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Blasenschwäche/Harninkontinenz

Es gibt Themen, die enttabuisiert werden müssen. Dazu gehört zum Beispiel die Harninkontinenz, die allein in Deutschland Millionen von Menschen betrifft.
— Dr. Tobias Weigl

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Der Begriff Harninkontinenz beschreibt die unkontrollierte Abgabe von Urin, was für Betroffene sehr unangenehm sein kann. Dabei leiden nicht nur ältere Menschen an einer Blasenschwäche, sondern auch Frauen und Männer im besten Alter. Die Behandlung der Harninkontinenz muss kausal erfolgen, da es viele Formen der Harninkontinenz gibt, die unterschiedlich behandelt werden müssen. In vielen Fällen verspricht eine Therapie Besserung, teilweise kann die Inkontinenz sogar gänzlich verschwinden.

 

 

„Schon wieder ein paar Tropfen in der Hose“, ärgert sich Marianne, nachdem sie die Einkäufe die Treppe raufgetragen und auf dem Küchentisch abgestellt hat. „Wie kann das sein? Ich hab nicht einmal meine Wechseljahre erreicht und kann schon jetzt über die Anschaffung von Erwachsenenwindeln nachdenken?“ Verärgert schmeißt sie die Autoschlüssel auf den Tisch, greift zum Telefon und ruft sowohl leicht erzürnt als auch verschämt bei ihrer Gynäkologin an. Am Telefon sagt man ihr, es handele sich dabei um ein Phänomen, das sehr viele Frauen ihres Alters betreffe und das eventuell behoben werden kann. „Die Hoffnung stirbt zuletzt, nicht wahr?“, sagt sich Marianne und vereinbart einen Termin für eine Untersuchung.

 

Was ist Harninkontinenz?

Denn Marianne könnte an einer Form der Harninkontinenz leiden. Als solche bezeichnet man die mangelnde oder gar völlig fehlende Fähigkeit des eigenen Körpers, Urin in der Blase sicher zu speichern und selbst zu bestimmen, wann dieser ausgeschieden wird. Folglich kommt es zu unkontrollierten Ausscheidungen von Urin.
Der Harninkontinenz, bei der es sich um ein häufiges Symptom handelt, können diverse Erkrankungen zugrunde liegen, die das unkontrollierte Wasserlassen verursachen. Dahingehend werden die im Folgenden genannten Formen der Harninkontinenz unterschieden.

Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz)

Bei der Belastungsinkontinenz handelt es sich um die am weitesten verbreitete Blasenschwäche bei Frauen und um eine Form der Harninkontinenz, bei der unter körperlicher Belastung kleine Mengen von Urin unfreiwillig abgegeben werden. Im Normalzustand verschließt der Körper automatisch die Blasenmuskulatur, wenn sich bspw. durch Husten, Lachen, Niesen oder das Tragen schwerer Gegenstände der Innendruck im Bauchraum erhöht. Herrscht eine Belastungsinkontinenz, so ist der Körper dazu nicht mehr in der Lage. Verursacht wird diese Form meist durch eine verlagerte Blase, z. B. infolge einer Schwangerschaft oder durch Fettleibigkeit. Auch eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur kann hier ursächlich sein.

Dranginkontinenz

Von einer Dranginkontinenz spricht man, wenn ein Patient über ständigen Harndrang klagt, obwohl die Blase nicht völlig gefüllt ist. Dieser starke Entleerungsdrang geht oft mit einem unkontrollierten Harnverlust einher, da der Drang als so stark empfunden wird, dass die nächste Toilette nicht mehr erreicht werden kann. Als Ursachen hierfür zu nennen sind eine abgebaute Muskulatur, Erkrankungen und Entzündungen des Blasenapparates, eine Störung von Reizwahrnehmung und -weiterleitung sowie ein geschwächtes Bindegewebe infolge der natürlichen Alterung oder neurologischer Probleme. Eine Dranginkontinenz kann eine Begleiterscheinung bereits vorliegender Erkrankungen wie Diabetes sein. Auch neurologische Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung zählen nicht selten zu den Ursachen.

