Andreas Eltern sind entsetzt. Ihre Tochter konsumiert Drogen! Andrea wusste, dass das kein einfaches Gespräch wird. „Mama, Papa, beruhigt euch doch!“ Zum gefühlt tausendsten Mal wiederholt sie, dass Hanf auch eine Heilpflanze ist, wie Johanniskraut oder Ginko. Sie hat das Cannabis sogar von ihrem Arzt verschrieben bekommen, wegen ihrer Schmerzen. Ihre Eltern bleiben skeptisch. Also muss sie wohl ins medizinische Detail gehen …

Was ist Cannabis?

Die wohl bekanntesten Produkte der Cannabispflanze sind Haschisch und Marihuana. Unter Cannabis versteht man ganz einfach die Hanfpflanze. Sie gehört zur Familie der Hanfgewächse (wiss. ‚Cannabaceae‘). Bei Marihuana handelt es sich um ein getrocknetes Gemisch aus den Blüten von (unbefruchteten) weiblichen Blütenständen der Hanfpflanze. Haschisch jedoch wird aus dem gepresstem Harz der weiblichen Hanfpflanze gewonnen. Aufgrund seiner Inhaltsstoffe und deren Wirkung wird Cannabis oft als Rausch-, aber ebenso Arzneimittel verwendet.
 

Darüber hinaus ist Hanf aber auch eine wichtige Nutzpflanze in der Textil- und Bauindustrie. So werden aus den Fasern des Stängel Seile und Stoffe hergestellt.
 

Außerdem kann man Speiseöl aus den Samen und ätherische Öle aus den Blättern gewinnen. Hanfsamen sind reich an Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten und enthalten ebenfalls zahlreiche Vitamine.
 

Es gibt nach neuestem Stand 3 Arten in der Pflanzengattung: zum einen den Wildhanf und seine domestizierte Form, den Kulturhanf (‚Cannabis sativa sativa‘). Zum anderen noch den indischen Hanf (‚Cannabis indica‘).

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Was sind die Inhaltsstoffe und Wirkstoffe von Cannabis?

Die Inhaltsstoffe von Cannabis sind in den Kelch- und Tragblättern der weiblichen Hanfpflanze enthalten. Genauer gesagt sekretieren haarähnliche Strukturen (sog. ‚Trichome‘) diese Inhaltsstoffe. Dazu zählen zum einen die Cannabinoide und zum anderen verschiedene sog. Terpene und Flavonoide.
 

Bis heute wurden mehr als 113 Cannabinoide in der Hanfpflanze entdeckt. Diese Stoffe kommen vor allem in Cannabispflanzen vor, von der sie ihren Namen haben. Sie unterscheiden sich allesamt in ihrer chemischen Verbindung und der Wirkweise. Bei vielen ist die Wirkweise jedoch unklar und der isolierte Betrag noch viel zu gering.
 

Zu den häufigsten bzw. wichtigsten Cannabinoiden gehören die folgenden:

  • Cannabidiol (CBD)
  • Cannabidivarin (CBDV)
  • Cannabichromen (CBC)
  • Cannabigerol (CBG)
  • Cannabinol (CBN)
  • Tetrahydrocannabinol (THC)
  • Tetrahydrocannabivarin (THCV)

 
Es gibt andere Pflanzenarten, die Inhaltsstoffe enthalten, die ähnlich wie die Cannabinoide wirken (sog. ‚Cannabinoidmimetika‘, von griech. ‚mimesis‘ Nachahmung).

Welche Wirkung haben die Inhaltsstoffe von Cannabis?

Da die Cannabinoide sich in ihrer Struktur unterscheiden, haben sie auch verschiedene Wirkungen. Manche der Cannabinoide sollen der Forschung zufolge eine Art Modifikation zu dem häufigsten Cannabinoid (THC, Tetrahydrocannabinol) darstellen.
 

Eine kleine Übersicht der hauptsächlichen Wirkungen, die Cannabis für die Medizin – und Patienten – so interessant machen:

  • schmerzlindernd
  • entzündungshemmend
  • muskelentkrampfend
  • appetitfördernd
  • wohltuend bei Übelkeit

 

Wichtig ist: die oben genannten Wirkungen treten nicht bei allen Cannabinoiden auf. Viele Cannabinoide besitzen nur paar davon.
 
