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Sepsis (Blutvergiftung) – Klinischer Notfall mit Fieber, Unterkühlung sowie erhöhter Herz- und Atemfrequenz

Eine Sepsis ist lebensbedrohlich und eine häufige Todesursache. Für die auch als Blutvergiftung bekannte Erkrankung gibt es in den meisten Krankenhäusern sogenannte ‚Sepsis Bundles‘, mithilfe derer sich die Erkrankung innerhalb der ersten, wichtigsten, Stunden bestmöglich behandeln lässt.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Bei einer Sepsis, auch bekannt als Blutvergiftung, handelt es sich um eine lebensbedrohliche Dysfunktion des Organs. Sie ist das Ergebnis einer Infektion, auf die unser Körper nicht angemessen reagiert. In den meisten Fällen sind für diese Infektionen Bakterien, seltener Viren, Pilze oder Parasiten verantwortlich. Wichtig: Eine Sepsis ist ein medizinischer Notfall, der sofortige Behandlung erfordert. Denn etwa alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer solchen Sepsis. Die offizielle Statistik verzeichnete im Jahr 2013 280.000 Sepsis-Fälle, es wird von einer viel höheren Dunkelziffer ausgegangen. Patienten mit Sepsis leiden häufig unter Fieber, einer erhöhten Herzfrequenz sowie einer beschleunigten Atmung. Allerdings gelten die Symptome als recht unspezifisch, weshalb die korrekte Diagnose oft nicht sofort gestellt wird. Der Behandelnde geht eher von einer Erkältung oder Grippe aus. Wir erklären im nachfolgenden Artikel im Detail, was eine Sepsis ist, wie man an ihr erkrankt, wie die Diagnose im Idealfall abläuft und welche Behandlungsansätze für die Blutvergiftung existieren.

Irgendwie fühlt sich Sebastian wie im Traum … Gerade eben noch hat er am Frühstückstisch gesessen und ordentlich reingehauen – es gab Croissants, Milchbrötchen, normale Brötchen und, und, und – und ab da verschwimmen die Erinnerungen irgendwie. Er weiß noch, dass er sich an diesem Morgen so gefreut hatte, diese blöde Lungenentzündung endlich los zu sein. Da hat er das erste Mal festgestellt, dass irgendwas nicht stimmt. Er hat sich ziemlich fiebrig gefühlt und einen Puls wie nach zwei Stunden Dauerlauf gehabt! Er hat dann gleich einen Krankenwagen gerufen. Der Notarzt war sehr schnell bei ihm, während er versuchte, sich auf den Beinen zu halten. Auf der Trage hat er das medizinische Personal dann irgendwas von „Sepsis“ und „Schock“ reden hören …

Was ist eine Sepsis?

Sebastian aus unserem Beispiel hat sehr wahrscheinlich eine Sepsis erlitten. Die Sepsis ist ein komplexes Krankheitsbild, bei dem es abhängig von den jeweiligen Erregern, den Vorerkrankungen der Betroffenen sowie den Umständen, unter denen die Sepsis entsteht, zu Veränderungen kommt. Eine Sepsis entsteht infolge einer Infektion bzw. Infektionserkrankung – in den meisten Fällen durch Bakterien verursacht. Sie beschreibt grob eine Blutvergiftung. Genauer beschreibt sie die Reaktion des Körpers auf eine Infektion, infolge welcher es zu einer Organschädigung kommt. Die ursächlichen Infektionen können wie im Folgenden aufgeführt nach ihrer Häufigkeit sortiert werden.

  • ca. 40 Prozent: Infektionen der Lunge (bspw. Lungenentzündung)
  • ca. 30 Prozent: Infektionen im Bauchraum (bspw. Blinddarmentzündung)
  • ca. 10 Prozent: Infektionen der Harn- oder Geschlechtsorgane (bspw. Blasenentzündung)
  • ca. 5 Prozent: infizierte Katheter (bspw. zur Medikamentengabe)
  • ca. 15 Prozent: andere Ursachen

Die infektiösen Erreger schaffen es meist, länger im Körper zu verweilen, in die Blutbahn zu gelangen und entsprechend eine Sepsis auszulösen, wenn Betroffene unter einem geschwächten Immunsystem oder einer chronischen Erkrankung leiden. In diesem Zusammenhang seien vor allem eine Chemotherapie sowie eine immunsuppressive Therapie zu nennen. Letztere kommt z. B. dann zum Einsatz, wenn Reaktionen des Immunsystems unterdrückt werden müssen, damit ein transplantiertes Organ nicht abgestoßen wird. Weiterhin gefährdet sind geschwächte, ältere Menschen, Diabetiker, Menschen mit Nieren- oder Lebererkrankungen sowie Alkohol– oder Drogenabhängige.

Aber was genau ist eigentlich eine Infektion? Von einer Infektion spricht man, wenn krankheitsverursachende (sog. ‚pathogene‘) Mikroorganismen, also bspw. Bakterien oder Viren, in einen Organismus gelangen, sich dort ansiedeln und vermehren. Das Ausmaß einer Infektion richtet sich dann nach der Infektiosität sowie den krankheitsverursachenden Fähigkeiten (sog. ‚Pathogenität‘) des Erregers. Bei einer Infektion muss es eine Infektionsquelle (bspw. ein infiziertes Tier), eine Übertragung von Erregern und einen empfänglichen Organismus (bspw. unseren Körper) geben. Übertragen werden können Erreger auf unterschiedlichste Art und Weise, bspw. durch Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen), Kontaktinfektion (entweder durch direkten Körperkontakt oder als sog. Schmierinfektion bei Kontakt mit kontaminierten Gegenständen, bspw. Türklinken), aerogene Infektion (über die Luft) oder die sogenannte Inokulation (bspw. Bisse blutsaugender Tiere).