Mischinkontinenz

Der Name dieser Form der Harninkontinenz verrät: Hier treten die bereits genannten Harninkontinenzformen miteinander vermischt auf. Betroffene verlieren also bei körperlicher Belastung Urin und haben gleichzeitig einen ständigen Harndrang. Als Ursache sei hier vor allem eine Umstellung des Hormonhaushalts zu nennen.

Überlaufinkontinenz infolge chronischer Harnretention

Hierbei handelt es sich um eine Form der Harninkontinenz, bei der sich – verursacht durch eine Fehlfunktion der Blasenmuskulatur, eine Ablaufbehinderung der Harnröhre oder eine zu schwache Harnröhre – eine zu große Menge Harn in der Blase ansammelt, wodurch es zu einem „Überlaufen“ kommt und der in der Blase verbliebene Rest-Urin ganz oder teilweise abgegeben wird. Die hier genannte Muskelschwächung kann die Folge eines Diabetes sein. Mögliche Blockaden der Harnröhre sind Tumoren oder Harnsteine. Auch eine Prostata-Vergrößerung bei Männern gilt als häufige Ursache einer Abflussbehinderung.

Extraurethrale Inkontinenz

Hierbei kommt es zu ständigem „Herauströpfeln“ von Harn durch fehlangelegte oder fehlgebildete Gänge im Körper (sog. ‚Fisteln‘), die den Urin anstelle der Harnröhre ableiten. Kinder sind meist betroffen, wenn sich ihre Harnleiter fehlbilden oder diese fehlangelegt werden. Erwachsene sind in diesem Zusammenhang meist von sogenannten Urinfisteln betroffen, die sich z. B. zwischen Blase und Scheide bilden. Diese Form der Harninkontinenz sollte ob ihres entzündlichen Charakters so schnell wie möglich von einem Arzt abgeklärt werden.

Harninkontinenz infolge einer Beckenbodenschwäche

Diese Form der Harninkontinenz betrifft vor allem Frauen. Denn durch zunehmendes Alter und in der Folge nachlassende Elastizität des Gewebes kann der Beckenboden absinken. Dann kommt es bei Überbelastungen oder durch Übergewicht dazu, dass sich die Öffnungen der Beckenbodenmuskulatur aufdehnen, wodurch Organe aus der natürlichen Körperöffnung heraustreten können. Dies kann das sensible Verschlusssystem der Blase stören.

Reflexinkontinenz

Bei dieser Form der Harninkontinenz kommt es dazu, dass sowohl die Blasen- als auch die Schließmuskelfunktion infolge einer Hirnstörung oder Verletzung des Rückenmarks nicht mehr eigenständig kontrolliert werden können. Ursachen sind häufig Unfälle, neurologische Erkrankungen sowie Demenz oder Alzheimer. Die Nervenbahnen, die im Normalfall Signale zur Steuerung der Blase an das Gehirn weiterleiten, sind hierbei unterbrochen, was ein reflexartiges „Sichzusammenziehen“ (sog. ‚Kontraktion‘) zur Folge hat, das wiederum einen ungewollten Urinabgang verursacht.

Enuresis

Enuresis ist die medizinische Bezeichnung für das eher gebräuchliche „Bettnässen“ und bezieht sich vorwiegend auf Kinder ab dem 5. Lebensjahr, die mindestens zwei Mal im Monat nachts „ins Bett machen“. Dabei liegen tagsüber keine Symptome vor und auch etwaige Infekte sind nicht zu finden. Die Ursachen sind bisher nicht in Gänze ergründet. Es ist aber wahrscheinlich, dass sich die Entwicklung bzgl. der Blasenkontrolle sowie der Regulation der Urinproduktion verzögert. Außerdem könnten die Kinder falsche Trinkgewohnheiten haben, also im Verlauf des Tages zu wenig trinken, sodass die Blasenkapazität nicht hinsichtlich einer Vergrößerung stimuliert wird. Holen Kinder abends dann die mangelnde Flüssigkeitsaufnahme nach, kommt es aufgrund der überdurchschnittlichen Befüllung zum Einnässen. Auch psychische Ursachen oder Verhaltensstörungen können dahingehend eine entscheidende Rolle spielen.