Noch sind die Wirkungen vieler Cannabinoide nicht vollständig geklärt.Doch im Folgenden sind 6 wichtige Cannabinoide mit ihrer Wirkweise dargestellt:

Cannabidiol (CBD)

Überwiegend wird Cannabidiol bei der Behandlung von Epilepsien eingesetzt. Des weiteren besitzt CBD folgende Eigenschaften:

  • löst Ängste (wirkt ‚anxiolytisch‘)
  • lindert Schmerzen
  • schützt Nervenzellen
  • hilft bei Psychosen
  • löst Krämpfe (wirkt ‚antikonvulsiv‘)
  • hemmt Entzündungen (wirkt ‚antiphlogistisch‘)
  • hilft gegen Brechreiz (wirkt ‚antiemetisch‘)
  • wirkt antioxidativ
  • regt den Appetit an
  • fördert das Knochenwachstum

Cannabichromen (CBC)

Cannabichromen wirkt indirekt schmerzstillend und leicht entzündungshemmend. Es unterstützt die schmerzhemmende Wirkung von Tetrahydrocannabinol (THC). Außerdem hat es eine beruhigende Wirkung auf den Körper. Des weiteren besitzt Cannabichromen eine antibiotische Wirkung gegenüber einer Bakterienart, die als resistent gegenüber gewöhnlichen Antibiotika gilt.

Cannabigerol (CBG)

Bei Studien mit Katzen konnte gezeigt werden, dass Cannabigerol den Augeninnendruck senken kann. Außerdem kann es die Effekte anderer Cannabinoide hemmen bzw. unterdrücken. Dies spielt im endocannabinoiden System des Körpers eine Rolle (siehe unten). Zusätzlich zeigt es laut Studien entzündungshemmende, antibakterielle und antioxidative Wirkungen.

Tetrahydrocannabinol (THC)

Unter den Cannabinoiden der Hanfpflanze ist das Tetrahydrocannabinol (THC, (–)-Δ9-trans-Tetrahydrocannabinol) dasjenige mit der psychoaktiver Wirkung. Dies ist also der Teil, der primär für den Rauscheffekt beim Konsum von Cannabis verantwortlich ist.
 
In der Pflanze selbst liegt sie in einer chemisch anderen Form vor. Erst durch das Trocknen, aber eben auch durch die Verbrennung beim Rauchen, entsteht das THC mit seinen Wirkungen.
 
Zu den bekanntesten Wirkungen zählen:

  • Schmerzlinderung
  • Hilfe bei Übelkeit und Erbrechen (wirkt ‚antiemetisch‘)
  • Druckerniedrigung des inneren Teil des Auges
  • Angeregter Appetit
  • Schlaferleichterung
  • Euphorie
  • Wahrnehmungsveränderung
  • Erhöhter Redebedarf

 

Allerdings sind auch einige negative Effekte bekannt:

  • Senkung der Konzentration
  • Depersonalisation (Fremdheitserleben gegenüber sich selbst, als wenn man sich von außen betrachten würde)
  • Angst und Panik
  • Psychotische Symptome, wie zum Beispiel Paranoia
  • Erhöhte Herzfrequenz (sog. ‚Tachykardie‘)
  • Rötung der Bindehaut
  • Trockener Mund
  • Ausweitung der Pupille (sog. ‚Mydriasis‘)

 

Gut zu wissen!
Cannabis wurde als Heilmittel schon vor tausenden von Jahren benutzt. Seine medizinische Anwendung begann wahrscheinlich schon vor ca. 3.500 Jahren im alten Ägypten. Dort wurde es laut Überlieferungen als Heilmittel für Zehennägel benutzt.

Tetrahydrocannabivarin (THCV)

Da es THC stark ähnelt, besitzt THCV eine leicht psychoaktive Wirkung. Daneben besitzt es folgende Wirkungen auf den Körper:

  • zügelt den Appetit
  • senkt das Gefühl körperlicher Erschöpfung
  • reduziert Stress
  • senkt den Blutzuckerspiegel
  • fördert das Knochenwachstum

Exkurs: Endocannabinoides System

Für das bessere Verständnis der Prozesse von Cannabinoiden eignet sich ein kurzer Einblick in das cannabinoide System im Körper des Menschen. Dieses wird auch endogenes Cannabinoid-System genannt und stellt einen Teil des Nervensystems dar.
 
