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Antidepressiva – Wirkung und was zu beachten ist (Risiken, Sucht, Abhängigkeit)

„Antidepressiva allein heilen die Krankheit nicht, sondern stellen einen Teil einer ganzheitlichen Therapie dar.“ — Dr. Tobias Weigl

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen
Antidepressiva sind Medikamente zur Behandlung der Symptome von Depression. Es gibt unterschiedliche Formen, die je nach Begleitsymptom eingesetzt werden können. Es ist zu betonen, dass eine medikamentöse Therapie allein meist nicht ausreicht und auch nicht empfohlen wird. Vor allem sollen die Ursachen der Krankheit durch multimodale Therapiesysteme aufgedeckt und entsprechend behandelt werden. Es kommen also unterschiedliche Behandlungsverfahren (Modi) zum Einsatz. Als medizinisches Verfahren Teil dieses Systems lösen Antidepressiva selbst das Problem nicht. Vielmehr machen sie die Situation des Betroffenen erträglicher, bis geeignete Therapieformen wie z. B. Psychotherapie die Ursachen letztendlich klären. Jedoch besitzen Antidepressiva viele Nebenwirkungen, weshalb der Umgang mit solchen Medikamenten mit Hilfe eines Facharztes erfolgen sollte.

„Manchmal fühlt es sich wie ein Brennen an. Manchmal spüre ich aber, wie die Schmerzen wie Blitze durch meinen Arm ziehen. Dann könnte ich vor Schmerz heulen“, erzählt die 33-jährige Sandra ihrem Arzt.
„Seit wann haben Sie denn diese Art von Schmerzen?“, fragt der Arzt.
„Es fing nach meiner Operation am Arm an“, antwortet Sandra. „Grund der OP war ein eingeklemmter Nerv. Zu Beginn kam der Schmerz durch falsche Bewegung, doch irgendwann hatte ich kontinuierlich Schmerzen“, antwortet sie, während sie dem Arzt die schmerzende Stelle Arzt zeigt. Nach einigen Untersuchungen ist die Ursache für ihre Schmerzen klar. Der Arzt empfiehlt der 33-Jährigen Antidepressiva zur Schmerzlinderung.
„Wie bitte? Antidepressiva-Tabletten sind doch für Depressionen? Ich leide doch gar nicht unter Depressionen. Was habe ich denn genau, dass ich Antidepressiva zu mir nehmen soll?“, fragt Sandra verwirrt.

Was sind Antidepressiva und welche Arten gibt es?

Antidepressiva sind, wie der Name schon verrät, Medikamente die primär zur Behandlung von Depressionen zum Einsatz kommen. Es handelt sich bei diesen Arzneistoffen um Substanzen, die psychoaktiv wirken, das heißt neuronale Prozesse im Gehirn beeinflussen. Daher zählen sie zu den sogenannten Psychopharmaka. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Antidepressiva entwickelt, die sich in ihrem Wirkungsmechanismus unterscheiden. Sie greifen gezielt in verschiedene Systeme des Körpers ein. Zu den wichtigsten und am weitesten verbreiteten zählen folgende:

  • Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin)
  • Selektive Wiederaufnahmehemmer (z. B. Fluoxetin)
  • MAO-Hemmer bzw. Monoaminooxidasehemmer (z. B. Moclobemid)

Des Weiteren gibt es auch Antidepressiva, die über andere Mechanismen als die oben genannten funktionieren. Dazu gehören:

  • antagonistisch wirkende Depressiva (z. B. Mirtazapin). ‚Antagonistisch‘ bedeutet, dass das Mittel selbst keine direkte Wirkung hat, sondern andere Prozesse oder Wirkstoffe behindert.
  • modulierend wirkende Depressiva (z. B. Tianeptin). ‚Modulierend‘ bedeutet, dass das Mittel in erster Linie andere Vorgänge verändert.

Weiterhin können nach Studien folgende Substanzen antidepressiv wirken:

  • Phytopharmaka, also pflanzliche Arzneimittel (z. B. echtes Johanniskraut)
  • Ketamine
  • spezifische Omega-3-Fettsäuren (z. B. EPA, Eicosapentaensäure)
  • spezifische Antikonvulsiva (z. B. Carbamazepin), also Mittel gegen Epilepsie
  • Lithium
  • Licht

Exkurs: Mehr Informationen zu Omega-3-Fettsäuren

Was sind Omega-3-Fettsäuren? Wie viel Einfluss haben die in Fischölkapseln enthaltenen Omega-3-Fettsäuren auf die Stimmung des Menschen? Wir haben uns eingehend damit befasst und drei Artikel sowie ein Video mit allen wichtigen Infos veröffentlicht.