Als Kriterien für eine Sepsis gelten eine Infektion in Kombination mit mindestens 2 der nachfolgenden Beschwerden:

  • Körpertemperatur von mehr als 38° C oder weniger als 36° C (u. U. mit Schüttelfrost)
  • Herzfrequenz von mehr als 90 Schlägen pro Minute
  • Atemfrequenz von mehr als 20 pro Minute
  • zu hohe bzw. zu geringe Anzahl Leukozyten (weiße Blutkörperchen) im Blut

Sepsis im Detail

Wie bereits erwähnt, beschreibt die Sepsis als Folge einer Infektion den Umstand einer lebensbedrohlichen Organdysfunktion. Diese wiederum ist das Ergebnis einer sozusagen „falschen“ Immunantwort unseres Körpers auf eine Infektion, bei der Erreger (meist Bakterien) in unseren Blutkreislauf gelangen. Diese Immunantwort ist systemischer Natur. Sie betrifft den gesamten Organismus. Der Körper veranlasst Abwehrreaktionen wie Fieber, eine gesteigerte Herzfrequenz (sog. ‚Tachykardie‘) und eine beschleunigte Atmung – unser Immunsystem wird aktiviert. In der Folge kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die weiße Blutkörperchen dazu veranlasst, den „Ort des Geschehens“ aufzusuchen. Dann werden sogenannte Zytokine – dabei handelt es sich um besondere Botenstoffe – freigesetzt, die für die Steuerung der Reaktion zuständig sind und andere Abwehrzellen aktivieren.

Das Problem besteht in diesem Kontext darin, dass die Abwehrmaßnahmen unseres Körpers nicht nur den Erreger schädigen, sondern auch das betroffene Gewebe in Mitleidenschaft ziehen. Dann kommt es bspw. zur direkten Schädigung von Zellen oder zu einer gestörten Blutzirkulation im betroffenen Gewebe. Dies kann dazu führen, dass der Blutdruck abnimmt und das Herz letztlich versucht, mehr Blut pro Zeiteinheit in den Kreislauf zu befördern. Letztlich kann die Konsequenz sein, dass andere Organe unterversorgt werden, was im Ergebnis zu einer unzureichenden Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen führt.

Exkurs: Was ist eine Entzündung?
Generell beschreibt eine Entzündung, der medizinische Fachbegriff dafür lautet Inflammation, eine körperliche Reaktion unseres Immunsystems auf verschiedene externe Faktoren. Die Auslöser für eine solche Entzündung sind entsprechend vielfältig. So gelten bspw. Blutergüsse (als Ergebnis von Gewebeschädigungen), physikalische Einwirkungen (bspw. Hitze oder Kälte), chemische Stoffe, Fremdkörper, Erreger (Bakterien, Viren usw.) sowie allergieauslösende Substanzen (z. B. Tierhaare) als ebensolche externen Faktoren.

Möchten Sie im Detail darüber Bescheid wissen, was sich bei einer Entzündung abspielt? Dann empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres Artikels „Die Entzündung (Inflammation) – Ursachen, Symptome und 5 typische Entzündungszeichen“. In diesem erfahren Sie alles Wissenswerte über die Reaktionen unseres Körpers bei Bedrohung durch externe Faktoren.

Erregerspektrum bei Sepsis

Viele verschiedene bakterielle Erreger können letztlich eine Sepsis verursachen. Den Daten des Center for Sepsis Control and Care lässt sich aber entnehmen, dass einige Erreger häufiger für den Ausbruch der Blutvergiftung verantwortlich sind. In der nachfolgenden Auflistung finden Sie daher in absteigender Reihenfolge die häufigsten bakteriellen Erreger bei Sepsis:

  • das Darmbakterium Escherichia Coli (44,7 Prozent)
  • das vorwiegend in der Nase siedelnde Bakterium Staphylococcus aureus (26,8 Prozent)
  • Streptokokken (18,7 Prozent)
  • Pseudomonas (4,6 Prozent)

Diese Bakterien befallen wiederum vor allem die Atemwege, den Bauchraum, den Blutstrom, die Nieren samt der ableitenden Harnwege, die Haut, die Weichteile, Katheter sowie das zentrale Nervensystem.

Gut zu wissen!
Das Krankheitsbild des sogenannten Systemic Inflammatory Response Syndrome (kurz: SIRS) ähnelt dem der Sepsis stark. Allerdings ist bei SIRS anders als bei einer Sepsis keine Infektion nachweisbar. Nichtsdestoweniger handelt es sich bei SIRS um einen ebenso medizinischen Notfall, der sofortiger Behandlung bedarf. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu erwähnen, dass auch bei nicht nachweisbaren SIRS-Kriterien (erhöhte oder erniedrigte Körpertemperatur, erhöhte Herzfrequenz, erhöhte Atemfrequenz, veränderte Leukozyten-Zahl im Blut) eine Sepsis vorliegen kann.

Die Symptome: Welche Beschwerden verursacht eine Sepsis?

Eine Sepsis weist im Grunde kein Leitsymptom auf, das für die Krankheit kennzeichnend (sog. ‚pathognomonisch‘) ist. In der Regel ist aber vor allem der Allgemeinzustand Betroffener stark verschlechtert.
Allerdings existiert der sogenannte qSOFA-Score (von engl. quick Sequential Organ Failure Assassment), der drei Leit- bzw. Kardinalsymptome bei Sepsis zusammenfasst, nämlich einen veränderten mentalen Status mit verschlechterter Reaktion, einen erniedrigten Blutdruck sowie eine erhöhte Atemfrequenz.

