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Mandelentzündung/ akute Angina tonsillaris/ akute Tonsillitis

Eine akute Mandelentzündung heilt meist unter einer rein symptomatischen Therapie aus. Die Gabe eines Antibiotikums ist eher selten tatsächlich indiziert.
— Dr. Tobias Weigl

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen
 
Die akute Angina tonsillaris oder akute Tonsillitis tritt besonders im Kindes- und jungen Erwachsenenalter auf und beschreibt eine Entzündung der Gaumenmandeln (sog. Tonsilla palatina). Halsschmerzen und Schluckbeschwerden kennzeichnen die Erkrankung, die oft durch Viren oder die sogenannten ß-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A ausgelöst werden. Als Tonsillopharyngitis tritt die Mandelentzündung oft gemeinsam mit einer Entzündung des Rachens auf. Ein Antibiotikum muss nur bei langem Krankheitsverlauf mit starkem Krankheitsgefühl eingenommen werden, wenn der Verdacht auf eine bakterielle Infektion besteht. Die OP-Indikation zur Entfernung der Mandeln wird heutzutage eher zurückhaltend gestellt.

 

 

Es ist Sonntag. Anna, 29 Jahre, fühlt sich heute früh gar nicht gut. Sie hat Schüttelfrost und Kopfschmerzen. Außerdem tut ihr der Hals weh. Über den Tag fällt ihr das Schlucken immer schwerer. Am Nachmittag misst sie eine Temperatur von 39°C. Anna beschließt morgen ihren Hausarzt aufzusuchen, da sie auf keinen Fall die Kinder ihrer Grundschulklasse anstecken möchte. Seit Mittwoch sind bereits drei Kinder ihrer Klasse mit Halsschmerzen zuhause geblieben. Sie nimmt eine Ibuprofentablette und legt sich schlafen.

 

Die Mandeln und ihre Aufgaben

Im Eingangsbereich von Mund- und Nasenhöhle zum Rachen liegt der sogenannte Waldeyer-Rachenring. Dieser umfasst 5 Anteile der Immunabwehr, um diese stark den Keimen ausgesetzte Region zu schützen. Der Waldeyer-Rachenring setzt sich zusammen aus

  • Tonsilla palatina (= Gaumenmandel, paarig rechts und links hinter dem Gaumenzäpfchen)
  • Tonsilla pharyngealis (= Rachenmandel, im Rachendach am Eingang zum Rachenraum)
  • Tonsilla lingualis (= Zungenmandel, Gewebe im Zungengrund)
  • Tonsilla tubaria (= Tubenmandel, paarige Ansammlung von Lymphgewebe an Einmündung der Ohrtrompete im seitlichen Rachenraum)
  • Seitenstränge

Mit einer akuten Tonsillitis ist eine Entzündung der Gaumenmandeln gemeint. Sie zählen zu den lymphoepithelialen Organen und dienen somit der Immunabwehr.

Die Symptome: Woran erkennt man, dass man eine Mandelentzündung hat?

Anna aus unserem Beispiel könnte an einer akuten Angina tonsillaris leiden.
Ein wichtiges Symptom der Angina tonsillaris sind die Halsschmerzen. Diese können bis in die Ohren einstrahlen und mit Schluckschmerzen und -störungen einhergehen. Auch ist eine kloßige Sprache möglich.
Außerdem können noch ein allgemeines Krankheitsgefühl mit Husten, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Fieber dazukommen. Gelegentlich treten Mundgeruch oder Bauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen auf.

Wen kann es erwischen?

Grundsätzlich können jede Altersgruppe und jedes Geschlecht von einer akuten Tonsillitis betroffen sein. Ein Häufigkeitsgipfel findet sich bei Schulkindern. Der genaue Grund dafür ist nicht bekannt.