Wichtige Grundlagen und Wissenswertes zum Thema erklärt Dr. Tobias Weigl im folgenden Video:

Wie wirken typische Antidepressiva?

Nach Studien soll die Ursache von Depression ein Unterschuss oder Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter sein. Neurotransmitter sind sog. Botenstoffe, welche für die Signalweiterleitung im Gehirn verantwortlich sind. Aus diesem Grund eignen sich für die Antidepressiva Substanzen, die in diese Neurotransmittersysteme eingreifen und für eine Veränderung der Konzentration sorgen.

Der Wirkmechanismus von Antidepressiva ist je nach Klasse unterschiedlich. Wichtig festzuhalten ist, dass manche Wirkungen zwar typisch oder spezifisch für die jeweilige Klasse sind. Einzelne Präparate haben aber zusätzliche, eigene Wirkungen. Diese Wirkungen werden wir nicht in den unten genannten Auflistungen beschreiben, da sie zu spezifisch für das jeweilige Medikament sind. Wir beschränken uns in diesem Überblick auf die Wirkung, die typisch für die ganze Klasse ist.

Im Zuge der Zeit hat man immer neue Arzneistoffe entwickelt, um Antidepressiva mit weniger Nebenwirkungen zu erhalten und präzisere Eingriffe in verschiedene Systeme des Körpers vorzunehmen.

Im Folgenden stellen wir die Wirkungsprofile einiger Antidepressiva vor:

Trizyklische Antidepressiva (TZA oder Trizyklika)

Trizyklika haben ihren Namen ihrem chemischen Aufbau zu verdanken. Moleküle von Antidepressiva dieser Gruppe haben eine sog. dreifach anellierte Ringstruktur (von altgr. tri- ‚drei, dreifach‘ und kyklos ‚Kreis‘). Ihre Wirkung beruht darauf, die Aufnahme von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin in den Gehirnnervenzellen zu hemmen. Diese Botenstoffe sind als „Stresshormone“ (Adrenalin und Noradrenalin) bzw. als „Glückshormone“ bekannt. Wenn diese Botenstoffe nicht wieder aufgenommen werden, bleiben sie länger im Gehirn. Die Konzentration der Neurotransmitter steigt und eine antidepressive bzw. stimmungsaufhellende Wirkung entsteht. So sorgen sie letztlich länger für „gute Laune“.

Da die Wiederaufnahmehemmung nicht selektiv erfolgt, werden Trizyklika auch „nicht selektive Monoamin-Wiederaufnahmehemmer“ genannt. Bei den betroffenen Neurotransmittern handelt es sich chemisch gesehen um Monoamine.

3 Gruppen der TZA

Die trizyklischen Antidepressiva besitzen primär stimmungsaufhellende und antidepressive Wirkungen. Sie können wegen ihrer zusätzlichen Wirkung auf den Körper in 3 große Gruppen gesplittet werden:

  • Amitriptylin-Typ

Medikamente von diesem Typ wirkend eher dämpfend (‚sedierend‘). Des Weiteren sind sie schlaffördernd und helfen bei Unruhe bzw. Angst. Das nennt man axiolytische Wirkung. Außerdem wirken Präparate des Amitriptylin-Typs schmerzlindernd, was wahrscheinlich am Neurotransmitter Noradrenalin liegt.

  • Imipramin-Typ

Diese Antidepressiva wirken eher leicht bzw. neutral antriebssteigernd (‚thymeretisch‘) auf die Psychomotorik.

  • Desipramin-Typ

Arzneistoffe vom Typ Desipramin besitzen zu Beginn psychomotorisch antriebssteigernde und ebenso wachmachende Wirkung. Nach längerfristigem Gebrauch wirken sie ebenfalls angstlösend.

Achtung: Suizidgefahr

Bei trizyklischen Antidepressiva des Desipramin-Typs ist Vorsicht bei Patienten geboten, welche suizidgefährdet sind. Durch die unmittelbare antriebssteigernde Wirkung kann nämlich die Gefahr eines Selbstmordversuchs erhöht werden. Aus diesem Grund werden unter Umständen weitere Medikamente zur Überbrückung mit verordnet.