Weitere Symptome, die auf das Vorliegen einer Sepsis hindeuten können, sind Fieber und Schüttelfrost, manchmal auch Unterkühlung, die Bildung von Flüssigkeitseinlagerungen (sog. ‚Ödeme‘), ggf. punktförmige Hautblutungen (sog. ‚Petechien‘) sowie eine Zentralisation. Unter Zentralisation versteht man in diesem Kontext, dass die Akren – also alle vom Körperstamm entfernt liegenden Spitzen wie Finger, Zehen, Nase, Kinn oder Ohren – zunächst warm sind und im Verlauf deutlich kälter werden. Die betroffene Haut wirkt marmoriert und ist kühl, möglicherweise kommt es zu Kaltschweißigkeit.

Die Beschwerden bei einer Sepsis richten sich aber nach zwei weiteren Faktoren, nämlich dem sog. Fokus – also dem Herd der Infektion – sowie dem betroffenen Organ.

In Bezug auf den Fokus könnte man als Beispiel die sogenannte Urosepsis anführen, also eine Sepsis, deren Infektion sich in den Harnwegen ereignet hat. Typische Symptome sind dann eine erschwerte bzw. schmerzhafte Entleerung der Blase (sog. ‚Dysurie‘), ein häufiger Harndrang mit nur geringer Ausscheidung (sog. ‚Pollakisurie‘), Flankenschmerzen sowie Schmerzen beim Wasserlassen (sog. ‚Algurie‘). Die Infektion kann aber auch in anderen Bereichen stattgefunden haben. So kommt es bei einer Lungenentzündung bspw. zu einer erschwerten Atmung (sog. ‚Dyspnoe‘) und Husten, während Infektionen im Bauchraum die Zeichen eines akuten Abdomens – vor allem starke Schmerzen – zur Folge haben können.

Aber die unterschiedlichen Symptome ergeben sich auch abhängig von dem Organ, das durch die Sepsis geschädigt wird. Ist zum Beispiel die Niere in Mitleidenschaft gezogen und hat sich dadurch ein akutes Nierenversagen ergeben, so kommt es unter Umständen zur sog. Anurie. Damit beschreibt man den Umstand, dass nur eine sehr geringfügige Menge Harn pro Tag ausgeschieden wird, wodurch schädliche Substanzen, die normalerweise so den Körper verlassen, bleiben. Wenn durch die Sepsis die Lunge geschädigt wird, wirkt sich dies auf unsere sog. Oxygenierung aus. Diese beschreibt die Sauerstoffbindung an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin – auf diese Weise wird in unserem Körper Sauerstoff transportiert – und ist bei Sepsis verschlechtert. Ist hingegen das Herz betroffen, kann es nicht mehr richtig arbeiten. Seine Pumpleistung ist verringert, der Blutdruck erniedrigt. Außerdem können sich Leberwerte verändern, das zentrale Nervensystem kann betroffen sein (dies äußert sich in einer verschlechterten Reaktion und kognitiven Defiziten) und auch die Blutgerinnung kann in Mitleidenschaft gezogen werden.

In schweren Fällen kann es zum sog. septischen Schock kommen. Die verschiedenen Prozesse, die sich während einer Sepsis im Körper abspielen, führen zur mangelhaften Versorgung von Gewebe mit Sauerstoff. Dieser Schock ist gekennzeichnet durch einen Abfall des Blutdrucks, Herzrasen, kalten Schweiß, blau-blasse Haut, Durstgefühl, erhöhte Atemfrequenz sowie eine verringerte Ausscheidung von Harn.

Wie Sie anhand dieser Ausführungen wahrscheinlich selbst sehen, ist es nur schwer möglich, das gesamte Ausmaß einer Sepsis zu verallgemeinern, da dieser klinische Notfall seine Zeichen je nach Fokus und Organ verändert. Da die Sepsis ein schnelles Handeln erfordert, kommt es bei der Bewertung des Krankheitsbildes vor allem auf die Beobachtungsgabe von Ärzten und Pflegepersonal an. Diesem Thema widmen wir uns aber ausführlicher im entsprechenden Kapitel zur Diagnose.

Epidemiologie: Wer ist am ehesten betroffen?

Aufgrund jüngst überholter Definitionen für die Sepsis (diese wurde bisweilen eingeteilt in Sepsis, schere Sepsis und septischen Schock) variieren die Zahlen für die Fälle in Deutschland etwas. Allerdings kann man festhalten, dass die Sepsis nach wie vor eine große Herausforderung für Gesundheitssysteme darstellt. Sie gilt als schwerste Verlaufsform akuter Infektionen. Im Jahr 2007 wurden 200.535 Fälle von Sepsis dokumentiert, 2013 kam es dann zu 279.530 Fällen. Bei einer Sterblichkeitsrate von 24,3 Prozent kamen 2013 demnach 67.849 an oder mit Sepsis ums Leben. Forscher schlussfolgern angesichts dieser Zahlen, dass die Fallzahlen für Sepsis sowie die Zahl der durch Sepsis verursachten Todesfälle einerseits höher als angenommen sind und andererseits auch weiter ansteigen.

Generell kann sich aus jeder Infektion auch eine Sepsis ergeben. Das Risiko dafür ist aber bei bestimmte Risikogruppen erhöht. Dazu gehören all jene, die unter einem geschwächten Immunsystem oder einer chronischen Erkrankung leiden. Die folgende Auflistung enthält die wichtigsten Risikogruppen.