Exkurs – Scharlach

Scharlach tritt meist bei Kindern zwischen 4 und 10 Jahren in Verbindung mit einer Tonsillopharyngitis, verursacht durch ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A, auf. Aber: Scharlach ist nicht gleichbedeutend mit einer Streptokokken-Tonsillitis. Scharlach wird nämlich durch ein von den Bakterien produziertes Gift (sog. Exotoxin) verursacht und kann beispielsweise auch nach einer operativen Entfernung der Mandeln auftreten. Für die Diagnose muss neben Fieber noch wenigstens ein zusätzliches Kriterium erfüllt sein. Zu diesen gehören:

  • Wangenröte
  • Periorale Blässe (= um den Mund herum)
  • Geröteter Gaumen
  • Rote Himbeer- oder Erdbeerzunge (zu Beginn weiß belegt)
  • Feinfleckiger Ausschlag, besonders ausgeprägt in den Leisten
  • Abschuppung an Handflächen und Fußsohlen

Die Diagnose ist in der Rege eine Blickdiagnose, kann aber auch durch einen Streptokokken-A-Schnelltest mittels Rachenabstrich erfolgen.
Als Therapie gilt neben einer symptomatischen Behandlung die antibiotische Therapie mit Penicillin V über sieben Tage. Dadurch sollen die Beschwerden verkürzt, die Ansteckungszeit verringert und Komplikationen vermieden werden.

 

Hat ein Arzt bei Ihnen eine Mandelentzündung diagnostiziert? Welche dieser Symptome traten bei Ihnen auf? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Symptome besser einzuschätzen.
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Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Wie bei jedem Arztbesuch erfolgt als erstes die Anamnese, also die Befragung des Patienten nach seinem Befinden. Seit wann bestehen die Beschwerden? Ist im Umfeld jemand krank gewesen?

Bei der körperlichen Untersuchung erfolgt nun die Inspektion des Rachens. Dabei kann eine Rötung und Schwellung der Gaumenmandeln auffallen, ggf. sind Beläge oder gelb-weißliche Stippchen zu sehen.

Als weitere Diagnostik kommt der Rachenabstrich in Frage. Dabei wird ein Schnelltest auf Streptokokken, also auf Bakterien gemacht. Der Test erkennt nicht immer, ob eine Streptokokken-Infektion vorliegt. Wenn dieser aber positiv ist, liegt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich solch eine Infektion vor.
Anhand einer Blutuntersuchung können allgemeine Entzündungswerte (CRP, BSG, Leukozyten) bestimmt werden. Dies gehört allerdings nicht zur Routinediagnostik.

Mandelentzündung / akute Tonsillitis / akute Angina tonsillaris
Männer = Frauen
Grundsätzlich in jedem Alter möglich, Häufigkeitsgipfel bei Schulkindern.

Symptome

  • Halsschmerzen, ggf. bis in die Ohren strahlend
  • Schluckbeschwerden
  • Allgemeines Krankheitsgefühl mit Fieber, Kopfschmerzen, Husten
  • Mundgeruch
  • Bauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Die Behandlung einer akuten Tonsillitis erfolgt zunächst durch unterschiedliche konservative Maßnahmen. Eine Operation, also die Entfernung der Mandeln ( sog. Tonsillekotmie), folgt nur nach strenger Indikationsstellung und wird heute eher zurückhaltend durchgeführt.
Konservative Therapie: Zunächst sollte eine symptomatische Therapie erfolgen. Dazu gehören:

  • Viel trinken
  • körperliche Schonung
  • Paracetamol oder Ibuprofen zur Schmerztherapie
  • Ggf. abschwellendes Nasenspray
  • Kortisonpräparat bei drohender Verengung der oberen Atemwege durch die entzündlich angeschwollenen Tonsillen

Gut zu wissen!

Lokale schmerzlindernde Medikamente und lokale Antiseptika in Form von Rachensprays, Lutschtabletten und Gurgellösungen haben bisher keinen gesicherten Effekt gezeigt. Sie werden laut aktuellen Leitlinien nicht für die Therapie empfohlen. Hier ist eine individuelle Entscheidung sinnvoll.

