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Ritalin und sein Wirkstoff | Anwendung | Wirkung | Risiken

„Ritalin wird sehr häufig bei ADHS verschrieben. Dabei sollte die Störung immer multimodal behandelt werden. Medikamente wie der Wirkstoff Methylphenidat sind nur ein Baustein der Therapie.“ — Dr. Tobias Weigl

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Ritalin ist der Name des bekanntesten Präparates mit dem Wirkstoff Methylphenidat aus der Gruppe der Amphetamine. Es steigert gedankliche Leistung und Konzentration und wird daher oft bei ADHS verschrieben. Ebenfalls oft wird es aber auch zum Gehirndoping benutzt. Dabei ist bei der Dosierung große Vorsicht geboten, denn die Nebenwirkungen haben es in sich. Körperliche und seelische Folgen bis zu Depression und Halluzination können die Folgen sein.

Leon sei immer so unruhig im Unterricht. Er kippelt ständig mit dem Stuhl, passt nicht auf und lenkt seine Klassenkameraden ab, so die Lehrerin beim Elternsprechtag zu Jasmin, Leons Mutter. „Vielleicht sollten Sie mit Leon mal zum Arzt“, sagt die Lehrkraft. „Womöglich hat er ja ADHS.“ Jasmin ist sich nicht sicher. Wird Leon dann nicht mit Drogen vollgepumpt, mit diesem Ritalin? Sollte man einem Kind langfristig solche Medikamente zumuten?

 

Was ist Ritalin?

Bei Ritalin handelt es sich um einen Arzneistoff mit antriebssteigender Wirkung. Sein Wirkstoff ist Methylphenidat. Dieser Stoff zählt zur Gruppe der Amphetamine. Es wurde erstmals im Jahre 1944 vom Italiener Leandro Panizzon synthetisiert. Der Chemiker war damals in der Firma Ciba angestellt, die heute unter dem Namen Novartis bekannt ist.

In Deutschland wurde das Medikament im Jahre 1954 erstmalig eingeführt. Zu Beginn war es sogar rezeptfrei erhältlich, doch seit dem Jahr 1971 untersteht es dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Seither ist es verschreibungspflichtig, d. h. nur mit Rezept erhältlich.

Der Name Ritalin stammt von der Ehefrau des Erfinders Leandro Panizzon? Seine Ehefrau Marguerita (Spitzname „Rita“) unterzog sich damals einem Selbstversuch mit dem Wirkstoff Methylphenidat und war sehr beeindruckt, da sich ihre körperliche Leistung gesteigert hatte.

Welche Wirkung hat Ritalin im Körper?

Um Signale weiterzuleiten, gibt es im Körper speziellen Botenstoffe, sog. ‚Neurotransmitter‘. Die als „Glückshormone“ bzw. „Stresshormone“ bekannten Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin übernehmen eine Reihe von Funktionen im menschlichen Körper. Die Nervenzellen im Körper (sog. ‚Neuronen‘), sind über einen Spalt, den sog. ‚synaptischen Spalt‘ miteinander verbunden. In diesem Spalt befinden sich diese Botenstoffe, die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten weiterleiten.

Die Wirkweise von Ritalin beruht darauf, zu verhindern, dass Dopamin und Noradrenalin vom Körper wieder aufgenommen werden. Das heißt, es wirkt als Wiederaufnahme-Hemmer (sog. ‚Reuptake-Inhibitor‘). So erhöht sich folglich die Konzentration der Botenstoffe im synaptischen Spalt. Somit können die Neurotransmitter länger wirken.

Dies erzeugt folgende Effekte:

  • Unterdrückte Müdigkeit
  • Gesteigerte Leistungsfähigkeit
  • Gehemmtes Schmerz- und Erschöpfungsgefühl bei körperlicher Überlastung
  • Weniger Appetit

 

In einigen Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Fahrtüchtigkeit von ADHS-Betroffenen Menschen verbessert ist. Zurückgeführt wird dies darauf, dass sie mit Ritalin behandelt werden. Daher ist in Deutschland das Fahren eines Kraftfahrzeugs unter der Einnahme des Wirkstoffs Methylphenidat erlaubt.