Wichtig ist zu wissen, dass bei trizyklischen Antidepressiva die Wirkung nicht direkt eintritt. Meist dauert die Einstellung des Medikaments auf den Patienten 2-3 Wochen.

Selektive Wiederaufnahmehemmer

Diese Klasse von Antidepressiva blockiert Rezeptoren von Transportern, die spezifisch für den jeweiligen Neurotransmitter aufnehmen. Dadurch wird verhindert, dass die Neurotransmitter in die Zelle transportiert wird. Stattdessen verbleiben sie im sog. synaptischen Spalt. Diese Ansammlung führt zur antidepressiven Wirkung.

Zugleich stellt auch dies den wesentlichen Unterschied zu den trizyklischen Antidepressiva dar, denn der Eingriff erfolgt selektiv an einem bestimmten Neurotransmittersystem. Dadurch werden andere Systeme entsprechend weniger mitbeeinflusst. So gibt es weniger Nebenwirkungen.

Auch hier kann zwischen den einzelnen Systemen unterteilt werden. Es gibt folgende Gruppen unter den selektiven Wiederaufnahmehemmern:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
  • Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
  • Selektive Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI)
  • Selektive Noradrenalin-/Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (SNDRI)

Eine weitere Wirkung, diese Medikamente ist, wie bei einigen Trizyklika auch, die Schmerzlinderung. Außerdem können SSRI, SNRI und SSNRI angstlösend bzw. antriebssteigernd wirken.

Achtung: Suizidpotential

Laut Studien ist bei Behandlungsbeginn mit selektiven Wiederaufnahmehemmern die Suizidgefahr bei Jugendlichen und Kindern erhöht. Außerdem ist bei Einnahme von SSRI und des SSNRI aggressives Verhalten zu beobachten. Grund hierfür ist, wie bei den Trizyklika auch, die zu Beginn schnell antriebssteigernde Wirkung. So haben Betroffene die „nötige Energie“, ihre Vorhaben tatsächlich umzusetzen.

Monoamiooxidasehemmer (MAO-Hemmer)

MAO-Hemmer blockieren das Enzym Monoaminooxidase (MAO). Dieses ist nämlich für den Abbau von Monoaminen (dazu zählen Serotonin, Noradrenalin und Dopamin) verantwortlich. Wie bei den Trizyklika und den selektiven Wiederaufnahmehemmern auch, führt die Blockade der Monooxidasen zu einem Anstieg der Neurotransmitter im synaptischen Spalt.

MAOs unterscheidet man in zwei Typen und für beide gibt es jeweils spezielle MAO-Hemmer. Monoaminooxidasen vom Typ A sind primär für die Spaltung der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin, Melatonin und teilweise Dopamin verantwortlich sind. MAOs vom Typ B hingegen sind primär für den Abbau von Dopamin verantwortlich.

Die MAO-Hemmer können so an MAO binden, dass nach Abbau der Arzneisubstanz die gebundene Monoaminooxidase funktionsfähig wieder zur Verfügung steht. Dies nennt man reversible Wirkweise.

Jedoch kann der Wirkstoff auch dauerhaft die MAOs besetzen. Dies führt zu einer nicht-Wiederbenutzung des Enzyms (sog. irreversible Wirkweise). MAOs, welche irreversibel gebunden werden, gehen aber nicht verloren; der Körper stellt nach einigen Tagen wieder neue, intakte Enzyme zur Verfügung.

Im Vergleich zeigen nichtselektive MAO-Hemmer und selektive MAO-A-Hemmer gute antidepressive Wirkungen, während selektive MAO-B-Hemmer eher bei der Therapie von Parkinson eine Rolle spielen, da die Ursache der Krankheit mit einem Mangel an Dopamin korreliert.

