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Spondylolyse und das Wirbelgleiten

Worum geht es da? Wirbelgleiten bedeutet: Ein Wirbel rutscht oder gleitet nach vorne. Das ist mit Wirbelgleiten gemeint.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

6 Prozent der westlichen Bevölkerung sind betroffen, doch längst nicht alle leiden unter den damit verbundenen Schmerzen im Rücken: das Wirbelgleiten (sog. ‚Spondylolisthesis‘). Möglich wird das Gleiten des Wirbels durch einen Spalt im Wirbelbogen (sog. ‚Spondylolyse‘). Darüber hinaus kennt die Medizin allerdings weitere Ursachen wie degenerative Veränderungen in der Wirbelsäule oder Prädispositionen. Die Rutsch-Richtung kann entweder vorne (sog. ‚Anterolisthesis‘) oder hinten (sog. ‚Retrolisthesis‘) sein. Betroffene sind oft im jugendlichen Alter und treiben Sportarten, die ein Hohlkreuz involvieren. Die Diagnose stützt sich hauptsächlich auf bildgebende Befunde. Auf therapeutischer Ebene wird ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt, sodass auch physiotherapeutische Maßnahmen zur Genesung herangezogen werden. Nur in (neurologischen) Ausnahmefällen sollte eine Operation in Betracht gezogen werden.

Es ist still an diesem Donnerstagabend in der Turnhalle. Paweł und Martin haben sich gerade warm gemacht. Außer ihnen ist niemand hier. Die Stille wird nur vom leichten Keuchen der beiden Jungen durchbrochen. Beide haben sie vor, am Schwebebalken zu trainieren. Martin reibt sich die Hände: „Na los, Paweł, du fängst an!“ Dieser nickt konzentriert und wendet sich in Richtung des Balkens. Das Leder scheint im Licht der untergehenden Sommersonne auf. Er nimmt nach kurzem Zögern Anlauf und springt mit einem Satz auf den Balken. Stehen. Vier Schritte nach vorne. Aus dem Stand will er eine Brücke schlagen. Als er gerade mit den Händen den Balken berührt, schreit er plötzlich auf und rutscht hinunter. „Paweł!“, ruft Martin erschrocken und läuft hastig zu seinem Freund. Dieser liegt gekrümmt auf der weichen Matte. „Mein Rücken!“ Als er sich beim Aufsetzen zurücklehnt, stöhnt er erneut auf. Er hat das Gefühl, dass der Schmerz bis in die Oberschenkel strahlt.

Die Grundlage: der Rücken

Der siebzehnjährige Geräteturner Paweł aus unserem Beispiel hat Pech gehabt: Es scheint, als sei sein Wirbel gerutscht (sog. ‚Spondylolysthesis‘). Doch wie kann es dazu kommen?
Dafür gehen wir zunächst einen Schritt zurück und sehen uns den Wirbel (sog. ‚Vertebrae‘) an. Insgesamt gibt es 24 Wirbel. Diese bestehen wiederum aus einem Wirbelkörper (sog. ‚Corpus vertebrae‘) und einem Wirbelbogen (sog. ‚Arcus vertebrae‘). An dem Wirbelbogen angeschlossen ist das sogenannte Wirbelloch (sog. ‚Foramen vertebrale‘), wodurch das Rückenmark, ein Nervenbündel, läuft. Darüber ist das Gehirn mit sämtlichen Organen und Extremitäten verbunden. Die Wirbel dienen auch als Schutz des Rückenmarks.
Zwischen den einzelnen Wirbeln befinden sich zusätzlich Bandscheiben (sog. ‚Discus intervertebralis‘), welche als eine Art Puffer zwischen den Wirbeln fungieren. Sie fangen Stöße und Bewegungen auf die Wirbel ab und agieren somit wie Stoßdämpfer bei einem Auto. Dies ist dadurch möglich, dass Bandscheiben in ihrem Kern (sog. ‚Nucleus polpusus‘) mit einer gallertartigen Flüssigkeit gefüllt sind. Wirkt ein Stoß auf die Wirbelsäule, werden die dazwischenliegenden Bandscheiben zusammengedrückt und die Flüssigkeit entweicht. In einer längeren Ruhephase, beispielsweise wenn wir schlafen, kehrt diese Flüssigkeit wieder zurück.
Die gesamte Wirbelsäule ist unsere Stütze und federt Stöße ab, möglich gemacht durch die uns bekannte S-Krümmung der Wirbelsäule.