  • Menschen, die eine Chemotherapie machen
  • Menschen, die eine immunsupprimierte Therapie machen
  • ältere, geschwächte Menschen
  • Diabetiker
  • Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen
  • Alkohol– oder Drogenabhängige
Hatten sie schon einmal eine Blutvergiftung? Mit welchen Beschwerden ging die Sepsis bei Ihnen einher? (Mehrfachnennungen möglich). Mit Ihrer Teilnahme an dieser Umfrage helfen Sie anderen Lesern, ihre Symptome besser einschätzen zu können.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Die Diagnose einer Sepsis erfolgt basierend auf drei Aspekten. Es muss mikrobiologisch nach dem Erreger gesucht werden, man muss den Fokus, also den Infektionsherd, ermitteln und diverse Laboruntersuchungen durchführen, um den Zustand der Organe beurteilen zu können.

Im Rahmen der mikrobiologischen Untersuchung wird eine sogenannte Blutkultur angelegt, und zwar noch vor einer antibiotischen Therapie. Damit können Erreger im Blut genau identifiziert werden, ebenso wie ihre etwaigen Resistenzen gegen Medikamente. Wichtig: Es ist an dieser Stelle nicht zwingend erforderlich, einen Erreger nachzuweisen. Denn dies gelingt auch in Abhängigkeit von der Entzündung nicht immer. So kann bspw. in 90 Prozent der Fälle bei Endokarditis – eine Entzündung der inneren Herzwandschicht – ein Erreger nachgewiesen werden, während der Erregernachweis nur in etwa 5 Prozent der Fälle von Erysipeln (schmerzhafte Hautrötungen) erfolgreich ist. Auch wenn der Befund für den Erreger meist erst nach zwei bis drei Tagen steht, ist diese Untersuchung unerlässlich, um die antibiotische Therapie nachträglich entsprechend des ausgemachten Erregers anpassen zu können. Auch jedes weitere Material, das für die mikrobiologische Untersuchung relevant sein kann, sollte gewonnen werden. Dazu gehören bspw.:

  • Urin
  • Wundabstriche
  • Drainagesekret
  • Liquor cerebrospinalis (Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt)
  • Sekret aus der Luftröhre (sog. ‚Trachealsekret‘)
  • andere Fremdmaterialien (bspw. Katheter)

Diese Materialien werden in Abhängigkeit des infrage kommenden Fokus gewonnen. Auch dieser sollte im Rahmen einer Sepsis zügig ermittelt werden.

Wo hat die Infektion ihren Ursprung?

Um eine Sepsis letztlich erfolgreich behandeln zu können, muss der auslösende Fokus, also die Stelle, an der die Infektion ihren Ursprung hatte, saniert werden. Eine Suche nach diesem Fokus ist daher unerlässlich. Dazu kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, um einen Verdacht bestätigen oder ausschließen zu können. Diese variieren je nach untersuchtem Organ bzw. untersuchter Stelle am Körper.

Steht bspw. eine Infektion im Bereich der Atemwege in Verdacht, die Sepsis ausgelöst zu haben, kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz: eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs, eine Aufnahme dieses Bereichs mittels Computertomographie oder eine sogenannte Bronchoskopie. Letzteres beschreibt eine Lungenspiegelung, bei der über Mund oder Nase durch die Luftröhre des Patienten ein Endoskop bis hinein in die Hauptbronchien geführt wird. Ein Endoskop verfügt meist über einen Kamerachip sowie eine Lichtquelle am vorderen Ende. Es ist mit einem Monitor verbunden, auf dem dann die Aufnahmen des Endoskops in Echtzeit sichtbar werden. Die Bronchoskopie ermöglicht es dem untersuchenden Arzt also letztlich, die Lunge von innen zu betrachten. Außerdem können über das Endoskop Flüssigkeiten eingespritzt oder abgesaugt werden. Mithilfe kleiner Bürsten oder Zangen kann man sogar Gewebeproben entnehmen (sog. ‚Biopsie‘), um diese im Anschluss dann im Labor untersuchen zu können. Mit manchen Geräten kann man sogar eine Ultraschalluntersuchung der Lunge durchführen.

Vermutet der Arzt allerdings, dass die Infektion ihren Anfang im Verdauungstrakt genommen hat, wird er ein Ultraschall des Bauchraums (sog. ‚Abdomensonographie‘) veranlassen. Dabei handelt es sich um eine Basisuntersuchung, die bei jeder Sepsis durchgeführt wird. Gegebenenfalls wird er auch noch eine computertomographische Untersuchung des Bauchraums durchführen lassen.

Bei Verdacht auf eine Infektion im Urogenitaltrakt wird auch eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Damit lassen sich bspw. Rückschlüsse auf einen möglicherweise vorliegenden Harnstau sammeln. Außerdem wird der Urin hinsichtlich seiner Beschaffenheit (Farbe, Transparenz) und seiner Zusammensetzung im Labor untersucht. Wenn Patienten einen Katheter liegen haben, wird auch dieser untersucht.