Zwei wichtige Einnahmehinweise

Achtung: Serotonin-Überschuss

Bei der Einnahme von MAO-Hemmern mit Antidepressiva anderer Klassen (z. B. Trizyklika) kann es zu verschiedenen Funktionsstörungen des Körpers kommen, wenn es zu einem Serotonin-Überschuss kommt. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das sogenannte Serotonin-Syndrom. Große Vorsicht ist vor allem geboten, wenn es sich bei den MAO-Hemmern vom irreversiblen, nicht-selektiven Typ handelt. Hier hilft meist eine verspätete Einnahme des anderen oder neuen Antidepressivums.  Ein Facharzt klärt die genauen Details. So kann sichergestellt werden, dass der MAO-Hemmer abgebaut und eine Wechselwirkung mit schwerwiegenden Folgen vermieden wird.
Zum Serotonin-Syndrom sehen Sie sich folgendes Video von Dr. Tobias Weigl an:

Achtung: Verzicht auf bestimmte Lebensmittel

MAOs sind in der Lage, auch andere Monoamine wie Tyramin zu spalten. Die dadurch bedingte Ansammlung von Tyramin und der Verzehr von tyraminhaltigen Lebensmitteln (Schokolade, Fleisch und einige Käsesorten) können Bluthochdruck auslösen. Dies geschieht eher indirekt, da Tyramin Noradrenalin freisetzt, was den Blutdruck steigert. Dieser Effekt kann eintreten, wenn eine tyrosinreiche Ernährung stattfindet. Denn im Zuge des Stoffwechsels wandelt unser Körper Tyrosin in Tyramin um. Diese Vorsichtsmaßnahme ist vor allem bei nichtselektiven MAOs geboten.

Antidepressiva anderen Typs

Es ist auch möglich, eine antidepressive Wirkung durch andere Mechanismen zu erzielen. Das Prinzip der Ansammlung bestimmter Neurotransmitter bleibt dabei gleich. Ein Beispiel sind noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSA) genannt werden. Hierbei handelt es sich um tetrazyklische Arzneistoffe, die an Serotonin- und Noradrenalin-Rezeptoren binden. Sie haben somit Ähnlichkeiten zu den SSNRI. Vereinfacht kann man sagen, dass es auch Rezeptoren im Hirn gibt, die für eine Hemmung der Freisetzung von Noradrenalin und Serotonin sorgen. NaSSA wirken dem entgegen. Darum nennt man sie auch Antagonisten, nach dem griechischen Wort für Gegenspieler. So kommt es zu einer Ansammlung der beiden Monoamine. Zusätzlich sind diese Rezeptoren auch für andere Effekte im Körper verantwortlich, weshalb NaSSA auch sedierende (beruhigende) und antihistaminische Eigenschaften aufweisen.

Gut zu wissen! Opioid Tramadol als Antidepressivum

Wussten Sie schon, dass auch das Opioid Tramadol antidepressive Wirkungen besitzt? Es bindet an Opioidrezeptoren und setzt dort seine schmerzlindernde Wirkung frei. Jedoch ist die Bindung an diesem Rezeptor eher schwach, was zu einer schwächeren Wirkung führt. Um dem entgegenzuwirken, nutzt es es einen weiteren Wirkmechanismus: Es hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Ebendies führt zur zusätzlichen antidepressiven und teils anxyolitischen, also angstlösenden Wirkung.

Exkurs: Neurotransmitter

Die Weiterleitung von Signalen von einer Nervenzelle zur anderen bedarf der Hilfe von Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern. Wird ein Reiz von einer Nervenzelle aufgenommen, so erfolgt die Weiterleitung elektrisch. Erreicht das Signal das Endköpfchen dieser Zelle, wird es zur nächsten Nervenzelle weitergeleitet. Das Problem hier ist, dass die Köpfchen der Nervenzellen durch den sog. synaptischen Spalt voneinander getrennt sind. Die Weiterleitung kann nun nicht mehr elektrisch erfolgen. Mit Hilfe der Neurotransmitter ist jedoch eine chemische Signalweiterleitung möglich.

Dabei können beispielsweise die freigesetzten Neurotransmitter an spezifischen Membranrezeptoren der Empfängerzelle binden und dort dafür sorgen, dass der Reiz weitergeleitet wird. Es gibt jedoch verschiedene Wege, Signale weiterzuleiten. Ebenso kann ein Neurotransmitter für mehrere Signalweiterleitungen verantwortlich sein und zeitgleich verschiedene Prozesse in Gang setzen.