Der Spalt: Spondylolyse

Der Wirbelaufbau ist an sich einfach. Doch wie kommt es nun zum Spalt, der Voraussetzung für das Wirbelgleiten?
Ein Spalt im Wirbel (sog. ‚Spondylolyse‘) findet sich zumeist im Bereich des Wirbelbogens. Es handelt sich dabei um eine Auflösung um den gelenknahen Abschnitt, welche durch einen beidseitigen Bruch entsteht. Dieser ist nicht schmerzhaft. Eine Folge dessen ist zunächst einmal eine erhöhte Beweglichkeit des betroffenen Wirbels. Meist findet sich solch eine Spondylolyse am 5. Lendenwirbel, also im lumbalen Rücken.
Solch ein Spalt ist laut Carl Joachim Wirth und Ludwig Zichner nicht die Folge eines Traumas, sondern einer genetischen Veranlagung. Dies bedeutet aber nicht, dass eine Spondylolyse angeboren ist. Viel eher entwickelt sich der Spalt im Laufe des Lebens. Viele Menschen empfinden jahrelang keine Schmerzen oder andere Beschwerden, sodass es sein kann, dass die Spondylolyse unentdeckt bleibt.
Abseits genetischer Dispositionen können wiederholte Bewegungsabläufe, die eine (extreme) Rückneigung des Oberkörpers beinhalten, diese Entwicklung begünstigen. Solche Abläufe finden wir in Sportarten wie Turnen und Geräteturnen sowie Gewichtheben und Turmspringen.
Eine Spondylolyse begünstigt das Gleiten eines Wirbels und somit Schmerzen und Einschränkungen. Diese müssen jedoch nicht auftreten. Ob die Wahrscheinlichkeit eines Wirbelgleitens besteht, hängt vom umliegenden Weichgewebe wie auch der Bandscheibe ab. Darüber hinaus stört ein überbeweglicher Wirbel durch eine Spondylolyse das natürliche Wachstum von Kindern und Jugendlichen.

Das Wirbelgleiten

Hat ein Wirbel durch den Spalt, die Spondylolyse, erst einmal Platz, kann es zum Wirbelgleiten nach vorne (sog. ‚Spondylolysthesis‘) kommen. Da dies meist langsam vorangeht, haben Nerven Zeit, sich an die Umstände anzupassen. Wirbelgleiten ist demnach nicht immer mit Rückenschmerzen verbunden. Wenn doch, dann strahlen sie aber in das Gesäß und bis in die Oberschenkel. Sind Beschwerden vorhanden, so verschlimmern sie sich, wenn der Oberkörper nach hinten geneigt wird (sog. ‚Reklination‘).
Durch die Verschiebung des Wirbels Richtung Bauch entsteht eine stufenförmige Silhouette. Deren Ausprägung ist unterschiedlich schwer. In extremen Fällen ist das Wirbelgleiten an einem Hohlkreuz ersichtlich. Das totale Abrutschen des Wirbels über die Kante (sog. ‚Spondyloptose‘) kommt weniger häufig vor.
Neben der Variante, die während der Wachstumsphase zu lokalisieren ist, kann es aufgrund der Wirbelsäulendegeneration mit gesteigertem Alter zum Wirbelgleiten kommen (sog. ‚Pseudospondylolisthesis‘). In solchen Fällen ist der Wirbelbogen, anders als bei der Spondylolyse, noch intakt. Auch hier kommt es in den meisten Fällen zu keinen Schmerzen. Falls doch, kann es ebenfalls zu strahlenden Beschwerden im Bein kommen. Besonders häufig findet sich die Kombination aus Pseudospondylolisthesis und einer Spinalkanalstenose.
 

Video: Das Wirbelgleiten erklärt

Wie kann es zum Wirbelgleiten kommen? Bin ich davon betroffen? Wichtige Grundlagen und Wissenswertes zum Thema liefert Dr. Tobias Weigl in diesem Beitrag!
 