Wo kommt Ritalin zum Einsatz?

Ritalin bzw. Methylphenidat wird bei der Behandlung von folgenden Krankheitsbildern eingesetzt:

a) ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)

Bei ADHS handelt es sich um eine Verhaltensstörung. Die Symptome dieser Krankheit sind Störungen der Aufmerksamkeit, der Impulsivität und der Selbstregulation. Eine weitere körperliche Symptomatik ist die körperliche Unruhe, welche auch Hyperaktivität genannt wird.

Der Einsatz von Ritalin soll für den Patienten Folgendes bewirken:

  • Senkung der Hyperaktivität
  • Beruhigung
  • Zunahme der Aufmerksamkeit
  • Verbesserung des Kurzzeitgedächtnisses

 

Jedoch ist die Therapie nicht nur auf die medikamentöse zu beschränken. Die Therapie erfolgt meist multimodal, sprich zusammengesetzt aus pädagogischen, psychologische und pharmakologische Maßnahmen. Eine pädagogische Maßnahme ist etwa ein spezielles Elterntraining.

Wichtig hier zu wissen ist, dass Ritalin in der Therapie die Folgen der Erkrankung senkt, aber nicht die Ursachen behandelt.

Video-Exkurs: ADHS durch Paracetamol in der Schwangerschaft

Wie entsteht ADHS? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Doch eine Ursache kann sein: die Einnahme des Schmerz- und Fiebermittels Paracetamols während der Schwangerschaft. Dr. Tobias Weigl klärt auf.

b) Narkolepsie

Bei der Narkolepsie handelt es sich um eine Störung der Schlaf-Wach-Regulation, die auch ‚exzessive Tagesschläfrigkeit‘ genannt wird. Beim Betroffenen äußert sich darin, ganztägig schlafen zu wollen, obwohl man ausreichend geschlafen hat. Ritalin dient zur Behandlung und Verringerung dieser Tagesschläfrigkeit.

Exkurs: Hirndoping (Neuro-Enhancement)

Neuro-Enhancement bezeichnet die Einnahme von psychoaktiven Arzneimitteln, die die geistige Leistungsfähigkeit steigern. Primäre Effekte von Neuro-Enhancern sind:

  • Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit
  • Erhöhung der mentalen Fitness
  • Wachheit bzw. Klarheit
  • länger anhaltende Leistungsfähigkeit
  • Steigerung der Kreativität und des Fokus

 

Beispiele für diese leistungssteigernden Wirkstoffe sind: Psychostimulanzien wie Amphetamine, Wachmacher wie Modafinil, Antidementiva wie Donezepil und auch Koffein.

Synonym wird ebenfalls der Begriff Hirndoping verwendet. Dieser bezeichnet jedoch den missbräuchlichen Gebrauch dieser Substanzen. In einem solchen Fall werden verschreibungspflichtige Präparate illegal eingesetzt (siehe auch unten „Missbrauch von Ritalin“)

Was sind die Neben- und Wechselwirkungen von Ritalin?

Die Nebenwirkungen von Ritalin sind zahlreich, können aber oft durch die richtige Dosisanpassung kontrolliert werden.

Häufig beobachtete Nebenwirkungen sind:

  • Herzrasen (sog. ‚Tachykardie‘)
  • Nervosität und Anspannung, Unruhe und Angst
  • Zittern
  • Verwirrung
  • depressive Stimmung
  • emotionale Labilität
  • Schlafstörung
  • Kopfschmerzen und Schwindel
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Saures Aufstoßen
  • Appetitlosigkeit und begleitender Verlust des Gewichts
  • Schwitzen

 

Seltener können auch die folgenden Nebenwirkungen auftreten:

  • Halluzinationen
  • Psychosen
  • Agitation, sprich große Unruhe mit hastigen Bewegungen
  • Stimmungsschwankungen
  • Traurigkeit
  • Hautausschlag

 

Bei der gleichzeitigen Einnahme von Ritalin mit anderen Medikamenten kann es zu verschiedenen Wechselwirkungen kommen.
Folgende Medikamente sind davon betroffen:

  • Bestimmte Antidepressiva wie MAO-Hemmer (Monoaminooxidase-Hemmer). Die gleichzeitige Einnahme mit Ritalin kann zu einem plötzlich auftretenden hohen Blutdruck ohne weitere Symptomen (sog. ‚hypertensive Krise‘) führen.
  • Die Wirkung von trizyklischen Antidepressiva kann gesenkt werden.
  • Die Wirkung von blutdrucksenkenden Mitteln kann herabgesetzt werden.
  • Bei bestimmten Dosen hemmt Ritalin die Wirkung von Antiepileptika, Neuroleptika und Antikoagulanzien.

Video: Die Langzeitfolgen von Ritalin

Ritalin ist ein sehr häufig genommenes Medikament bei ADHS, aber auch zur Leistungssteigerung. Es gibt nur sehr wenige Untersuchungen bzgl. des Langzeiteffektes, doch die, die es gibt zeigen, dass es womöglich zu negativen Veränderungen im Hirnstoffwechsel kommen kann. In diesem Video klärt Dr. Tobias Weigl darüber auf.

Was muss bei der Einnahme und der Dosierung beachtet werden?

Dosierung nur in Absprache mit dem Arzt festlegen!

Um eine optimale Wirkung zu erzielen, muss eine individuell angepasste Dosis ermittelt werden. Generell ist bei Erwachsenen eine Höchstdosis von 80 mg möglich. Das heißt, dass der Arzt maximal maximal 2.400 mg pro Monat verschreiben kann. Bei Kindern hingegen beträgt die tägliche Höchstdosis 60 mg.

Dabei soll die Therapie in niedriger Dosis beginnen. Die Steigerung der Dosis erfolgt dann wöchentlich in bestimmten Schritten. Im Fachjargon spricht man von der sogenannten Titrationsmethode.

In jedem Falle sollte die Dosierung nicht im Alleingang gewählt werden, da es schnell zu den oben genannten Nebenwirkungen führen kann. Für eine optimale Therapie sollte immer Rücksprache mit dem zuständigen Arzt gehalten werden.

Mögliche Darreichungsformen

Folgende Darreichungsformen von Methylphenidat sind erhältlich:

  • Tabletten
  • Filmtabletten
  • Retardtabletten
  • retardierte Kapseln

Medikamenten-Info

Im Folgenden eine kleine Übersicht zu verschiedenen Präparaten mit dem gleichen Wirkstoff oder ähnlichem Einsatzgebiet wie Ritalin:

  • Ritalin®
    Enthält den Wirkstoff Methylphenidat und wird zur Verringerung der Symptome von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) eingesetzt. Kennzeichnend für dieses Präparat sind die schnelle Freisetzung im Körper und der rasche Wirkungseintritt.
  • Medikinet®
    Hierbei handelt es sich um ein Methylphenidat-Präparat mit retardierender Wirkung. Das heißt, der Wirkstoff wird stufenweise über eine Zeitspanne von 6 bis 8 Stunden freigesetzt.
  • Strattera®
    Dieses Präparat findet seine Verwendung, wenn der Methylphenidat nicht die gewünschte Wirkung erzielt oder die Nebenwirkungen zu stark sind. Der Unterschied ist der Wirkstoff Atomoxetin, welcher ebenfalls zur Behandlung von ADHS verwendet wird.
  • Attentin®
    Stellt eine weitere Präparat-Alternative zu Methylphenidat und Atomoxetin dar. Der Wirkstoff in diesem Präparat ist Dexamfetamin. Er findet ebenfalls seine Verwendung zur Behandlung von ADHS-Symptomen.

Wie oft wird Ritalin eingenommen?

Zur besseren Steuerung wird meistens bei einer Therapie ein kurzwirksames und rasch freisetzendes Medikament verabreicht. Diese können bzw. sollen zwei bis drei Mal täglich eingenommen werden. Mit der Zeit kann dann eine Umstellung auf ein Präparat mit retardierter Wirkung erfolgen. Dieses wird dann nur ein bis zwei Mal täglich verabreicht.