Die weitere Suche betrifft Herz, Nervensystem, Haut und andere

Um eine Infektion am Herzen nachweisen zu können, wird eine sog. transösophageale Echokardiographie durchgeführt. Dabei wird ein Endoskop über die Speiseröhre eingeführt, das über einen Ultraschallkopf verfügt und so entsprechende Aufnahmen ermöglicht. Dadurch können Herzstrukturen beurteilt werden. Möglich sind in diesem Zusammenhang auch eine Computertomographie (kurz: CT) bzw. eine Magnetresonanztomographie (kurz: MRT) des Schädels. Dies hat den Grund, dass eine Endokarditis (entzündete Herzwandinnenschicht) eine sog. septische Embolie verursachen kann, bei der infizierte Partikel verschleppt werden und sich in Blutgefäße ausbreiten. Natürlich wird der Arzt auch auf andere Zeichen der Endokarditis achten. Dazu zählen u. a. Leistungsabfall, Fieber, Blässe, Herzrasen oder Herzinsuffizienz.

Auch eine Untersuchung des zentralen Nervensystems erfordert die bildgebenden Verfahren CT und MRT. Darüber hinaus kommt hier aber auch der Entnahme des weiter oben genannten Liquors besondere Bedeutung zu, der sowohl das Hirn als auch das Rückenmark umschließt. Mithilfe dieser Untersuchungen forscht man bspw. nach einer Hirnhautentzündung (sog. ‚Meningitis‘) oder einem Hirnabszess.

Bei Verdacht auf eine Infektion im Bereich von Hals, Nasen und Ohren werden ebenso ein CT oder ein MRT des Schädels angefertigt, allerdings werden dann insbesondere auch die Nasennebenhöhlen untersucht.

Verfügen Patienten über sichtbare Rötungen oder ähnliches auf der Haut, wird der Arzt den Körper detailliert inspizieren, was auch behaarte Körperpartien einschließt. Auf diese Weise beurteilt er dann bspw. infizierte Wunden, Erysipeln oder Abszesse.

Zu guter Letzt muss natürlich noch etwaiges Fremdmaterial untersucht werden. Dazu gehören bspw. verschiedene Katheter, auch ein zentraler Venenkatheter. Die jeweiligen Stellen, an denen dieses Fremdmaterial bspw. implantiert wurde, werden ebenso wie Einstichstellen einer Sichtinspektion unterzogen. Ebenso werden diese mikrobiologisch untersucht. Im Zweifelsfall können derlei Materialien sogar großzügig ersetzt werden. Dann ist dem Vorgang entsprechend von einem „Plastikwechsel“ die Rede.

Untersuchung von Laborparametern

Im dritten Schritt ist es wichtig, Werte Betroffener zu überprüfen. Allen voran spielt hier der Wert für Laktat eine wichtige Rolle. Dieser gilt als Marker für das Vorliegen einer Organdysfunktion bei Sepsis. Überschreitet dieser Wert das 1,5-Fache der Norm, kann man ein Organversagen feststellen.

Darüber hinaus wird sicher ein kleines Blutbild erstellt. Mithilfe dessen kann bestimmt werden, ob eine Blutarmut (sog. ‚Anämie‘) vorliegt, ob die Werte für weiße Blutkörperchen nach oben oder unten zu stark abweichen und ob ein Mangel an Blutplättchen (sog. ‚Thrombozyten‘) besteht.

Besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch das Prohormon Procalcitonin. Sind die Werte für dieses erhöht, ist dies ein Hinweis auf eine bakterielle Infektion. Im Rahmen heutiger Standards gilt Procalcitonin als spezifischster Marker für eine bakteriell verursachte Sepsis. Denn anders als bspw. das C-reaktive Protein (kurz: CRP), das bei Sepsis auch untersucht wird, steigt Procalcitonin fast ausschließlich bei bakteriellen Infektionen an und ermöglicht es überdies, die Schwere der Infektion zu beurteilen.

Bei einer Sepsis werden im Labor noch viele weitere sog. Sepsismarker bzw. Sepsis-Parameter untersucht. Eine Auflistung dieser würde hier allerdings den Rahmen sprengen.

Exkurs: Blut und seine Aufgaben
Unser „Saft des Lebens“ durchströmt unseren ganzen Körper und erfüllt verschiedene essenzielle Aufgaben in unserem Organismus. Das Blut bildet allen voran den wichtigsten Transport- und Kommunikationsweg unseres Körpers, nimmt aber auch eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr, der Blutgerinnung und der Regulation unseres Säure-Basen-Haushalts ein. Je nachdem, wie unser Blut zusammengesetzt ist, lassen sich Rückschlüsse auf unseren Gesundheitszustand ziehen. Eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit sowie die Konzentration spezieller Enzyme weisen bspw. auf eine im Körper vorliegende Entzündung hin.

Aber das Blut ist noch um einiges vielseitiger. Möchten Sie wissen, wie genau es zusammengesetzt ist, welche Aufgaben die einzelnen Blutkörperchen haben und warum Sie zur Blutentnahme stets nüchtern erscheinen sollen? Dann empfehlen wir die Lektüre unseres Artikels „Blut – Aufgaben & Funktion von Blut“.

Dr. Tobias Weigl hat sich mit dem Thema Blut auch in einem Video-Beitrag beschäftigt. Er erklärt darin im Detail die Aufgaben der einzelnen Blutbestandteile, die vom Transport über die Blutgerinnung bis hin zur Immunabwehr reichen.

