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Kinderrücken – Die Kindheit als Quelle eines gesunden Rückens?

Gerade in der Kindheit können die Grundlagen für einen gesunden und gestärkten Rücken gelegt werden. Und bedenken Sie: Vorgelebte Aktivität wird von Kindern nachgemacht! Aber Inaktivität auch!
— Dr. Tobias Weigl

Rückenprobleme treten bei immer jüngeren Menschen auf. Ursachen sind fehlende Bewegung im Alltag, zu langes Sitzen oder auch zu große oder zu kleine Schuhe. Folgen sind oft Haltungsschäden. Bereits 2004 hatte jedes zweite Grundschulkind Haltungsprobleme. Mit den richtigen Übungen und rückengerechtem Verhalten können ab dem Säuglingsalter langfristige Veränderungen des Rückens vermieden und so ein gesunder Kinderrücken geschaffen werden.

„Das ist eine schöne Blume!“, staunt Luisa, während sie das gemalte Bild ihres Freundes Ben betrachtet. Zusammen sitzen sie an einem niedrigen Tisch über die Zeichnung gebeugt. Es ist sonnig draußen, doch die Kinder der Kindertagesstätte sitzen in Gruppen verteilt im Raum an den Tischen und basteln. Nur zwei sitzen auf dem Boden. Eine Stunde später rufen die Erzieher zum gemeinsamen Singen zusammen. Die Gitarre wird ausgepackt und in einem Stuhlkreis werden einige Lieder gesungen. Am späten Nachmittag wird Luisa von ihrer Mutter Mareike abgeholt. Mit Blick in das bereits schwindende Sonnenlicht erkundigt sich Mareike, ob Luisa schön draußen gespielt hätte. Abgelenkt sieht die Kleine vom Tablet ihrer Mutter hoch: „Nein, wir waren drinnen.“ Besorgt betrachtet Mareike den runden Rücken ihrer Tochter. Ob das so gut ist?

 

Grundlage: Der Aufbau des Rückens und dessen Entwicklung

Schon und gerade in der Kindheit können wichtige Grundlagen für einen gesunden und gestärkten Rücken gelegt werden. Andererseits können Punkte wie fehlende Bewegung, aber auch falsch sitzende Schuhe Gründe für eine fehlerhafte Körperhaltung sein. Bevor es jedoch darum geht, soll zunächst geklärt werden, wie der Rücken aufgebaut ist und wie er sich im Kindesalter verändert.

Mein Tipp: Achten Sie vor allem bei Ihren Kindern zwischen dem 7. und dem 17. Lebensjahr auf mögliche Fehlstellungen und beginnende Rückenprobleme.

Die Wirbelsäule ist die Stütze des menschlichen Körpers. Sie ist s-förmig gebogen, was zusätzlich der Abfederung von Bewegungen und Stößen dient. Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Elementen: den knöchernen Wirbeln und, dazwischenliegend, die Bandscheiben.

Die 24 Wirbelkörper (sog. ‚Vertebae‘) sind über einzelne Gelenke miteinander verbunden. Sie bestehen aus einem Wirbelbogen (sog. ‚Arcus vertebralis‘) und einem Wirbelloch (sog. ‚Foramen vertebrale‘). Durch diesen laufen Nervenstränge, das Rückenmark, worüber das Gehirn mit sämtlichen Organen und Extremitäten im Körper verbunden ist. An knöchernen Fortsätzen sind die Wirbel mit Muskeln verbunden.

Zwischen den einzelnen Wirbeln befinden sich die Bandscheiben. Diese sind circa 0,5 Zentimeter dick und wirken als eine Art Stoßdämpfer. Sie bestehen aus einem mit Flüssigkeit gefüllten Kern (sog. ‚Nucleus intervertebalis‘) und einem darum liegenden Faserring (sog. ‚Nucleus polpusus‘). Bandscheiben nehmen Druck aus der Bewegung, indem sie Flüssigkeit verlieren.

Das besondere an der Wirbelsäule von Kindern ist vor allem, dass – wie alle Knochen in dieser Zeit – viel weicher sind als die von Erwachsenen. Das bedeutet, dass sie noch formbar sind. Andererseits hat dies auch zur Folge, dass Haltungsschäden wie beispielsweise ein Rundrücken eine langfristige Folge darstellen.

Positiv ist, dass Kinder sich automatisch rückengerecht verhalten und eine natürliche gesunde Haltung haben. Grund hierfür ist der höher liegende Körperschwerpunkt. Dadurch fällt es Kindern leichter, eine gerade Körperhaltung einzunehmen.