Hierzu gehören zwei wichtige Cannabinoid-Proteine bzw. Cannabinoid-Protein-Komplexe (sog. ‚Cannabinoid-Rezeptoren‘). Sie wechselwirken mit den Cannabinoid-Molekülen, leiten Signale weiter und lösen somit verschiedene Effekte aus.
 
Diese zwei Cannabinoid-Rezeptoren haben die nicht sonderlich einfallsreichen Namen Cannabinoid-Rezeptor 1 und 2 (abgekürzt CB1 Und CB2).

Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1)

CB1 befinden sich vor allem in den Nervenzellen und kommen oft im Kleinhirn vor. Aber auch im Darm sind sie anzutreffen, sprich im sog. peripheren (also äußeren) Nervensystem. Wenn dieser Rezeptor mit einem Cannabinoid wirkt, können verschiedene Funktionen ausgelöst werden.
 
Positive Effekte sind Schmerzlinderung bei Stress (sog. ‚Analgesie‘), Appetitssteigerung, Reduzierung von Angst.
 
Negativ hingegen ist der Abbau von Knochenmasse.
 
Je nach Situation gewünscht oder gefährlich ist die Wanderung von Nervenzellen (sog. ‚Zellmigration‘), die einerseits die Erneuerung des Organismus fördert, aber auch die Ausbreitung von Krebszellen. Das Gleiche gilt für die appetitanregende Wirkung.

Cannabinoid-Rezeptor 2 (CB2)

Überwiegend bei den Zellen des Immunsystems zu treffen. Weitere Zellen, die CB2 enthalten, sind die Knochenzellen Osteoblasten und Osteoklasten. Diese sind am Auf- bzw. Abbau der Knochen beteiligt. Sie zeigen bei einigen Tierversuchen entzündungshemmende Wirkungen. Außerdem könnte sie positive Auswirkungen bei der Alzheimer-Krankheit und viralen Infektionen am Gehirn haben.
 
Das Besondere ist, dass Cannabinoid-Rezeptoren sowohl mit endogenen, also körpereigenen, als auch mit exogenen, also z. B. pflanzlichen, Cannabinoiden wirken können. Das bedeutet, dass Cannabinoide nicht nur von außen dem Körper zugeführt werden können (sog. Phytocannabinoide der Hanfpflanze). Der Körper besitzt nämlich auch selbst produzierende Cannabinoide (sog. Endocannabinoide), die ebenfalls mit CB1 und CB2 wechselwirken können.
 
Eines der häufigsten endogenen Cannabinoide ist das Anandamid (auch Arachidonylethanolamid genannt). Dieses kommt überwiegend im Zentralen Nervensystem vor.
 
Das endocannabinoide System kann auf zwei Weisen beeinflusst werden: Zum einen agonistisch, also aktivierend durch Cannabinoide. Zum anderen antagonistisch, sprich hemmend (blockierend) durch andere Wirkstoffe (z. B. Rimonabant).

Die Einnahme von Cannabis: Medikament und als Rauschmittel

Die Hanfpflanze findet aufgrund ihrer breiten Wirkung auf den Organismus auf zwei Arten Verwendung. Auf der einen Seite wird sie durch ihre positiven Effekte bei der Therapie verschiedener Zustände eingesetzt. So wird sie vermehrt als oder für Arzneimittel verwendet. Auf der anderen Seite findet Cannabis als Rauschmittel seine Verwendung, da die getrocknete Hanfpflanze ein „High-Gefühl“, einen Rausch bewirkt.

Cannabis als Arzneimittel

Hauptwirkstoffe sind das THC und das CBD. Oft findet man für das erstere auch einen anderen Namen, nämlich Dronabinol. Es kann verschrieben werden bei:

  • Schmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Schlafstörungen
  • Epilepsie
  • Erkrankungen der Psyche
  • entzündlichen Erkrankungen mit begleitenden Schmerzzuständen
  • Autoimmunerkrankungen

Videoreihe: Cannabis als umstrittenes Medikament – Fragen und Antworten

Mit detaillierten Informationen zu Cannabis als Medikament erklärt Schmerzexperte Dr. Tobias Weigl in den folgenden Videos die kontroversen Ansichten in Forschung und Gesellschaft.
 
Zunächst geht es um grundlegende Infos für Patienten: Was unterscheidet Cannabis als Medikament von der Droge? Wann wird es verschrieben? Darf man es selbst anbauen?