Fakten-Box

Sepsis/Blutvergiftung

  • im Jahr 2007 kam es deutschlandweit zu 200.535 Fällen, 2013 waren es schon 279.530 Fälle
  • Sterblichkeitsrate liegt bei 24,3 Prozent
  • Zahlen höher als bisher angenommen und weiter steigend
  • Risikogruppen

    • Menschen, die eine Chemotherapie machen
    • Menschen, die eine immunsupprimierte Therapie machen
    • ältere, geschwächte Menschen
    • Diabetiker
    • Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen
    • Alkohol– oder Drogenabhängige

    Mögliche Symptome

    • verschlechterter Allgemeinzustand
    • veränderter mentaler Status
    • verschlechterte Reaktionsfähigkeit
    • erniedrigter Blutdruck
    • erhöhte Atemfrequenz
    • Fieber
    • Schüttelfrost
    • Ödembildung
    • Zentralisation (erst warme, dann kalte Finger, Zehen, Nase, Ohren)
    • Kaltschweißigkeit
    • Septischer Schock (Blutdruckabfall, Herzrasen, kalter Schweiß, blau-blasse Haut, Durstgefühl, erhöhte Atemfrequenz, geringe Harnausscheidung)

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Bei einer Sepsis ist schnelles Handeln für den optimalen Behandlungserfolg sehr wichtig. Das heißt, dass die Therapie innerhalb der ersten Stunden erfolgen muss. Viele medizinische Einrichtungen verfügen in diesem Zusammenhang über ein sog. „Sepsis Bundle“. Damit werden gebündelte therapeutische Maßnahmen bezeichnet, die koordiniert eingeleitet werden müssen (inklusive Zeitvorgaben und therapeutischer Ziele). Das Bundle sieht eine wiederholte Messung des oben erwähnten Laktat-Werts vor. Außerdem muss, noch vor der antibiotischen Therapie, eine Blutkultur angelegt werden. Im Anschluss erfolgt eine sog. kalkulierte Antibiotikatherapie. Dabei handelt es sich um eine sozusagen ungezielte Antibiotikabehandlung, bei der man das Erregerspektrum einschätzt und entsprechend Antibiotika verabreicht. Diesen Schritt unternimmt man, um so schnell es geht gegen mögliche, noch unbekannte, Erreger vorgehen zu können. Man handelt nach dem Motto „hit hard and early“. Gleichzeitig werden dabei der mögliche Nutzen und die möglichen Nebenwirkungen gegeneinander abgewogen. Nach der Gabe von Antibiotika werden entsprechend elektrolythaltige Infusionen bzw. Flüssigkeit gegeben. Liegt dann ein bestimmter Wert (der sog. MAP) noch unterhalb einer gewünschten Zahl, werden sog.Katecholamine gegeben. Dabei handelt es sich grob um Neurotransmitter, die der Aufrechterhaltung unseres Kreislaufs dienen.

Sind diese Schritte erfolgt, wird vor allem weiterhin antibiotisch behandelt. Je nach Zustand des Patienten kann die antibiotische Therapie bis zu 10 Tage andauern. In der Regel wird alle zwei bis drei Tage die antibiotische Therapie neu bewertet. Das heißt, dass man anhand der Laboruntersuchungen schaut, ob man den exakten Erreger der Sepsis ausmachen kann und diesen dann entsprechend mit einem „passenderen“ Antibiotikum behandelt. Wenn keine Infektion nachgewiesen werden kann, wird die antibiotische Behandlung beendet.

Gut zu wissen!
Die Wahl des verwendeten Antibiotikums richtet sich nach dem vermuteten Ort der Infektionsentstehung und fällt entsprechend unterschiedlich aus. Kann man diesen Fokus, also den Herd, nicht ausmachen, kommen vor allem Penicilline, Cephalosporine und Carbapeneme zum Einsatz.

Herdsanierung

Wichtig ist auch, dass frühzeitig der Infektionsherd behandelt wird. Dies umfasst u. a. Maßnahmen wie die Entfernung von Gefäßzugängen, wenn diese für die Sepsis verantwortlich sind. Außerdem können Abszesse gezielt punktiert werden, Wunden geöffnet und abgestorbenes Gewebe entfernt werden. Wenn nötig werden auch Amputationen durchgeführt, infizierte Implantate entfernt oder die Bauchhöhle operativ geöffnet – je nach Stelle, an der die Sepsis ihren Anfang nahm.

Kreislaufstabilisation – durch Volumensubstitution und Medikamente

Bei einer Sepsis möchte man auch im weiteren Verlauf bestimmte Zielparameter auf einen gewünschten Wert bringen und so für Kreislaufstabilität sorgen. Zu diesen Parametern gehören:

  • Zentraler Venendruck
  • Arterieller Mitteldruck
  • Laktat
  • Zentralvenöse Sauerstoffsättigung
  • Harnausscheidung (sog. ‚Diurese‘)

Um in diesen Bereichen auf die gewünschten Werte zu kommen, erfolgen die Gabe von Flüssigkeit (sog. ‚Volumentherapie‘) und ggf. auch eine Behandlung mit weiteren Substanzen, die der Kreislaufstabilisation dienen sollen.

Gut zu wissen!
Ein Volumenmangel (sog. ‚Hypovolämie‘) beschreibt zunächst einmal ein Flüssigkeitsdefizit des Körpers. Bei einer Sepsis herrscht im Körper sowohl ein relativer als auch ein absoluter Volumenmangel. Aber was bedeutet das? Ein relativer Volumenmangel beschreibt den Umstand, dass auch ohne sichtbare bzw. unsichtbare Blutverluste Flüssigkeit in den Zwischenraum zwischen den Organen (sog. ‚Interstitium‘) gelangen kann. Oft ist dafür eine Störung des Endothels ursächlich. Das Endothel ist die Schicht, die das Innere von Blutgefäßen auskleidet und als Barriere zum Gewebe dient. Häufig ist diese Barriere bei Entzündungsvorgängen (bspw. bei einer Sepsis) beschädigt. Ein absoluter Volumenmangel hingegen beschreibt sowohl sichtbare als auch unsichtbare Blutverluste, meist infolge eines Traumas, also einer Gewalteinwirkung von außen.