Antidepressiva machen sich die Botenstoffe im synaptischen Spalt zu Nutze. So sorgen sie dafür, dass im synaptischen Spalt bestimmte Neurotransmitter nicht abgebaut oder nicht in die Zelle zurück transportiert werden. Dadurch erhöht sich bei weiterer Ausschüttung ihre Anzahl im synaptischen Spalt. Entsprechende Signale, z. B. welche, die ein Wohlgefühl verursachen, werden somit intensiver, länger und verlässlicher weitergeleitet.

Was sind die Anwendungsgebiete von Antidepressiva?

Das hauptsächliche Anwendungsgebiet von Antidepressiva ist die Behandlung von Depressionen. In manchen Fällen können auch, je nach Medikament, Begleitsymptome von Depressionen mitunterdrückt werden. Die meisten Antidepressiva unterdrücken ebenfalls Angst- und Panikstörungen und wirken einer mit einer starken Depression verbundene Antriebsschwäche entgegen. Außerdem können Zwangsstörungen mitbehandelt werden.

Je stärker die Depression, umso wirksamer das Medikament

Die Wirkung von Antidepressiva ist abhängig von der Schwere der Erkrankung. Das heißt, je stärker die Depression beim Betroffenen ist, desto besser wirkt das Antidepressivum. Andersrum hat es, aktuellen Studien zufolge, bei geringen Depressionen kaum Wirkung. Darum empfehlen therapeutische Leitlinien bei leichten Depressionen eine Psychotherapie ohne medikamentöse Therapie.

Jedoch ist zu betonen, dass nicht immer eine pauschale Lösung existiert. So sind für einige Patienten zur Bewältigung der Psychotherapie Medikamente unumgänglich, während andere keine medikamentöse Hilfe benötigen.

Darüber hinaus finden Trizyklika und selektive Wiederaufnahmehemmer bei der Schmerztherapie Verwendung. Dort sollen sie gegen chronische und neuropathische Schmerzen helfen. Beispiele hierfür wären Migräne, neuropathische Schmerzen oder die rheumatische Erkrankung Fibromyalgie. Wichtige Antidepressiva bei Fibromyalgie sind die Trizyklika und die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Video-Exkurs: Mehr Informationen zu Fibromyalgie

Was ist Fibromyalgie? Wie kann Fibromyalgie behandelt werden? Wichtige Grundlagen und Wissenswertes zum Thema erklärt Dr. Tobias Weigl im folgenden Video:

Auch bei Schlafstörungen können einige Trizyklika dank ihrer sedierenden Wirkung helfen.

Ein weiteres Anwendungsgebiet von MAO-B-Hemmern ist die Krankheit Morbus Parkinson. Die Ursache beruht auf einem Mangel an Dopamin. Da eine Hemmung der Monoaminooxidase des Typs B zu einem Anstieg dieses Neurotransmitters führt, eignen sich entsprechende Präparate zur Behandlung von Parkinson. Sie werden dabei mit L-Dopa (Levodopa; Vorstufe von Dopamin und anderen Neurotransmittern) kombiniert.

Was sind die Nebenwirkungen von Antidepressiva?

Antidepressiva greifen also in die Neurotransmittersysteme ein. Da die Systeme untereinander gekoppelt sind, können unterschiedliche bzw. vielfältige Nebenwirkungen auftreten. Die Nebenwirkungen sind bei den unterschiedlichen Medikamentenklassen nicht unbedingt gleich. Die einzelnen Präparate unterscheiden sich untereinander in der Stärke ihrer unerwünschten Arzneimittelwirkungen und von Mensch zu Mensch. Jedoch können sehr viele Antidepressiva zu den folgenden Nebenwirkungen führen:

Eine weitere Nebenwirkung ist die verbundene erhöhte Suizidgefahr (Selbstmordgefahr) bei der Einnahme bestimmter selektiver Wiederaufnahmehemmer und Trizyklika.

Wichtig bei den oben genannten Nebenwirkungen ist, dass nicht jeder Mensch die gleichen Wirkungen und Nebenwirkungen nach der Einnahme von Antidepressiva spürt. So können bestimmte Nebenwirkungen bei der einen Person verstärkt auftreten, während ein anderer Betroffener gar nicht darunter leidet. Als Teil eines multimodalen Systems erfolgt die Therapie mit Medikament in Kombination mit einer Psychotherapie. Dadurch können bestimmte Nebenwirkungen wie z. B. das Suizidrisiko vom behandelnden Arzt engmaschig kontrolliert und reduziert werden.