Exkurs: Spezialfall EBV-Infektion

Der Epstein-Barr-Virus (=EBV) gehört zu den humanen Herpes-Viren, ebenso wie der Herpes simplex Virus, welcher den allgemein bekannten Lippenherpes verursacht. Der EBV ist Auslöser des Pfeifferschen-Drüsenfiebers, auch als infektiöse Mononukleose bezeichnet. Die infektiöse Mononukleose zeichnet sich aus durch:

  • Angina tonsillaris mit weiß-grauen Belägen
  • Fieber
  • Lymphknotenschwellung am ganzen Körper
  • Vergrößerung der Milz (sog. Splenomegalie)
  • Blutbild mit Vermehrung der Lymphozyten (sog. Lymphozytose)
  • Blutausstricht (sog. Pfeiffer-Zellen)

Die Therapie erfolgt rein symptomatisch. Wird die Fehldiagnose einer bakteriellen Angina tonsillaris gestellt, kann die Gabe von Amoxicillin bzw. Ampicillin zur Ausbildung eines Ausschlages am gesamten Körper, eines Arzneimittelexanthems, führen. Die gilt nicht bei Gabe von Penicillin V.

Generell gilt, dass der spontane Krankheitsverlauf bei der akuten Tonsillitis, unabhängig davon, ob die Erkrankung durch Bakterien oder Viren ausgelöst ist, in der Regel eher günstig ist. Eine antibiotische Therapie sollte eher kritisch betrachtet und die Indikation genau geprüft werden. Mittel der Wahl ist Penicillin V in der Regel über einen Zeitraum von sieben Tagen.

Gut zu wissen! Sinn der antibiotischen Therapie

Der Effekt einer Antibiotikabehandlung bei einer Streptokokken-Angina wird aktuell hinterfragt. Trotzdem wird die antibiotische Therapie bei Nachweis oder klinischem Verdacht von ß-hämolysierenden Streptokokken in den Leitlinien empfohlen. Grund sind die möglichen Folgeerkrankungen nach Streptokokkeninfektionen. Dazu zählen u.a. das akute Rheumatische Fieber oder die akute Poststreptokokken-Glomerulonephritis.
Antibiotisch behandelte Patienten sind in der Regel nach 24 Stunden nicht mehr ansteckend. Es konnte bisher weder eine geringere Fehlzeit noch eine geringere Ansteckungsrate von Kontaktpersonen festgestellt werden.
In Untersuchungen, die eine Antibiotikagabe und Placebobehandlung differenzierten, wurde ein durchschnittlicher Unterschied von 16 Stunden bei der Besserung der Beschwerden festgestellt.

Operative Therapie: Die Tonsillektomie, also die komplette Entfernung der Gaumenmandeln wird heute eher zurückhaltend durchgeführt. Als Entscheidungsgrundlage dient die Anzahl der Infektionen in den letzten 12 Monaten:

  • <3 Infektionen: keine OP-Indikation
  • 3-5 Infektionen: OP ist möglich, wenn weitere Infektionen in den kommenden 6 Monaten folgen und 6 Infektionen in 12 Monaten erreicht werden
  • ab 6 Infektionen: OP ist therapeutische Option
  • Mehr dazu finden Sie unter dem Stichwort „Paradise-Kriterien“ im Artikel Halsschmerzen

Unabhängig von der Anzahl der Infektionen gelten beispielsweise eine Abszessbildung oder eine einseitige Mandelvergrößerung als OP-Indikationen.
In ca. 5% aller Tonsillektomien kommt es zu behandlungsbedürftigen Nachblutungen. Dabei wird unterschieden zwischen den Primärblutungen, die innerhalb von 24 Stunden nach der Operation auftreten, wenn die gefäßverengende Wirkung der Anästhesie nachlässt, und der Sekundärblutung die meist zwischen dem 5. und 8. Tag nach OP auftritt. Nachblutungen müssen nicht immer behandelt werden. Da sie im Einzelfall aber lebensbedrohlich sein können, sollten Tonsillektomien stets stationär erfolgen um ein schnelles Handeln zu ermöglichen.

