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Aktuelle Forschung – Bewegungstherapien helfen beim krebsbedingten Fatigue-Syndrom mehr als Medikamente

Durch die Studienergebnisse lässt sich das Fatigue-Syndrom effektiver bekämpfen. So lassen sich auch die möglichen Nebenwirkungen von Medikamenten vermeiden.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

Bewegungstherapien sind beim krebsbedingten Fatigue-Syndrom effektiver als eine Behandlung mit Medikamenten. Dies hat eine umfangreiche amerikanische Analyse zahlreicher klinischer Einzelstudien gezeigt, die in der Fachzeitschrift JAMA Oncology veröffentlicht wurde. Die Analyse konnte zeigen, dass Medikamente im Vergleich sogar die schlechteste Behandlungsmethode sind.
 

 

Vor knapp einem Jahr wurde bei Martin Hautkrebs diagnostiziert. Das war für ihn und seine Familie ein riesiger Schock. Er hat aber den Kampf gegen den Krebs angenommen und kurz nach der Diagnose mit einer Chemotherapie begonnen. Bis jetzt ging es ihm den Umständen entsprechend gut, aber seit einigen Wochen fühlt er sich wie erschlagen – nach jeder noch so kleinen Anstrengung. Ein wenig im Haushalt helfen oder den Rasen mähen? Das ist für Martin nicht mehr schaffbar. Und selbst etwas Lesen erschöpft ihn sehr, schon nach wenigen Seiten ist seine Konzentration weg. „Erst der Krebs und jetzt noch das!“, sagt sich Martin deprimiert und niedergeschlagen. Deswegen spricht er seinen behandelnden Arzt darauf an, was er jetzt am besten machen kann, um wieder mehr Energie für das Leben zu haben.

 
Mit seinem Problem ist Martin nicht allein: Ein Großteil der Krebspatienten ist im Verlauf der Behandlung oder sogar nach deren Ende vom sogenannten Fatigue-Syndrom betroffen. Starke körperliche und geistige Ermattung sind die wesentlichen Merkmale dieses Syndroms, das den ohnehin schon angeschlagenen Betroffenen den Alltag noch schwerer macht. Oft ist die Diagnose schwierig, da die beschriebenen Symptome auch andere Ursachen haben können. Bestätigt sich aber der Verdacht einer Fatigue, gibt es verschiedene Behandlungsmethoden. Welche davon nun die effektivste ist, hat eine umfassende Analyse zahlreicher klinischer Studien gezeigt.
 

Was genau hat die Wissenschaft herausgefunden?

Bewegungstherapien sind beim Fatigue-Syndrom am effektivsten

Ein Team US-amerikanischer Wissenschaftler hat in einer großen sogenannten Meta-Analyse untersucht, wie effektiv sich die verschiedenen Behandlungsmethoden auf das krebsbedingte Fatigue-Syndrom auswirken. Dafür analysierten die Wissenschaftler mehr als hundert klinische Einzelstudien mit rund 12.000 erwachsenen Tumorpatienten und wollten herausfinden, welche Methode im Vergleich zu den anderen die effektivste ist.

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  • Das Fatigue-Syndrom ist eine Nebenwirkung, die häufig bei Krebstherapien auftritt.
  • Bislang gab es nur Studien, die den Effekt von Bewegungstherapien, psychologischer Betreuung, Medikamenten und eine Kombination dieser Ansätze auf das Fatigue-Syndrom untersucht haben. Es wurde bislang aber noch nicht analysiert, wie wirksam die Methoden im Vergleich sind.
  • Bei den Untersuchungen zur Bewegungstherapie wurde sowohl aerobes und anaerobes Training als auch eine Kombination von beidem getestet. Den Probanden wurden zudem verschiedene Medikamente verabreicht.
  • Tatsächlich ergab die Meta-Analyse, dass die Bewegungstherapie am effektivsten ist. Die medikamentöse Behandlung schnitt sogar am schwächsten ab. Die Bewegungstherapie und die psychologische Betreuung zusammen waren nicht effektiver.
  • Die positiven Effekte waren unabhängig vom Geschlecht, vom Alter oder auch von der Tumorart. Soziale Faktoren wie der Bildungsstand veränderten die Ergebnisse nicht. Die Trainingsform, also aerob und anaerob bzw. beides kombiniert, hatten auch keinen Einfluss auf die Resultate.
  • Trotzdem sind die Wissenschaftler der Ansicht, dass eine psychologische Behandlung in Kombination mit einer Bewegungstherapie die wahrscheinlich beste Behandlungsmethode darstelle.

 

Implikationen

Die Studie beweist, dass ein Bewegungstraining Fatigue und die damit zusammenhängenden Auswirkungen am effektivsten bekämpfen kann. Medikamente eignen sich dagegen deutlich schlechter. Hinzu kommt, dass die Medikamente auch Nebenwirkungen haben können. Diese werden bei einer Bewegungstherapie vermieden. Dennoch erscheint eine psychologische Betreuung als Ergänzung wichtig, um die bereits angeschlagene Psyche der Patienten zu unterstützen.
 