Hürden einer gesunden Rückenentwicklung

Mehrere Faktoren führen dazu, dass Patienten mit Rückenbeschwerden immer jünger werden. Mittlerweile haben rund 60 % aller Schulkinder Haltungsschäden. Das selbe trifft auf 15 % der Kindergartenkinder zu. Rund ein Drittel aller Kinder klagt bereits über Rückenschmerzen. Doch was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Fehlende Bewegung

Eigentlich verhalten Kinder sich automatisch rückengerecht und haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Mit Eintritt in das Kindergartenalter wird dieser Drang jedoch eingeschränkt. So verlagern sich einstmals nah am Boden gelegene Tätigkeiten oder Aktivitäten an Tische. Einen zunehmend größeren Teil des Tages sitzen Kinder auf Stühlen. Beispielsweise werden Tagesabläufe oder aber auch Gesangsstunden im Stuhlkreis sitzend besprochen und durchgeführt.

In der weiteren Bildungslaufbahn wird der Bewegung immer weniger Raum gelassen. Durch ein in vielen Bundesländern verkürztes Abitur und damit längere Schultage verbringen Kinder und Jugendliche die meiste Zeit des Tages sitzend am Tisch. Zusätzlich bietet sich im Anschluss an einen langen Schultag kaum noch die Möglichkeit eines sportlichen Ausgleiches. Insgesamt bewegen sich deutsche Schulkinder mittlerweile nur noch etwa eine Stunde am Tag. Davon entfallen nur circa 15 bis 30 Minuten auf sportliche Aktivitäten. Die mangelnde Bewegung wirkt sich allerdings nicht nur auf den Rücken und das gesamte Skelett aus, sondern verhindert auch die normale Entwicklung sensorischer Fähigkeiten.

Ein weiteres Problem stellt die zunehmende Technisierung dar, die das Spielverhalten von Kindern heute radikal beeinflusst. Anstelle draußen mit Hula-Hoop-Reifen oder einem Fußball zu spielen, sind Kinder vermehrt mit Tablets und Computern beschäftigt.

Fehlende Bewegung kann allerdings bereits Kinder im Säuglingsalter betreffen. Im ersten Lebensjahr bewegen sich Kinder sehr viel. Dies dient der Entwicklung sowohl von Muskelpartien, als auch der Koordinationsfähigkeit und der Körperwahrnehmung. Durch einschränkende Maßnahmen wie Sitzschalen oder Babywippen wird der Bewegungsdrang von Kleinkindern jedoch eingeschränkt und behindert. Auch Laufhilfen verhindern eine natürliche Entwicklung, denn in diesen entwickeln Kinder einen Rundrücken. Eine natürliche, gerade Haltung der Wirbelsäule wird somit unterbunden.

Falsches Schuhwerk

Neben fehlender Bewegung kann auch falsches Schuhwerk vom Säuglingsalter an zu Haltungsschäden führen. Rund die Hälfte aller Kinder tragen Schuhe, die entweder zu groß oder zu klein sind. Dies hängt vor allem mit zwei Missverständnissen vonseiten der Eltern zusammen. Zum einen können Kinder bis zum Alter von etwa sechs Jahren nicht selbst einschätzen, ob ein Schuh ihnen passt. Zum anderen ist die unter Eltern beliebte Daumenprobe fehlerhaft. Eltern prüfen mit dem Daumen, ob der Schuh des Kindes passt oder nicht. Dazu drücken sie auf die Fußspitze: Stoßen sie auf die Zehen und ist kaum Abstand zum vorderen Schuhende, passt der Schuh. In der Praxis ist es oft jedoch so, dass Kinder bei Druck automatisch die Zehen einziehen, sodass der Schuh vermeintlich nicht zu passen scheint. Auch dadurch kommt es zu Fehlkäufen.

Passende Schuhe sind die Grundlage für einen gut funktionierenden Bewegungsapparat. Daneben können falsche Schuhe aber auch zu Verformungen des Fußes führen. In jungen Jahren sind auch die Bänder und Muskeln, ähnlich den Knochen, noch leichter verformbar.

Rückenkrankheiten in der Kindheit

Wie bereits einleitend bemerkt, klagt rund ein Drittel aller Kinder klagen über Rückenbeschwerden. Die Ursachen dafür sind vielfältig, doch mit welchen Krankheitsbildern kann man es zu tun haben?