Gut zu wissen!

Neben der verbreiteten Tonsillektomie, ist auch eine Teilentfernung der Gaumenmandeln möglich, eine sogenannte Tonsillotomie. Dabei bleibt die Kapsel, also die äußerste Schicht der Gaumenmandeln erhalten. Hierbei sind das Nachblutungsrisiko und die Schmerzrate geringer. Die Tonsillotomie wird eher selten durchgeführt. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht in einer vorläufigen Nutzenbewertung keines der Verfahren im direkten Vergleich deutlich vorne.

Häufige Patientenfragen

Muss ich bei einer akuten Mandelentzündung ein Antibiotikum nehmen?

Dr. T. Weigl
In 50-80% der Fälle sind Halsschmerzen durch eine virale Infektion verursacht. Hier ist kein Antibiotikum notwendig. Bei bakteriellen Infekten entscheidet der Hausarzt, inwieweit eine antibiotische Therapie vorgenommen werden sollte.

Was kann ich gegen die Schmerzen nehmen?

Dr. T. Weigl
Grundsätzlich können Ibuprofen oder Paracetamol eingenommen werden. Der Effekt von frei verkäuflichen, lokal wirksamen Medikamenten aus der Apotheke (Lutschtabletten, Rachensprays etc.) ist nicht nachgewiesen. Gegen die Einnahme spricht generell nichts. Im Zweifel kann immer Rücksprache mit dem Hausarzt oder auch in der Apotheke gehalten werden.

Muss man eine akute Tonsillitis behandeln?

Dr. T. Weigl
In den meisten Fällen ist eine konservative Therapie ausreichend. Die Indikation zur antibiotischen Therapie wird vom Hausarzt gestellt und unterliegt bestimmten Kriterien und Regularien. Erst bei besonders schweren Verläufen mit Komplikationen oder besonders häufig auftretenden Entzündungen wird die Indikation zur operativen Therapie und somit der Entfernung der Gaumenmandeln gestellt.

Der Hausarzt stellt bei Anna am nächsten Tag eine akute Tonsillitis fest. Da in Annas Schulklasse mehrere Kinder erkrankt sind, führ ihr Hausarzt einen Streptokokken-Schnelltest durch. Dazu macht er in der Praxis einen Rachenabstrich. Der Test fällt positiv aus. Anna leidet also höchstwahrscheinlich an einer Streptokokkenangina. Gemäß der aktuellen Leitlinien verschreibt ihr der Hausarzt für 7 Tage ein Antibiotikum. Es sind keine Allergien oder Unverträglichkeiten bei Anna bekannt. Also nimmt sie eine Woche lang Penicillin V ein. Zusätzlich bekommt sie 3x täglich Ibuprofen. Nach 2 Tagen geht es Anna schon wieder viel besser. Der Hausarzt hat sie aber noch ausdrücklich darauf hingewiesen das Antibiotikum zu Ende zu nehmen, damit auch wirklich alle Bakterien vernichtet werden.

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Haben auch Sie Erfahrungen mit einer Mandelentzündung? Haben Sie Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!
 
Autoren: Claudia Scheuer und Dr. Tobias Weigl
Lektorat: Andrea Lorenz

 

Quellen

  • Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag, 2013
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (kurz: AWMF) online – Das Portal der wissenschaftlichen Medizin: „S2k Leitlinie Therapie entzündlicher Erkrankungen der Gaumenmandeln – Tonsillitis“.
  • Deutsche Ärzteblatt online: „Entscheidung zwischen Tonsillotomie und Tonsillektomie bleibt schwierig“, Montag, 09. Januar 2017.
  • [Gesamt:1    Durchschnitt: 5/5]

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