Video: Irrtümer bei Krebs

Es kursieren viele Falschaussagen in Bezug auf Krebs. Im nachfolgenden Beitrag räumt Schmerztherapeut Dr. Tobias Weigl mit diesen auf und verschafft Klarheit bzgl. Fragen wie „Bekomme ich Krebs, weil ich rauche?“ oder „Was ist eine Radiochemotherapie?“.
 

 

Wissenswertes zum Fatigue-Syndrom

Was ist das Fatigue-Syndrom?

Fatigue ist ein französisches Wort und bedeutet Müdigkeit oder Erschöpfung. Das Fatigue-Syndrom tritt bei verschiedenen Erkrankungen auf, etwa bei Multipler Sklerose, vor allem aber bei Krebs. Das deutsche Krebsforschungszentrum unterscheidet dabei zwischen einer akuten und einer chronischen Fatigue. In Bezug auf Krebs tritt die akute Fatigue während und kurz nach der Behandlung auf, während die chronische Fatigue meist lange nach der Krebsbehandlung einsetzt. Akute Fatigue ist dabei oftmals eine Nebenwirkung der Krebstherapie, die den Betroffenen körperlich wie psychisch viel Kraft kostet und deshalb die Entstehung des Syndroms begünstigt. Aber auch der Tumor selbst kann eine akute Fatigue hervorrufen. Schwieriger ist die Ursachenforschung bei einer chronischen Fatigue. Es wird vermutet, dass hier verschiedene Ursachen vorliegen, die mit den Langzeitfolgen einer Krebstherapie zusammenhängen können. Typisch für das Fatigue-Syndrom ist, dass die Betroffenen an einen Punkt kommen, an dem sie körperlich, emotional und teilweise sogar geistig völlig erschöpft sind. Dabei ist es unerheblich, ob man sich vorher körperlich oder geistig angestrengt hat. Selbst einfache Tätigkeiten wie Zähne putzen oder Wäsche waschen kosten Betroffene viel Energie. Die Erkrankten fühlen sich antriebslos, müde und kraftlos. Schlaf oder allgemein Erholung helfen kaum oder gar nicht. Zusätzlich kann es zu Konzentrationsschwächen und Gedächtnisproblemen kommen. Das alles kann natürlich negative Auswirkungen auf das berufliche wie private Leben haben. Dies belastet die Betroffenen nochmals.
 

Wie entsteht das Fatigue-Syndrom?

Wie genau das Fatigue-Syndrom entsteht, ist nicht ganz klar. Es gibt einige Theorien dazu: Zum einen wird die extreme Belastung durch die Krebserkrankung genannt. Der seelische und körperliche Stress einer Erkrankung zehrt an der Lebensenergie. Zum anderen werden Stoffwechselveränderungen oder auch verschiedene Schädigungen des Nervensystems, Mangelernährung oder Hormonstörungen als Möglichkeiten benannt. Möglich ist auch, dass mehrere Faktoren zugleich eine Rolle spielen. Unabhängig davon scheint die Krebserkrankung an sich durch die psychische Belastung für Fatigue verantwortlich zu sein. Aber auch eine Chemo- oder Bestrahlungstherapie könnten Fatigue auslösen. Beide Therapien greifen nicht nur Krebsgewebe an, sondern auch gesunde Zellen. Oft wird dadurch die Zusammensetzung des Blutes verändert, die Menge an gesunden Blutzellen sinkt in der Folge. Insgesamt wird die Abwehrmöglichkeit des Körpers geschwächt. Häufig tritt zudem eine Anämie, also eine Blutarmut auf. Die Folge einer Anämie ist, dass die Organe letztlich nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt werden. Das schwächt den Körper. Neben den anderen Faktoren kann also eine Anämie einer der möglichen Verursacher einer Fatigue sein.
 

Wie wird das Fatigue-Syndrom diagnostiziert?

Das Fatigue-Syndrom hat vielfältige Erscheinungsformen und ist deshalb nicht immer einfach zu diagnostizieren. Wie konkret vorgegangen wird, kann daher nicht allgemeingültig gesagt werden. Es kommt immer auf den individuellen Fall an. Hinzu kommt, dass die Ursachen bei einer akuten und einer chronischen Fatigue unterschiedlich sein können. Grundsätzlich aber versuchen der behandelnde Arzt oder auch andere Fachleute, in Gesprächen herauszufinden, wie sehr die Erschöpfung und Abgeschlagenheit jemanden belastet. Mithilfe standardisierter Erfassungsinstrumente, etwa Fragebögen oder Skalen, können Betroffene dann festhalten, wie sehr die Erschöpfung ihren Alltag oder ihren Beruf einschränkt. Natürlich muss neben den psychischen Komponenten auch der körperliche Zustand betrachtet werden. Je nach individueller Situation können beispielsweise Blutabnahmen, Ultraschall oder andere Diagnosemittel notwendig sein. Danach wird versucht, mögliche Ursachen zu finden oder zumindest einzugrenzen, woher die Beschwerden kommen. Genau das ist ein großes Problem beim Fatigue-Syndrom: Viele Symptome können auch bei Depressionen auftreten, weswegen es teilweise schwierig ist, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Dies ist bei denjenigen Krebspatienten häufiger der Fall, bei denen keine körperlichen Gründe für Fatigue festzustellen sind. Deshalb kann es bei der Untersuchung durchaus vorkommen, dass die behandelnden Ärzte die Möglichkeit einer Depression ansprechen.
 