  • Skoliose: Die Bezeichnung Skoliose kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Krümmung“ (von griech. „skolios“ = krumm). Die seitliche Krümmung der Wirbelsäule wird zumeist begleitet von einer Verformung (Deformierung) sowie einer Verdrehung der Wirbelkörper, die sich auf den gesamten Aufbau des Rückenskeletts auswirken kann. Zunächst fällt die Krümmung nicht auf, führt allerdings zu degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule im späteren Alter.
  • Morbus Scheuermann: Wachstumsbedingte Krümmung (sog. ‚Kyphose‘) der Wirbelsäule. Bei Nichtbehandlung kann es im Erwachsenenalter zu einer Bandscheibendegeneration kommen.
  • Wirbelgleiten: Durch einen Spalt in dem Wirbelloch (sog. ‚Foramen vertebrale‘) gleitet der Wirbelkörper (sog. ‚Corpus vertebrae‘) nach vorne oder hinten. Ursachen können neben genetischen Dispositionen auch belastende Sportarten wie Kunstturnen sein.

 

Video: Mehr Informationen zu Rückenbeschwerden
Welche Krankheiten sind in der Kindheit und in der Jugend durchaus üblich? Darüber informiert Dr. Tobias Weigl in diesem Video. Daneben schafft er einen Überblick über weitere Rückenerkrankungen, die Menschen in ihren weiteren Lebensabschnitten treffen können.

Kinderrücken stärken

Wie kann gewährleistet werden, dass Kinder rückengerecht aufwachsen und keine Haltungsschäden davontragen, die spätere Rückenbeschwerden begünstigen?

Die wohl beste Grundlage für einen gesunden Rücken ist es Kindern viel Bewegung zu ermöglichen. Sie selbst können ihre Kinder mithilfe von Spielzeugen dazu animieren, sich aktiv zu bewegen. Solche Hilfsmittel können der Fußball oder das Federspiel sein, Pedalos oder Hula-Hoop-Reifen.

Im Zusammenhang mit der „sitzenden Gesellschaft“ ist die Vorbildfunktion von Eltern nicht zu unterschätzen. Seien auch Sie im Alltag aktiv, bewegen Sie sich viel. Nehmen Sie doch mal das Fahrrad anstelle des Autos zum Bäcker. Vorgelebte Aktivität wird von Kindern nachgemacht! Und Inaktivität eben auch!

Daneben gibt es eine Fülle von Übungen, die Kinder beispielsweise auch als Entspannung und Abwechslung zu sitzenden Tätigkeiten, beispielsweise in der Schule, vollführen können. Solche Übungen können aber bereits im Kindergartenalter als tägliche Routine angewandt werden. Neben dem Muskeltraining sind auch Wahrnehmungs- und Konzentrationsspiele wichtig. Ein Beispiel: Das Kind steht auf einem Bein, die Arme werden gleichzeitig über dem Kopf gehalten. Ziel ist es, so lange wie möglich das Gleichgewicht zu halten.

„Luisa, fang den Ball!“ Wie geheißen springt das Mädchen in die Luft und fängt den kleinen Ball, den ihre Mutter Mareike ihr zuwirft. Nach einem langen Gespräch mit den Erziehern und einer befreundeten Physiotherapeutin hat Mareike sich dazu entschlossen, ihre Tochter zu mehr Bewegung im Alltag zu motivieren. Der Rundrücken, den sie zu entwickeln beginnt, will die Mutter mit ausreichend Toben und Spielen abwenden.

Haben auch Sie oder Ihre Kinder Erfahrung mit Rückenschmerzen? Haben Sie Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!

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Autoren: Andrea Sarah Lorenz, Dr. Tobias Weigl
Redaktion: Dr. Tobias Weigl
Veröffentlicht: 14.03.2018, zuletzt aktualisiert: 06.07.2018
 
Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

  • Carola Bleis (2012): Rückenschule, Bewegungsspiele für Kinder. Lass dir Flügel wachsen, Books on Demand, Norderstedt.
  • Ruchholtz und Wirtz (2012): Orthopädie und Unfallchirurgie essentials, Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Dr. med. Christian Larsen/ Bea Miescher/Dagmar Dommitzsch (2010): Starker Rücken starkes Kind. 32 spielerische Übungen auch für kleine Bewegungsmuffel, Trias Verlag, Stuttgart.
  • Günter Lehmann (2004): Die Rückenschule für Kinder. Aufrecht durchs Leben, Trias Verlag, Stuttgart.
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