Lach-Inkontinenz

Hierbei handelt es sich um eine Harninkontinenz, die – wie der Name schon sagt – vor allem beim Lachen zum Tragen kommt. Die Ursachen sind noch nicht komplett erforscht, man geht aber davon aus, dass die Entleerung der Blase beim Lachen auf Fehlfunktionen im Gehirn zurückzuführen ist. Vor dem Lachen nehmen Betroffene allerdings keinen Harndrang wahr. Es ist nicht unüblich, dass das Lachen dazu führt, dass sich die Blase vollständig entleert.
 

Videoexkurs: Vermehrter Harndrang bei Diabetes Insipidus

Durch eine Diabetes Insipidus-Erkrankung kann es zu einem erhöhten Harndrang kommen. Was genau Diabetes Insipidus ist, welche Formen es gibt und wie er behandelt wird erklärt Ihnen Dr. Tobias Weigl im folgenden Video.

 

 

Wenn sie von Harninkontinenz betroffen sind: An welcher Form leiden Sie? (Mehrfachnennungen möglich)
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Wer ist am ehesten betroffen?

Deutschlandweit leiden etwa 5 Millionen Menschen an Harninkontinenz. Allgemein gesprochen sind Frauen etwa doppelt so häufig von Harninkontinenz betroffen wie Männer. Dies resultiert vor allem daraus, dass das weibliche Becken anatomisch und physiologisch auf die Fähigkeit, schwanger zu werden und zu gebären ausgelegt ist. So entsteht eine Doppelbelastung hinsichtlich einer möglichen Harninkontinenz, die durch Schwangerschaft und Entbindung noch verstärkt wird. Auch ein zunehmendes Alter begünstigt das Entstehen einer Harninkontinenz. Daraus ergibt sich, dass etwa 50 Prozent der Frauen und circa 25 Prozent der Männer ab einem Alter von 65 Jahren an einer Form der Harninkontinenz leiden.
Allerdings muss auch hier natürlich, ebenso wie bei den Ursachen, gemäß der Form der Harninkontinenz unterschieden werden. So leiden bspw. weitaus mehr Frauen als Männer an einer Belastungsinkontinenz, während Männer eher von einer Dranginkontinenz betroffen sind. Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz machen den Großteil der behandlungsbedürftigen Harninkontinenzen aus.

Risikofaktoren

Es existieren diverse Einflüsse, die das Entstehen einer Harninkontinenz begünstigen. Dazu zählen u. a.:

  • Schwangerschaft und Entbindung
  • Krankheiten (Diabetes, Morbus Parkinson u. v. m.) und Unfälle
  • Medizinische Eingriffe mit Inkontinenzrisiko (an bspw. Gebärmutter oder Prostata)
  • Bestimmte Arzneimittel (Diuretika, Antidepressiva, u. v. m.)
  • Psychosoziale Einflüsse (z. B. beruflicher Stress, häusliche Spannungen)
  • Schweres Heben (schädigt den Beckenboden)
  • Wenig körperliche Aktivität
  • Falsche Entleerungsgewohnheiten (starkes Pressen, zu häufiges oder zu seltenes Wasserlassen)
  • Übergewicht (dauerhaft erhöhter Druck auf den Beckenboden)
  • Rauchen (Raucherhusten)
  • Koffein
  • Zunehmendes Alter (Veränderungen am Blasenapparat, nachlassende Kontrolle des Harntraktes, Harnwegsinfektionen, erhöhte Medikation u. v. m.)

 

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Die Diagnose einer Harninkontinenz bedingt ein umfassendes allgemeines sowie gezieltes Anamnesegespräch und eine eingehende körperliche Untersuchung. Auch bildgebende Verfahren können zum Einsatz kommen.