 

Wen kann es erwischen

Eine Spondylolyse entwickelt sich zumeist während der Wachstumsphase. Von einem Spalt im Wirbelbogen sind demnach vor allem Jugendliche zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr betroffen.
Doch auch im Erwachsenenalter kann durch die Ausübung der bereits genannten Sportarten ein erhöhtes Risiko bestehen.
Wirbelgleiten, hervorgerufen durch degenerative Veränderungen in der Wirbelsäule, kommt bei Menschen zwischen dem 50. und dem 60. Lebensjahr vor.
 

Wurde bei Ihnen eine Spondylolyse diagnostiziert? Hatten Sie Beschwerden oder war die Diagnose Zufall? (Mehrfachnennungen möglich)
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Sportarten-Check!

Wiederholte, als traumatisierend bezeichnete Bewegungsabläufe, die vor allem die extreme Neigung des Oberkörpers nach hinten implizieren, können eine Spondylolyse verursachen. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl der gängigsten Sportarten:

  • American Football/Rugby
  • Schwimmen
  • Kunst- und Geräteturnen
  • Ballett
  • Speerwerfen
  • Gewichtheben
  • Turmspringen

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Da in vielen Fällen überhaupt keine Symptome auftreten, wird die Spondylolyse oft zufällig im Rahmen anderer Untersuchungen entdeckt. Sind Rückenschmerzen allerdings der Grund für Ihren Arztbesuch, dann wird der Mediziner zunächst versuchen, in einem Arztgespräch, der Anamnese, Informationen über Ihr Krankheitsbild zu gewinnen.
Ein Mittel zur Diagnose ist das Palpieren, das Abtasten Ihres Körpers. In schweren Fällen kann ein geglittener Wirbel von außen ertastet werden. Dies wird als Sprungschanzenphänomen bezeichnet. Auch das Gangbild kann aufschlussreich sein: Durch Steifheit können Sie als Patient das Bein in der Schwungphase des Ganges nicht beugen, sodass Sie die gesamte Hüfte beim Gehen vorschieben.
Letztendliche Gewissheit erlangt der Arzt über Ihre Beschwerden durch bildgebende Verfahren. Am gängigsten sind hierbei Röntgenaufnahmen sowie CTs (sog. ‚Computertomographie‘). Diese sind aufgrund des Einsatzes von Strahlung allerdings nicht unumstritten und ungefährlich. Aufgrund dieser Nebenwirkung kommt es häufiger zum Einsatz von MRTs (sog. ‚Magnetresonanztomographie‘). Die Interpretation des Bildes ist allerdings nicht so einfach, da, anders als beispielsweise beim Röntgen, auch Weichgewebe auf der Aufnahme zu erkennen ist.
Wurde ein Gleiten eines Wirbels, in der Regel beim 5. Lendenwirbel, festgestellt, kann das Ausmaß noch charakterisiert werden. Die niedrigste Stufe ist die I, welche für eine Verschiebung des Wirbels von unter 25 Prozent steht. Die Einteilung des Schweregrades erfolgt nach Meyerding.
 

Fakten-Box
Spondylolisthesis
Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen
Am häufigsten in der Wachstumsphase zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr
Symptome

  • Manchmal gänzlich symptomfrei
  • Bewegungsabhängige Schmerzen im lumbalen Rücken nach langem Sitzen oder Stehen
  • Strahlen des Schmerzes in Gesäß und Beine
  • Verschlimmerung der Schmerzen bei Reklination
  • Bei extremem Gleiten: Hohlkreuz