 
Weil es so viele Fragen zum Thema gibt, geht Dr. Weigl hier auf einige häufige Patientenfragen ein – Fragen, Diskussion, Kontroverse:

 
Wie sieht das Prozedere bei Arzt, Krankenkassen und Apotheken aus? Weitere Infos zu Verschreibung & Kostenübernahme bei Cannabis-Therapie:

Cannabis als Rauschmittel

Die Verwendung von Cannabis als Rauschmittel ist ziemlich verbreitet, aber in den meisten Ländern, so auch in Deutschland, illegal. Die getrockneten Blüten nennt man Gras, Weed oder Marihuana, das Harz Haschisch. Beides wird rauchend konsumiert, denn der Wirkstoff THC entsteht beim Trocknen bzw. Verbrennen. Man kann es aber auch mit der Nahrung aufnehmen, z. B. eingebacken in Kekse.
 
So eignen sich nur Hanfsorten, welche diesen Wirkstoff beinhalten. THC beeinflusst das zentrale Nervensystem. Beim konsumieren des Rauschmittels (über Lunge oder Magen-Darm-Trakt) erfährt der Betroffene beruhigende, übelkeitsunterbindende und muskelrelaxierende Wirkungen auf den Körper. Auch Halluzinationen sind möglich.
 
Im Jahr 2017 betrug die geschätzte Anzahl der Konsumenten rund 183 Millionen Menschen weltweit. Das macht Cannabis zur am weitesten verbreiteten illegalen Droge.

Andreas Mutter schüttelt den Kopf: „Drogen als Medizin. Die Welt ist verrückt geworden!“ Ihr Vater vertraut darauf, dass die Ärzte wohl wüssten, was gut ist. In Maßen genossen wird das „Gras“ ja wohl nicht schaden. Er nimmt seine Tochter in den Arm und raunt ihr verschwörerisch zu: „Außerdem war ich ja auch mal jung und habe etwas herumexperimentiert …“ Und er genießt das erstaunte Gesicht seiner Tochter.

Ähnliche Themen

 
Autoren: Dr. Tobias Weigl, Schajan Salahijekta, Marek Firlej
Lektorat: Marek Firlej

 
Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.  

Haben auch Sie Erfahrungen mit Cannabis, sei es als Arznei, Droge oder Nahrungsmittel? Haben Sie noch Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten! Treten Sie mit uns in Kontakt!
 

Quellen

  • Klaus Aktories u. a. (2006): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 9. Auflage. Urban & Fischer, München
  • F. Borelli u. a. (2013): Beneficial effect of the non-psychotropic plant cannabinoid cannabigerol on experimental inflammatory bowel disease. In: Biochemical Pharmacology 85.
  • D. I. Brierley u. a. (2016): Cannabigerol is a novel, well-tolerated appetite stimulant in pre-satiated rats. In: Psychopharmacology 233.
  • O. Devinsky u. a. (2014): Cannabidiol: pharmacology and potential therapeutic role in epilepsy and other neuropsychiatric disorders. In: Epilepsia 55
  • M. ben Amar (2006): Cannabinoids in medicine: A review of their therapeutic potential. In: Journal of Ethnopharmacology 105
  • Franjo Grotenhermen (Hg.) (2004): Cannabis und Cannabinoide – Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial. Huber, Bern
  • Franjo Grotenhermen, Britta Reckendrees (2012): Die Behandlung mit Cannabis und THC. 2., komplett überarb. und erw. Auflage. Nachtschatten Verlag
  • Raphael Mechoulam, Linda A. Parker (2013): The Endocannabinoid System and the Brain. In: Annual Review of Psychology 64.
  • Roger Pertwee (Hg.) (2005): Cannabinoids. (= Handbook of Experimental Pharmacology. Band 168). Springer, Berlin/Heidelberg
  • Roger Pertwee (Hg.) (2015): Endocannabinoids. (= Handbook of Experimental Pharmacology. Band 231). Springer, Berlin/Heidelberg
  • Victor R. Preedy (Hg.) (2017): Handbook of Cannabis and Related Pathologies. Biology, Pharmacology, Diagnosis, and Treatment. Academic Press.
  • E. B. Russo (2016): Beyond Cannabis: Plants and the Endocannabinoid System. In: Trends in pharmacological sciences 37
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