Im Anamnesegespräch – also der Erhebung der Krankengeschichte – zwischen Arzt und Patient werden zunächst allgemeine Daten erhoben. Mit Bezug auf die Harninkontinenz wird sich der Arzt vor allem nach der Miktion (dem Harnlassen), dem Trinkverhalten und dem Stuhlgang erkundigen. Auch eingenommene Medikamente, Schwangerschaften, Geburten, vergangene Operationen oder Vorerkrankungen (bspw. Diabetes) werden erfragt. Patienten werden ggf. darum gebeten, einen Inkontinenzfragebogen auszufüllen oder ein Miktionstagebuch zu führen, in welchem sie schriftlich festhalten sollen, wann die Harninkontinenz auftritt, wie häufig sie unkontrolliert urinieren und wieviel Urin sie dabei abgeben sowie wieviel sie trinken. Oft wird in diesem Zusammenhang auch ein Miktions- und Trinkprotokoll geführt, in welchem gemessen an der Uhrzeit aufgeführt ist, welche Menge Flüssigkeit Patienten zu sich nehmen, wieviel Harn sie ausscheiden, wie stark ihr Harndrang ist, wieviel Urin sie unwillentlich verlieren und wie oft Vorlagen gewechselt werden. Ein solches Protokoll ist eine wichtige Hilfestellung für den Arzt, um die Harninkontinenz so objektiv und genau wie möglich beurteilen zu können.

Die anschließende körperliche Untersuchung umfasst dann eine Urinuntersuchung, bei der die Zusammensetzung des Urins untersucht wird, sowie eine Blutuntersuchung zur Bestimmung der Retentionsparameter, die Informationen über die Nierenfunktion geben.

Im Rahmen der bildgebenden Verfahren wird dann noch eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, mithilfe welcher möglicher Restharn in der Blase nach dem Wasserlassen bestimmt werden kann. Ebenso können eine Röntgenuntersuchung des Harntrakts sowie eine Harnröhren- bzw. Harnblasenspiegelung unternommen werden. Eine Blasenspiegelung (sog. ‚Zystoskopie‘) kann indes Aufschluss über das mögliche Vorliegen von Tumoren geben und mithilfe der sogenannten Urodynamik können der Harnblasendruck sowie der Harnröhrenverschlussdruck gemessen werden.
 

Videoexkurs: Häufiges Pinkeln bei Alkohol

Wieso muss man so oft auf die Toilette, wenn man Alkohol trinkt? Kann man etwas dagegen tun? Und welche Bedeutung hat die Farbe des Urins? Das erklärt ihnen Dr. Tobias Weigl im folgenden Video.

 

 

Faktenbox
Harninkontinenz/Blasenschwäche

Häufigkeit steigt mit dem Alter

Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer

Ab dem 65. Lebensjahr leiden 50 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer an einer Harninkontinenz

 

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Die Therapie der Harninkontinenz erfolgt immer gemäß der diagnostizierten Form der Harninkontinenz.

Belastungsinkontinenz

Eine Belastungsinkontinenz ist, wie bereits erwähnt, häufig das Ergebnis einer zu schwachen Beckenbodenmuskulatur. Daher eignen sich vor allem bestimmte Formen der Gymnastik, die zum Ziel die Stärkung ebendieser Muskulatur haben, zur Behandlung. Eine langfristige Anwendung des Trainings ist zu empfehlen, da Muskeln nur über einen längeren Zeitraum auf Dauer gestärkt werden können. Auch mittels Elektrostimulation lässt sich diese Form der Harninkontinenz behandeln. Dabei werden Reizströme verabreicht, welche die Blasenfunktion verbessern und den Beckenboden stabilisieren. Unterstützend kann auch der Einsatz von Östrogenen als Medikament wirken. Überdies ist eine Gewichtsreduktion ratsam, da sich Übergewicht negativ auf die Beckenbodenmuskulatur auswirkt.

Zu guter Letzt existieren noch einige operative Maßnahmen, mit denen Belastungsinkontinenz behandelt werden kann. Dazu zählt zum einen der Einsatz eines spannungsfreien Vaginal-Bandes. Dies wird um die Stelle gelegt, an der die Muskulatur der Harnröhre geschwächt bzw. gelockert ist. Auf diese Weise kann in 90 Prozent der Fälle eine Belastungsinkontinenz beseitigt werden. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, eine Beckenbodenabsenkung über eine Aufrichtung zu beheben. Herrscht komplette Harninkontinenz, so kann auch ein künstliches Schließmuskelsystem eingelegt werden.
 