Haben Sie schon mal ein Antidepressivum genommen? Falls ja, welche Nebenwirkungen konnten Sie wahrnehmen bzw. sind bei Ihnen aufgetreten (Mehrfachnennungen möglich)? Mit Ihrer Teilnahme an dieser Umfrage helfen Sie anderen Lesern, ihre Situation besser einzuschätzen.

Antidepressiva auf einem Blick

wichtigste Wirkstoffklassen

  • Trizyklische Antidepressiva
  • Selektive Wiederaufnahmehemmer
  • Monoaminooxidase-Hemmer

Wirkungen (abhängig von der Wirkstoffklasse)

  • antidepressiv
  • angstlösend
  • antriebssteigernd
  • sedierend bzw. beruhigend
  • schmerzlindernd

Anwendungsgebiete (abhängig von der Wirkstoffklasse)

  • Depression
  • Angst- und Panikstörungen
  • Schlafstörungen
  • Chronische oder neuropathische Schmerzen
  • Morbus Parkinson

wichtigste Nebenwirkungen

  • Mundtrockenheit
  • Appetitlosigkeit
  • Unruhe & Schlafstörungen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Herzschlagfrequenz- und Blutdruckänderung
  • Suizidgedanken

wichtigste Wechselwirkungen

  • MAO-Hemmer mit Antidepressiva anderer Klassen können zum Serotonin-Syndrom führen
  • Alkohol
  • Dextromethorphan
  • Stimulanzien

Darreichungsformen

  • Tablette oder Filmtablette
  • Kapsel
  • Injektionslösung

Welche Kontraindikationen und Wechselwirkungen existieren für Antidepressiva?

Kontraindikationen – Wann ist bei der Einnahme von Antidepressiva besondere Vorsicht geboten?

Die Einnahme von Medikamenten kann ebenfalls schwere Folgen mit sich bringen, wenn der Betroffene unter einem Umstand leidet, der den Arzneistoff zu einem Risikofaktor (sog. Kontraindikation bzw. Gegenanzeige) macht. Für Antidepressiva existieren folgende:

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
  • Delirium
  • Engwinkelglaukom
  • Polyorusstenose (Verengung des Magenausgangs)
  • Prostatahyperblasie

Wechselwirkungen – Andere Medikamente und Stoffe können die Wirkung beeinträchtigen

Weiterhin können sowohl Wirkungen als auch Nebenwirkungen von Medikamenten durch andere Substanzen geschwächt, verändert oder verstärkt werden. Dazu gehören folgende:

  • Trizyklika:
    Es bestehen Wechselwirkungen mit MAO-Hemmern und Alkohol, die zu einem Serotonin-Überschuss und in der Folge zum Serotonin-Syndrom führen können.
  • Selektive Wiederaufnahmehemmer:
    Bestimmte Hustenblocker können zu psychotischem Verhalten führen. Ebenfalls können einige SSRI untereinander ihre Wirkung verstärken, was in manchen Fällen vorteilhaft sein kann. Wie oben bereits erwähnt, ist auch hier eine Wechselwirkung mit MAO-Hemmern möglich und kann zum Serotonin-Syndrom führen. Des Weiteren können Wechselwirkungen mit Substanzen wie Opioiden (z. B. Tramadol), Stimulanzien (z. B. Amphetamine), Tryptophan, LSD, Kokain und einige weiteren entstehen.
  • Monoaminooxidase-Hemmer:
    Wie bei anderen Antidepressiva auch, kann eine Kombination dieser mit MAO-Hemmern zum Überschuss von Serotonin im Körper führen. Weiterhin wechselwirken Substanzen wie bestimmte Hustenstiller (z. B. Dextromethorphan), Alkohol, Amphetamine, Opioide (z.B. Tramadol) und einige weitere Drogen.

Wichtig ist, dass die Einnahme von Antidepressiva immer in Rücksprache mit einem Facharzt erfolgt. Das gibt Übersicht über mögliche Kontraindikationen und Wechselwirkungen und hilft, sie zu vermeiden.