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

In aller Regel ist die Spondylolyse, da sie in vielen fehlen asymptomatisch, also beschwerdefrei, verläuft, kein Problem. Allerdings können sich im Laufe der Entwicklung Probleme wie eine Spondylolisthesis ergeben. Auf der anderen Seite ist bei 28 Prozent aller Patienten eine Spontan-, also Selbstheilung zu beobachten.
Die Behandlung kann stufenweise erfolgen und ist vom Grad der Spondylolyse und der Spondylolisthesis abhängig. Haben Sie keine Schmerzen und ist kein Wirbelgleiten feststellbar, so brauchen Sie keine Behandlung. Erst bei Eintritt der typischen Schmerzen im lumbalen Bereich werden mithilfe der Physiotherapie die Beschwerden gelindert.
Die Krankengymnastik dient der Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur. Bei Übergewicht ist darüber hinaus zu empfehlen, das Gewicht zu reduzieren. Abstand genommen werden muss auch von Sportarten wie Turnen, die ein Wirbelgleiten begünstigen.
Sollten Sie akute Schmerzen haben, können Sie diese mit Schmerzmedikamenten eindämmen. Nach Hefti haben Studien ergeben, dass 84 Prozent aller Patienten nach einer konservativen Therapie beschwerdefrei bleiben.
In schweren Fällen ist eine Operation möglich und nötig. Dazu gehören Fälle, die den Meyerding-Grad drei und vier haben sowie Fälle, in denen es zu neurologischen Einschränkungen und Probleme kommt. Auch wenn Beschwerden trotz konservativer Behandlungsmöglichkeiten länger als sechs Monate anhalten, ist eine Operation sinnvoll. Im Rahmen des Eingriffs wird der verrutschte Wirbel in seine ursprüngliche Position gebracht. Vor allem bei Kindern ist allerdings eher die Verschraubung der Spondylolyse üblich.
Weitere Möglichkeiten bieten die Spondylodese und eine Wurzeldekompression. Das Ziel der Spondylodese ist die Versteifung von Wirbelkörpern durch Metallplatten, Schrauben oder Knochenspänen. Eine Wurzeldekompression zeichnet sich durch das Abtragen von Teilen des Wirbelbogens oder der benachbarten Bandscheibe aus.
 

Häufige Patientenfragen

Ist eine Spondylolyse gefährlich?

Dr. T. Weigl
Ein Spalt im Wirbelbogen, meist am 5. Lendenwirbel, ist an und für sich nicht gefährlich. Viele Patienten merken sehr lange nicht, dass auch sie solch einen Spalt haben. Beschwerde setzen erst in der Pubertät oder sogar erst im adoleszenten Alter ein.

 

Muss eine Spondylolyse operiert werden?

Dr. T. Weigl
Sollten Sie beschwerdefrei und ohne Wirbelgleiten sein, brauchen Sie sogar überhaupt keine Behandlung. Nötig wird eine konservative Behandlung, bestehend aus einer Physiotherapie sowie Medikamenten bei akutem Schmerz, sobald Beschwerden wie Schmerz im lumbalen Bereich sowie ein Strahlen dieses Schmerzes in die Beine auftreten. Erst in schweren Fällen, die in der Klassifikation nach Meyerding den Stufen drei und vier entsprechen, die zudem neurologische Defizite und eine Dauer von über sechs Monaten vorweisen, ist eine Operation ratsam und auch sinnvoll.

 

„Tut mir leid, dass du mit dem Turnen aufhören musst“, murmelt Martin, als er und Paweł sich einige Wochen nach Pawełs Sturz vom Schwebebalken treffen. Letzterer hat eine Spondylolyse und es ist laut seinem Arzt zum Wirbelgleiten gekommen. Um das nicht zu verschlimmern, muss Paweł mit dem Geräteturnen aufhören. Dafür macht er in der Physiotherapie Fortschritte. „Das ist schon okay“, sagt er: „Ich verlagere mich einfach auf Geländelauf oder so.“ Die beiden müssen grinsen.

 
Haben auch Sie schon Erfahrungen mit einer Spondylolyse gemacht? Haben Sie Fragen zum Thema Wirbelgleiten? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!
 
Autoren: Andrea Lorenz und Dr. Tobias Weigl
Lektorat: Tobias Möller

 
Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

  • Michel Duran/Susanne Loacker (2015): Mein Rücken-Coach. Starke Übungen für mehr Lebensqualität. Axel Springer Schweiz, Zürich.
  • Fritz Hefti (2015): Kinderorthopädie in der Praxis, 3. vollständig überarbeitete Auflage. Springer-Verlag Berlin/Heidelberg.
  • Johannes W. Rohen/Elke Lütjen-Decroll (2006): Funktionelle Anatomie des Menschen, Lehrbuch der makroskopischen Anatomie nach funktionellen Gesichtspunkten, 11. Auflage. Schattauer-Verlag, Stuttgart.
  • Dr. med. Johannes Weiß (2010): Rückentraining. Die Wirbelsäule gezielt stärken. Compact-Verlag, München.
  • Carl Joachim Wirth/Ludwig Zichner (2004): Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart.
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