Gut zu wissen!
Bekommen Patienten ein künstliches Schließmuskelsystem, so ist es ihnen möglich, das eigene Wasserlassen über einen Druckknopf im Hodensack zu steuern.

 

Dranginkontinenz

Die Dranginkontinenz wird vorwiegend medikamentös behandelt, und zwar mit sogenannten Anticholinergika. Diese schwächen den erhöhten Harndrang ab. Auch kann die Blase bewusst trainiert werden. Dabei wird eine gefüllte Blase für einen festgelegten Zeitraum ignoriert, sodass die Füllmenge bis zum nächsten Drang gesteigert werden kann. Auch Verzicht auf bestimmte harntreibende Getränke wie Kaffee, vereinzelte Tees oder Alkohol kann unterstützend wirken.

Mischinkontinenz

Da es sich hierbei um die Kombination aus Drang- sowie Belastungsinkontinenz handelt, kommen entsprechend die bereits genannten Therapien in Kombination zum Einsatz.

Überlaufinkontinenz

Bei dieser Form der Harninkontinenz erfolgt die Behandlung entsprechend der verursachenden Erkrankung. Da bei Männern häufig eine Prostatavergrößerung ursächlich ist, kann zunächst die Gabe von Medikamenten erfolgen. Es empfiehlt sich aber – da bei Überlaufinkontinenz auch die Nieren Schaden nehmen können – ein operativer Eingriff, um einen Harnröhrenverschluss zu beheben. Dazu kann bspw. Prostatagewebe abgetragen oder die Harnröhre geschlitzt werden. Eine entsprechende Behandlung erfolgt auch bei weiblichen Patienten.

Extraurethrale Inkontinenz

Bei der extraurethralen Inkontinenz besteht kein einheitliches Therapieverfahren. Vielmehr wird dieses auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Grundlegend muss eine Behandlung der Grunderkrankung erfolgen. Dann kann aber zunächst auch, wie bei der Dranginkontinenz, eine medikamentöse Behandlung mit Anticholinergika stattfinden, gut in Kombination mit einem Blasentraining. Überdies empfehlen sich eine Beckenbodengymnastik sowie eine Reizstromtherapie. Helfen die bis hierher angesprochenen Möglichkeiten nicht, so kann der Arzt die direkte Injektion von Botulinumtoxin-A, das die Harnblasenkontraktion hemmt, in Erwägung ziehen. Als letztes Mittel gilt auch hier eine Operation, bei welcher der natürliche Ausscheidungsweg wiederhergestellt wird.

Harninkontinenz infolge einer Beckenbodenschwäche

Auch hier verspricht eine entsprechende Gymnastik bzw. Beckenbodenschulung, angeleitet von einem Physiotherapeuten, Besserung. Auf diese Weise können grundlegende Funktionen des Beckenbodens wiederhergestellt werden. Da es bei einer Beckenbodenschwäche auch dazu kommen kann, dass Organe prolabieren, also austreten, ist des Öfteren auch eine Operation zur Behebung eines ebensolchen Prolaps notwendig.

Reflexinkontinenz

Bei dieser Form der Harninkontinenz steht die Behandlung mit Medikamenten im Vordergrund. Hinzu kommt der sogenannte intermittierende Selbstkatheterismus, der es Patienten ermöglicht, ihre Blase regelmäßig selbstständig über einen Katheter restharnfrei zu leeren. Dies dient vor allem dem Schutz der Nieren. In einigen Fällen muss auch ein suprapubischer Blasenkatheter gelegt werden. Darunter versteht man einen kontinuierlichen Blasenkatheter, der durch die Bauchdecke in die Blase eingebracht wird.

Enuresis

Bei der Behandlung kindlichen Einnässens ist vor allem Geduld gefordert. Kann man aber die Ursache für das nächtliche Bettnässen ermitteln, ist eine Behandlung durchaus erfolgversprechend. Vor allem die fortlaufende Kontrolle des Toilettenverhaltens sowie ein ausführliches Trink- und Miktionsprotokoll helfen bei der Behandlung weiter. Auch eine Änderung ebendieser Parameter sollte während der Behandlung im Rahmen einer sogenannten Urotherapie erfolgen.