Video: Krebs und die Folgen – Dr. Weigl klärt auf

Wie entsteht Krebs? Welche Folgen hat eine Erkrankung noch? Und wie wird Krebs behandelt? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Tobias Weigl in folgendem Video.
 

 

Wenn Sie am Fatigue-Syndrom leiden oder litten: wie wurden bzw. werden Sie behandelt?
Abstimmen
 

Häufige Patientenfragen

Kann man an Fatigue sterben?

Dr. T. Weigl
Das Fatigue-Syndrom an sich ist keine tödlich verlaufende Erkrankung. Wichtig ist allerdings, dass überprüft wird, ob die Symptome wirklich auf die Fatigue zurückzuführen sind oder ob es noch andere Auslöser geben kann, beispielsweise Infektionen oder Depressionen. Gerade letzteres ist eine der häufigsten seelischen Begleiterkrankungen bei einem Tumorleiden. Darüber hinaus können die sozialen Einschränkungen immens sein: besonders bei einer chronischen Fatigue, die lange Zeit bestehen bleibt, können die Alltagsaktivitäten mehr oder weniger stark eingeschränkt werden. Oft ist es Betroffenen auch nicht mehr möglich, einem normalen Beruf nachzugehen.

 

Wie wird das Fatigue-Syndrom behandelt?

Dr. T. Weigl
Das hängt zunächst einmal davon ab, ob eine akute oder eine chronische Fatigue vorliegt. Grundsätzlich hängt die Art und Weise der Behandlung vom individuellen Fall ab. Bei einer akuten Fatigue werden die Ärzte zunächst schauen, inwieweit die Krebstherapie für das Syndrom verantwortlich ist. Hier bessern sich die Symptome häufig, wenn die Therapie beendet wird. Oftmals sogar ohne weitere konkrete Maßnahmen, die Fatigue konkret behandeln. Die Behandlung einer chronischen Fatigue dagegen kann deutlich länger dauern. Meist müssen mehrere Möglichkeiten erprobt oder sogar miteinander kombiniert werden, um eine effektive Behandlung zu ermöglichen. Wie die Studie gezeigt hat, eignet sich besonders Bewegung zur Therapie. Aktive Patienten sind leistungsfähiger und weniger erschöpft. Für Krebspatienten gilt es aber, zu klären, inwieweit körperliche Betätigung möglich ist. Eindeutige Empfehlungen für bestimmte Sportarten gibt es bisher nicht, oft ist es aber hilfreich, sich einer Krebssportgruppe anzuschließen bzw. generell eine Bewegungstherapie zu beginnen. Dies kann natürlich nicht nur für eine chronische, sondern auch für eine akute Fatigue gelten. Psychologische Unterstützung ist in beiden Fällen durchaus ratsam. Auf eine medikamentöse Therapie wird dagegen häufig verzichtet, was auch daran liegt, dass Fachleute aktuell keine besonders wirkungsvollen Medikamente empfehlen können. Grundsätzlich gilt aber: Sprechen sie unbedingt mit ihrem behandelnden Arzt, damit sie gemeinsam eine Vorgehensweise entwerfen können, die ihnen am besten hilft.

 

Und was kann ich selbst gegen das Fatigue-Syndrom tun?

Dr. T. Weigl
Neben den verschiedenen Behandlungsmethoden gibt es einige Möglichkeiten, zumindest ein bisschen selbst gegen die Fatigue zu tun. Wichtig ist, dass sie generell offen mit ihrer Erkrankung umgehen. Seien sie ehrlich gegenüber ihren Verwandten und ihrem Arzt. Vermeiden sie nicht jegliche körperliche Aktivität im Alltag, aber gestalten sie ihre Tätigkeiten kräfteschonend. Besonders wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Dafür kann auch eine psychologische Betreuung wichtig sein. Darüber hinaus können eine ausgewogene Ernährung und ein strukturierter Tagesablauf helfen. Aber auch hier gilt es, alle Details mit dem jeweiligen Arzt abzuklären.

 

Nachdem Martin sich mit seinem Arzt abgesprochen hat, meldet er sich in einer Krebssportgruppe an. Zunächst fällt es ihm schwer, wieder aktiver zu werden, doch schon nach kurzer Zeit fühlt er sich zumindest wieder etwas kraftvoller und hat wieder mehr Energie für den Alltag.

 

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Autoren: Sebastian Mittelberg und Dr. Tobias Weigl
Lektorat: Tobias Möller

Quellen

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