Video-Exkurs: Serotonin & Serotonin-Syndrom

Serotonin ist ein Neurotransmitter, der als Glückshormon bekannt ist. Kann es auch auf natürliche Weise gesteigert werden? Diese Frage und weiteres Wissenswertes zum Thema erklärt Dr. Tobias Weigl im folgenden Video:

Zu viel Serotonin ist auch nicht gut! Welche Folgen bringt ein Serotonin-Überschuss mit sich? Was kann dagegen getan werden? Dies und mehr zum Thema erklärt Dr. Tobias Weigl im Video „Serotonin-Syndrom: Macht viel Serotonin krank? Gefahr durch Antidepressiva & pflanzliche Medikamente“:

Absetzen von Antidepressiva

Ein großes Problem bei der Benutzung von Antidepressiva sind die Absetzerscheinungen, welche nach einem abrupten Absetzen der Medikamente erfolgen.

Ursache für Absetzerscheinungen

Grund hierfür ist eine Störung des Gleichgewichts im Serotonin-Haushalt. Der Körper passt sich nach Einnahme des Antidepressivums, durch die Erhöhung der Serotoninmenge, an ein neues Niveau an. Durch Absetzen des Medikaments entsteht jedoch wieder eine Reduzierung des Serotonins im Gehirn. Der Versuch, diesen nun entstandenen Unterschuss wieder in einem Gleichgewicht zu bringen, sorgt für unterschiedliche unangenehme Erscheinungen. Diese Symptome können sich innerhalb der ersten Woche nach dem Absetzen äußern.

Dabei können folgende Symptome auftreten:

  • Kreislaufprobleme
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Durchfall
  • Störungen der Motorik, wie Zucken oder schlechte Koordination der Bewegungen
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Schwankungen der Stimmungslage

Man spricht bei Absetzerscheinungen, die durch das Absetzen von SSRIs, SNRIs oder SSNRIs entstehen, auch vom sogenannten SSRI-Absetzsyndrom.

Rebound-Effekt

Ein weiterer Effekt, der mit abrupten Absetzen eines Antidepressivums entstehen kann, ist der sogenannte Rebound-Effekt. Hierbei erleidet der Betroffene wieder die Symptome, welche durch den abgesetzten Arzneistoff zuvor behandelt wurden. Grund hierfür kann eine Verringerung von Rezeptoren sein, auf die das eingenommene Medikament gewirkt hatte. Durch diese Verminderung der Rezeptorenanzahl sinkt ebenfalls die Empfindlichkeit auf die Neurotransmitter des eigenen Körpers. Anders interpretiert ist dies ein Mangel an Botenstoffen wie Serotonin, Dopamin oder Noradrenalin. Dieser Mangel ist die Ursache für Depression, weshalb beim Rebound-Effekt die für Depression typischen Symptome wieder auftreten.

Empfohlene Lösung: das Ausschleichen

Damit Absetzerscheinungen vermieden werden, sollte das Medikament ausgeschlichen werden. Ausschleichen bedeutet, dass die eingenommene Dosis fortlaufend über eine längere Zeit solange reduziert wird, bis optimalerweise am Ende komplett darauf verzichtet werden kann. Die schrittweise erfolgte Reduzierung der Dosis bietet dem Körper die Möglichkeit, sich langsam an Veränderungen der oben Rezeptorenzahl und des Neurotransmittergleichgewichts zu gewöhnen. Wichtig hierbei ist, dass immer Rücksprache mit dem Facharzt gehalten wird, damit das Ausschleichen optimal verläuft.

Tipps bei der Einnahme von Antidepressiva

Wie oben ausgeführt können Antidepressiva verschiedene Nebenwirkungen auslösen. Einige dieser Nebenwirkungen können jedoch mit bestimmten Maßnahmen weitestgehend zurückgehalten werden.

  • Handhabung der Müdigkeit:
    Medikamente aus der Gruppe der Trizyklika sollten 1–2 Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Da das Antidepressivum beruhigend wirkt, fällt so das Einschlafen leichter. Erfolgt die Einnahme des Arzneistoffs am Tage, so sollte das Autofahren vermieden werden.
  • Reduzierung der Übelkeit:
    Medikament zu der Mahlzeit und mit genügend Flüssigkeit zu sich nehmen. Ausprobieren, wie das Medikament auf den eigenen Körper wirkt. Bei zu starker Übelkeit kann alternativ ein Protonenpumpenhemmer (z. B. Pantoprazol) eingenommen werden, um den Magen vor Übersäuerung zu schützen.
  • Verminderung der Gewichtszunahme:
    In diesem Falle werden konventionelle Methoden wie Sport empfohlen. Außerdem sollten Sie Süßigkeiten mit Bedacht genießen und ebenfalls auf eine ausgewogene Ernährung achten.