Bestimmte Medikamente (Anticholinergika) können bei Kindern zur Abschwächung des Harndrangs beitragen und beinahe nebenwirkungsfrei eingesetzt werden. Überdies kann eine Hormontherapie mit Desmopressin erfolgen, welches besonders schnell wirkt und so auch in kritischen Situationen hilfreich sein kann. Bei Harnwegsinfekten empfiehlt sich die Gabe von Antibiotika.

Es existieren zudem Alarmsysteme wie Weckapparate oder Klingelhosen, die bei Einnässen auslösen. Auf diese Weise kann die Anzahl nasser Nächte deutlich reduziert werden. Zwar erfordert diese Methode sehr viel Durchhaltevermögen, sowohl seitens des Kindes als auch der Eltern. Allerdings erwies sie sich bislang auch als äußerst effektiv und nachhaltig.

Lach-Inkontinenz

Diese seltene Form der Harninkontinenz kann medikamentös behandelt werden, und zwar mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Dieser beruhigt zwar den Harnreflex, bringt aber auch einige Nebenwirkungen mit sich. Daher sollte einer Physiotherapie ggf. der Vorrang gegeben werden. Bei einem Training des Beckenbodens wird Teilnehmern beigebracht, beim Lachen bewusst die entsprechende Muskulatur anzuspannen und den Reiz, Urin abzugeben, zu unterbinden.
 

Gut zu wissen!
Die möglichen Nebenwirkungen des Wirkstoffs Methylphenidat sind zahlreich und umfassen u. a. Appetitmangel, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Weinerlichkeit, Dysphorie (auch Affektivität; Störung des emotionalen Erlebens), Schwindel sowie Puls- und Blutdruckerhöhungen.

 

Häufige Patientenfragen

Kann ich einer Harninkontinenz vorbeugen?

Dr. T. Weigl
Das können sie. Vor allem Frauen können präventiv ein Beckenbodentraining absolvieren. Außerdem können Sie Übergewicht sowie Rauchen und infolgedessen chronischen Husten vermeiden. Eine ballaststoffreiche Ernährung garantiert indes Stuhlgang, bei dem Sie nicht pressen müssen, was das Schließmuskelsystem entlastet. Auch eine sportliche Betätigung empfiehlt sich, allerdings sollten Sie, wenn möglich, schwere körperliche Arbeit vermeiden. Sie können indes auch ihre Blase trainieren, indem sie nicht zu schnell dem Harndrang nachgeben und gleichzeitig ausreichend trinken, um eine Reizung des Blasenmuskels zu reduzieren.

Wieso leiden immer mehr Menschen an Harninkontinenz?

Dr. T. Weigl
Dies hängt vor allem damit zusammen, dass auch immer mehr Menschen an chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Morbus Parkinson leiden. Außerdem werden die Menschen zunehmend älter und im Alter steigt die Häufigkeit bzw. Wahrscheinlichkeit von Harninkontinenz. Stand 2010 litten etwa 30 Prozent der über 80-Jährigen an einer Form der Harninkontinenz. Einzelne Symptome bestanden in dieser Gruppe sogar bei 75 Prozent.
 

Bei Marianne wurde, laut ihrer Gynäkologin für Frauen typisch, Belastungs- bzw. Stressinkontinenz diagnostiziert. Sie solle sich aber keine Sorgen machen, es gäbe eine Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten, die das unkontrollierte Ausscheiden von Urin eindämmen oder gar verhindern könnten. Ihr wurde dazu geraten, eine physiotherapeutische Gymnastik zur Stärkung ihres Beckenbodens zu unternehmen und überdies ein wenig abzunehmen. Die operativen Maßnahmen wurden erstmal hinten angestellt, trockene Unterwäsche kann man ja nicht nur durch einen chirurgischen Eingriff bekommen.

 

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Haben auch Sie Erfahrungen mit Harninkontinenz? Oder Fragen zum Thema? Wollen sie anderen Patienten dabei helfen, dieses „Tabu-Thema“ entspannter angehen zu können? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten, um von ihren Erfahrungen zu berichten und sich mit anderen auszutauschen!
 

Autoren: Tobias Möller und Dr. Tobias Weigl
Lektorat: Sebastian Mittelberg
 

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

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