Doch wie oben bereits erwähnt ist die optimale Dosis Individuell abhängig. Daher gibt es keine klare Aussage über eine richtige bzw. allgemeingültige Dosis für alle.

Auch die Absetzung des Medikaments nach einer Langzeittherapie sollte langsam und in kleinen Schritten erfolgen. Das plötzliche Absetzen kann nämlich beispielsweise zu Gereiztheit, Unruhe und depressiver Stimmung führen.

Missbrauch von Ritalin

Der Missbrauch von Ritalin ist in zahlreichen Lebensbereichen bekannt. Ob im Arbeitsleben oder an der Universität und der Schule, manche greifen zu diesem Medikament, um unter Stress leistungsstark zu arbeiten. Laut einer Umfrage der Jade Hochschule nehmen ca. 12 % der Studierenden dieses Medikament ein. In über 50 % der Fälle fand die Einnahme während der Klausurphase statt. Als Gründe der Einnahme werden die große Menge des zu lernenden Stoffes und der Mangel an Konzentration genannt.

Haben Sie schon Ritalin zur geistigen Leistungssteigerung eingesetzt?
Die Kehrseite dieses Medikaments ist die Abhängigkeit, in die man nach einer Einnahme über längere Zeit verfallen kann. Durch die Einnahme wird zwar die geistige Leistungsfähigkeit gesteigert und es fällt einem einfacher, sich zu konzentrieren bzw. zu fokussieren. Sobald die Wirkung aber abklingt erleidet der Konsument ein Gefühl der Leistungsträgheit. Um wieder auf ein höheres Aufmerksamkeitsniveau zu gelangen, wird wieder nach diesem Wirkstoff gegriffen.

Dosierung und Verwertung

Ein weiteres Problem stellt die Dosierung dar. Wie oben bereits erwähnt wirkt Ritalin unterschiedlich schnell und stark im menschlichen Körper. Dadurch können Nebenwirkungen wie Angstgefühle, Appetitlosigkeit, Nervosität und depressive Verstimmung auftreten.

Außerdem verstoffwechselt der Körper nicht die komplette Dosis, die eingenommen wurde. Im Falle des Ritalin werden nur ca. 30 % der eingenommenen Dosis im Körper verarbeitet und die „gewünschte“ Wirkung erzielt.

Gut zu wissen!
Im Jahr 2015 sind allein in Deutschland 1716 kg Ritalin verbraucht worden. Zum Vergleich: Im Jahr 1993 betrug der Verbrauch nur 34 kg.
Leons Arzt will noch keine Diagnose fällen, schließt ADHS aber nicht aus. Jasmin und Leon haben Glück, dass der Arzt nicht zu den vielen gehört, die leichtfertig diese Diagnose stellen und Ritalin verschreiben. Wichtig sei auf jeden Fall, dass die Therapie nicht nur auf Ritalin beruht – und dass sich die Eltern über Wirkung und Folgen des Medikaments im Klaren sind. Jasmin hat deshalb eine Familienberatungsstelle aufgesucht.

Haben Sie noch Fragen zum Thema Ritalin und Methylphenidat? Oder haben Sie Erfahrungen, die Sie mit anderen Lesern teilen möchten? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten!

Autor: Dr. Tobias Weigl, Marek Firlej
Lektorat: Marek Firlej

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

  • Michael Huss (2002): Medikamente und ADS gezielt einsetzen – umfassend begleiten – planvoll absetzen. Urania, Berlin.
  • Michael Schulte-Markwort (Hg.) (2004): Methylphenidat. Thieme, Stuttgart/New York
  • Sigma-Aldrich: Datenblatt Methylphenidate hydrochloride
  • Geert Mayer / Thomas Pollmächer (Hg.) (2007): Narkolepsie. Neue Chancen in Diagnostik & Therapie. Thieme, Stuttgart
  • Marcus Ahle (2017): Fortsetzung: Gehirndoping auf Rezept – Informationen und Statistiken zu Ritalin & Co. In: jade.impuls
  • Klaus Aktories u. a. (2009): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Urban & Fischer
  • Thomas Herdegen (2013): Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie. Thieme, Stuttgart/New York
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