Video: Antidepressiva zur Schmerztherapie

Wie oben bereits erwähnt können Antidepressiva auch bei der Schmerztherapie Anwendung finden. Welche Krankheiten benötigen solch eine Maßnahme? Wichtige Grundlagen und Wissenswertes zum Thema erklärt Schmerzexperte Dr. Tobias Weigl im folgenden Video:

Häufige Patientenfragen

Kann ich bei schwacher Depression Antidepressiva einnehmen?

Dr. T. Weigl:
Laut neuesten ärztlichen Leitlinien sollten Sie bei schwacher Depression auf Antidepressiva verzichten. Versuchen Sie zunächst mit Psychotherapie die Krankheit zu behandeln.

Warum dauert es, bis Antidepressiva ihre antidepressive Wirkung entfalten können?

Dr. T. Weigl:
Das Problem hierbei ist, dass eine gewisse Anpassung in den Gewebsstrukturen des Gehirns stattfinden muss. Hierunter gehören primär Veränderungen der Rezeptoren. Nach diesen Umbauvorgängen kann das Medikament seine Wirkung erst optimal entfalten. Diese Umbauvorgänge an den Synapsen, also den Verbindungsstellen von Nervenzellen, die im Gehirngewebe vorhanden sind, können einige Tage bis Wochen dauern.

Sind Antidepressiva rezeptpflichtig?

Dr. T. Weigl:
Antidepressiva gehören zu den Psychopharmaka und besitzen vielfältige, psychoaktive Wirkungen. Aus diesem Grund sind sie rezeptpflichtig und können nur nach Anordnung des Arztes in einer Apotheke erworben werden. Alternativ können aber Arzneistoffe mit antidepressiver Wirkung erworben werden, wie beispielsweise Echtes Johanniskraut, welches bei schwachen Depressionen eingesetzt werden kann.

Die Untersuchungen ergaben eine ganz klare Diagnose: neuropathische Schmerzen! Schon leichte Berührungen, die eigentlich als angenehm empfunden werden sollten, bereiten Sandra Schmerzen. Der Arzt klärt sie auf: „Antidepressiva stellen eine alternative zur Schmerzbehandlung dar. Jedoch müssen wir den Prozess intensiv miteinander besprechen. Halten Sie auch ständig Rücksprache mit mir. Das ist sehr wichtig! So können wir dafür sorgen, dass die Behandlung mit Antidepressiva relativ nebenwirkungsarm verläuft. Ansonsten könnte es Sie ziemlich belasten.“

Verwandte Themen

Haben auch Sie Erfahrungen mit Depressionen und Antidepressiva? Haben Sie Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!

Autoren: Dr. Tobias Weigl, Schajan Salahijekta
Redaktion: Marek Firlej
Veröffentlicht am: 30.01.2019, zuletzt aktualisiert: 06.02.2019

Quellen

  • K. Aktories u. a. (2013): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH.
  • Heinz Lüllmann, Klaus Mohr, Martin Wehling, Lutz Hein (2016): Pharmakologie und Toxikologie. 18. Auflage. Georg Thieme Verlag
  • Gelbe Liste Online.
  • Brigitte Woggon (2005): Behandlung mit Psychopharmaka, Auflage, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG.
  • Christoph H. Gleiter, Hans-Peter Volz, Hans-Jürgen Möller (1999): Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Pharmakologie und therapeutischer Einsatz, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
  • Ursula Breyer-Pfaff, Hans J. Gaertner, Pierre Baumann (2005): Antidepressiva.
  • Michael Bauer, Anne Berghöfer, Mazda Adli (2005): Akute und therapieresistente Depressionen – Pharmakotherapie – Psychotherapie – Innovationen. Auflage. Springer Medizin Verlag.
  • Yulia Orlova, Paul Rizzoli,Elizabeth Loder (2018): Association of Coprescription of Triptan Antimigraine Drugs and Selective Serotonin Reuptake Inhibitor or Selective Norepinephrine Reuptake Inhibitor Antidepressants With Serotonin Syndrome. In: JAMA Neurology 75(5): S. 566–572.
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