Bei einer Sepsis kommt es zur Gefäßweitung und zu Kapillargefäß-Lecks, also Lecks in den haarfeinen Verästelungen von Hohlgefäßen, meist sind damit die Blutkapillaren gemeint. Es kommt zu sowohl einem relativen als auch absoluten Volumenmangel. Ausgeglichen wird dieser durch die Gabe sog. kristalloider Lösungen, vielleicht besser bekannt als Elektrolytlösungen. Die Gabe dieser Lösungen erfolgt dann weiterhin in einem kontrollierten Rahmen und unter Überwachung der angeführten Parameter.

Wenn diese Volumengabe nicht ausreicht, um den Kreislauf zu stabilisieren, wird in der Regel Noradrenalin verabreicht. Dieser sogenannte Vasopressor bewirkt eine Gefäßverengung (sog. ‚Vasokonstriktion‘), erhöht auf diese Weise den Blutdruck und trägt so zur Stabilisierung des Kreislaufs bei. Weitere Substanzen, die möglicherweise verabreicht werden, sind Vasopressin, Dobutamin und Levosimendan.

Weitere Behandlungsmaßnahmen

Je nach Zustand des Patienten kann es notwendig sein, eine Transfusion mit einem Erythrozytenkonzentrat zu geben. Bei einer Transfusion werden gespendete Blutbestandteile, in diesem Fall rote Blutkörperchen, gegeben. Allerdings muss diese Transfusion nur dann erfolgen, wenn der Hämoglobinwert eine bestimmte Grenze unterschreitet.

Die weiteren therapeutischen Schritte richten sich nach den Beschwerden des Patienten. So kann eine Sauerstoffgabe über eine Nasensonde oder eine Maske bspw. dann erforderlich werden, wenn die Sauerstoffsättigung Betroffener zu niedrig ausfällt. Möglich ist in diesem Zusammenhang dann auch eine Beatmungstherapie.

Weitere Maßnahmen sind:

  • Regulierung des Blutzuckers (auch bei Nicht-Diabetikern)
  • Thromboseprophylaxe
  • vorbeugende Maßnahmen, um Schleimhautschäden von Magen oder Zwölffingerdarm zu vermeiden (sog. ‚Stressulkusprophylaxe‘), z. B. die Gabe bestimmter Medikamente wie Ranitidin oder Pantoprazol
  • vorsichtig an die Ernährung heranführen
  • diverse Nierenersatzverfahren (bspw. Dialyse)

In der Wissenschaft werden derzeit noch einige Substanzen diskutiert, die bei Sepsis zum Einsatz kommen können. Dazu zählen bspw. Glucocorticoide, Immunglobuline oder Bikarbonatsubstitute. Da diese aber in den aktuellen Leitlinien nicht empfohlen werden und teils sogar umstritten sind, sollen sie an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Aktuelle Forschung

Die aktuelle Forschung befasst sich unter anderem mit dem Ansatz, künstliche Intelligenz zu entwickeln, die Therapieentscheidungen bei Sepsis verbessern können. Ein Team um Matthieu Komorowski vom Department of Surgery and Cancer am Imperial College London hat in einer Studie herausfinden können, dass die künstliche Intelligenz „AI Clinician“ öfter richtige Entscheidungen traf als ihre menschlichen Kollegen. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in Nature Medicine.

Bei der Behandlung einer Sepsis müssen, wie oben ausgeführt, vor allem die Infusion von Flüssigkeit sowie die Gabe sog. Vasopressoren erfolgen, um den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können. Aber wann gibt man wie viel? Das liegt bis heute im Ermessen des zuständigen Mediziners, der sich auf seine Erfahrung verlassen muss. In einer durchschnittlichen Laufbahn eines Intensivmediziners ist dieser mit etwa 15.000 von Sepsis betroffenen Patienten konfrontiert. Anhand dieser Fälle kann er seine Erfahrungen machen, eine Art „Fingerspitzengefühl“ erwerben. Dann besteht aber noch immer die Gefahr einer unvollständigen Erinnerung an einzelne Fälle.

Die in der Studie getestete künstliche Intelligenz, der sogenannte „AI Clinician“, ist hingegen dazu in der Lage, sich an die Daten von 100.000 Patienten „zu erinnern“ –und zwar gleichermaßen. Um dies leisten zu können, wurde der „AI Clinician“ mit daten für Intensivpatienten versorgt, an denen er dann lernen konnte, welche Entscheidung von Klinikern ein Überleben des Sepsis-Patienten bedingt haben könnten und welche Entscheidungen eher falsch waren. Insgesamt hatte die künstliche Intelligenz dabei Zugriff auf 48 Variablen, darunter u. a. alle relevanten Laborwerte, die zugeführte Flüssigkeitsmenge sowie der Zeitpunkt, zu dem letztlich Vasopressoren gegeben wurden.

Gelerntes anwenden

Das gewonnene Wissen konnte der „AI Clinician“ dann an einem zweiten Datensatz bereits behandelter Patienten anwenden. Die Forscher ließen die künstliche Intelligenz in allen Fällen über die Therapie entscheiden. Stimmte der AI Clinician mit den Entscheidungen der Ärzte überein, überlebten Patienten häufiger als wenn er von der Ärztemeinung abwich. Oftmals empfahl der „AI Clinician“ eine geringere Flüssigkeitsgabe und eine frühere Vasopressoren-Gabe.

Da es sich hierbei „nur“ um eine retrospektive Studie handelt, kann der Nutzen des „AI Clinician“ letztlich nicht belegt werden. In weiteren Studien müsste man in Echtzeit im klinischen Alltag untersuchen können, wie sich die Behandlungserfolge auf Intensivstationen mit und ohne „AI Clinician“ gestalten. Eine Kommerzialisierung der Software ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Quelle: Matthieu Komorowski u. a. (2018): The Artificial Intelligence Clinician learns optimal treatment strategies for sepsis in intensive care. In: Nature Medicine 24, S. 1716–1720.

Häufige Patientenfragen

Ich habe gehört, es gibt einen Welt-Sepsis-Tag. Wann ist der und wozu ist er gut?

Dr. T. Weigl:
Der Welt-Sepsis-Tag findet jährlich am 13. September statt. Die Idee zum Tag hatte die Deutsche Sepsisgellschaft e. V., unterstützt von der Deutschen Sepsis-Gesellschaft. Letztlich international ins Leben gerufen wurde der Tag dann von der Global Sepsis Alliance. Der Tag soll vor allem dazu dienen, auf Probleme der Sepsis in den Bereichen Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation hinzuweisen. Alle Mitgliederorganisationen verschreiben sich u. a. den Zielen, das Thema Sepsis mehr in die Öffentlichkeit und die Wissenschaft zu tragen, Entscheidungsträger sowie Interessengruppen im jeweiligen Gesundheitssystem zu mobilisieren und auch Überlebende sowie Hinterbliebene in ihre Arbeit miteinzubeziehen.

Sepsis ist also eine ziemlich häufige Todesursache – kann denn einfach jeder so daran erkranken?

Dr. T. Weigl:
Ja, niemand ist gänzlich davor gefeit. Aber das Risiko ist in der Regel relativ gering. Es gibt aber natürlich – wie bei vielen anderen Erkrankungen auch – Risikogruppen, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung deutlich erhöht ist. Dazu zählen vor allem sehr junge Kinder und sehr alte Menschen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Menschen mit schweren Verletzungen, Menschen mit Kathetern, Drainagen o. Ä. sowie Alkohol- und Drogenabhängige.

Warum sind gerade Verbrennungsopfer so sepsisgefährdet?

Das hängt damit zusammen, dass unsere Haut, die allem voran eine Schutzfunktion einnimmt, bei Verbrennungen teilweise großflächig beschädigt wird. Dieser Umstand erleichtert es Erregern, in tiefere Gewebsschichten einzudringen und so ihren Weg in Gefäßwände und den Kreislauf zu finden. Außerdem leiden von Verbrennung Betroffene an einem stark geschwächten Immunsystem, was den Erregern den Eintritt nur weiter erleichtert.

Sebastian liegt jetzt auf der Intensivstation und wird streng überwacht. Scheinbar hat sich seine Lungenentzündung – die er eigentlich für Schnee von gestern gehalten hatte – verselbstständigt und in seinem Körper weiter ausgebreitet. Das hat zu dem geführt, was die Ärzte ihm später als Sepsis erklärt haben, wenn man so will eine Blutvergiftung. Die nächsten Tage muss Sebastian regelmäßig untersucht werden, aber man hat ihm gesagt, er sei soweit stabil und er bekommt ein sogenanntes Breitband-Antibiotikum. Wenn man mehr über den Erreger weiß, kriegt er dann ein Medikament, das speziell auf diesen Erreger zugeschnitten ist. Während er so im Bett liegt und über seinen Zustand sinniert, muss er an die Croissants vom besagten Morgen denken und ist leicht verstimmt, da er hier erstmal nichts zu essen bekommen wird. Und wenn doch, dann wahrscheinlich nur dieses „Krankenhausessen“…

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Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

 
Autoren: Dr. Tobias Weigl und Tobias Möller
Redaktion: Andrea Lorenz
Veröffentlicht: 10.03.2019

Quellen

  • Dorit Abiry (2017): Sepsis (Blutvergiftung). In: deximed.de.
  • Torben Brückner (2018): Sepsis: Wie erkennen, wie behandeln? In: thieme.de.
  • Deutsche Sepsis-Gesellschaft e. V.: Welt-Sepsis-Tag. In: sepsis-gesellschaft.de.
  • Carolin Fleischmann u. a. (2016): Fallzahlen und Sterblichkeitsraten von Sepsis-Patienten im Krankenhaus – Analyse der deutschlandweiten fallpauschalbezogenen Krankenhausstatistik von 2007 bis 2013. In: Dtsch Arztebl Int 2016; 113(10): S. 159–66.
  • Anno Fricke (2018): Sepsis – „Häufigste vermeidbare Todesursache im Land“. In: aerztezeitung.de.
  • Wolfgang Hartig u. a. (2003): Ernährungs- und Infusionstherapie: Standards für Klinik, Intensivstation und Ambulanz. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Gerd Herold et al. (2012): Innere Medizin. Eigenverlag
  • Klinisches Wörterbuch Pschyrembel Online.
  • Matthieu Komorowski u. a. (2018): The Artificial Intelligence Clinician learns optimal treatment strategies for sepsis in intensive care. In: Nature Medicine 24, S. 1716–1720.
  • Andrew Rhodes u. a. (2017): Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2016. In: Critical Care Medicine 45/3, S. 486–552.
  • Sebastian Weis u. a. (2017): Sepsis 2017: Eine neue Definition führt zu neuen Konzepten. In: Dtsch Arztebl 2017; 114(29–30): A-1424 / B-1196 / C-1170.
[Gesamt:3    Durchschnitt: 5/5]

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