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Schwindel – wenn sich alles dreht | Ursachen und Behandlung

Der Begriff Schwindel wird oft undifferenziert für verschiedenste Symptome verwendet. Es ist daher besonders wichtig zu klären, was genau Sie damit als Patient meinen.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

„Schwindel“ ist streng genommen keine Diagnose, sondern bezeichnet ein breites Spektrum an Symptomen. Sie können vielfältige Ursachen haben und oft bestimmte Begleiterscheinungen mit sich bringen: Benommenheit, Unsicherheit beim Gehen, das Gefühl, dass alles sich dreht, Sehstörungen oder Übelkeit. Der häufig kurzzeitig auftretende Drehschwindel ist meist harmlos, allerdings kann er auch zu chronischem Dauerschwindel führen oder auf lebensbedrohliche Erkrankungen hindeuten wie bspw. Herzrhythmusstörungen oder einen Schlaganfall. Schwindel in Kombination mit Bewusstseinsstörungen oder Lähmungserscheinungen sollten unbedingt ernst genommen und von einem Arzt untersucht werden!

Annegret erwacht an diesem Morgen wie immer schon recht früh. Sie streckt sich ausgiebig und springt sofort auf, um sich einen Kaffee zu kochen. Auf dem Weg in die Küche überkommt sie plötzlich ein Gefühl von Schwindel. Es scheint, als drehe sich alles um sie herum wie bei einer Karussellfahrt. Sie stützt sich mit der Hand an der Wand ab und tastet sich langsam vor. Sie verspürt eine leichte Übelkeit. In der Küche angekommen bemerkt sie, dass alles vor ihren Augen verschwimmt und wackelt.

In diesem Video erklärt Dr. T. Weigl alles Relevante zum Thema Schwindel. Er geht dabei darauf ein 1) wer von Schwindel betroffen ist, 2) wie Schwindel entsteht und 3) welche Ursachen es für Schwindel gibt sowie auf 4) Spezialfälle und 5) häufige Patientenfragen. Also schauen Sie sich gerne dieses Video ergänzend zu diesem Artikel an.

 

Wie es zu Schwindel kommt

Annegret aus unserem Beispiel scheint von einer akuten Drehschwindelattacke überrascht worden zu sein. Man spricht hier auch von Lagerungsschwindel, da er typischerweise durch eine Kopfbewegung bzw. Lageänderung des Kopfes ausgelöst wird. Das ist bspw. beim Zurückbiegen des Kopfes oder einer Verlagerung aus der liegenden in eine stehende Position beim morgendlichen Aufstehen der Fall.

Ausgelöst wird eine solche Schwindelattacke möglicherweise durch Ohrsteinchen, die sich im Innenohr ablagern. Ist der Schwindel bewegungsabhängig, so kann der Grund dafür eine bilaterale Vestibulopathie sein – so bezeichnet man eine beidseitige Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans.

Die drei Säulen unseres Orientierungssystems

Allgemeiner gesprochen ist Schwindel das Resultat von Störungen unseres Orientierungssystems. Die drei Säulen unseres Orientierungssystems sind die Augen, die Ohren und Rezeptoren in den Beinen.

Mit den Augen nehmen wir unsere Umgebung wahr. Die visuellen Informationen und die Augenbewegungen spielen bei der Entstehung und der Beurteilung von Schwindel eine wichtige Rolle, als dass verwackeltes oder verschwommenes Sehen eines der häufigsten Symptome ist, die Patienten wahrnehmen und angeben.

Das Ohr oder genauer die Bogengänge (der sog. ‚Vestibularapparat‘) hinter dem Ohr sind unser Ortungsorgan und regulieren unser Gleichgewicht. Die Bogengänge sind mit Flüssigkeit gefüllt und besitzen zig Sinneszellen mit kleinen Härchen. Sinnesinformationen werden über Schwingungen über die Härchen weitergegeben. So werden Kopfbewegungen verarbeitet, wie etwa Drehungen, Neigungen zur Seite und so weiter.

Zuletzt seien noch die Rezeptoren genannt, die Informationen von den Muskeln und Gelenken weitergeben. Man spricht hier von Kinästhesiesinn oder auch Propriorezeption. Die Informationen über An- und Entspannung des Körpers, über Lage und Stellung bestimmter Gliedmaßen oder Gelenke sind für Schwindel ebenfalls von Bedeutung.
Alle drei dieser Säulen bzw. Systeme senden im Normalfall übereinstimmende Informationen, wenn ich aufstehe, den Kopf zur Seite neige o. ä. Für eine Orientierung im Raum ist das richtige Zusammenspiel der Systeme überaus wichtig. Ist eines der Systeme geschädigt und übermittelt von den anderen abweichende Informationen, entsteht Schwindel. Mögliche Ursachen für eine solche Störung sind u. a. Sehstörungen, Ausfall des Gleichgewichtsorgans, psychische Störungen oder aber auch eine gestörte Reizverarbeitung im Gehirn.

Altersbeschwerden als Auslöser für Schwindel

Bei älteren Menschen kommen neben Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans auch oft noch andere Alterserscheinungen als Auslöser in Frage. Kreislaufschwäche, Abnutzungserscheinungen der Wirbelsäule sowie Nerven- oder Sehstörungen tragen dazu bei, dass das Gleichgewicht und somit die allgemeine Bewegungssicherheit nachhaltig gestört werden und Schwindel herbeiführen. In diesem Falle spricht man auch von Altersschwindel.

Die Symptome: Wie äußert sich Schwindel?

Oft tritt ein Schwindelanfall ganz plötzlich auf – meistens ins Form von Lagerungs- bzw. Drehschwindel, der bei bestimmten Bewegungen auftritt. Manchmal dauert er wenige Momente, kann aber auch bis zu mehreren Stunden anhalten. Gelegentlich wird er von Übelkeit und Sehstörungen (verwackelt sehen) begleitet. Handelt es sich um Dauerschwindel, kann er ununterbrochen Tage oder Monate andauern.

Auffälliger sind die Symptome bei einem bewegungsabhängigen Drehschwindel, bei dem die Funktion des Gleichgewichtsorgans gestört ist. Davon betroffene Patienten klagen über eine allgemeine Unsicherheit, sie sehen unscharf. Das Gehen auf unebenem Untergrund oder im Dunkeln ist besonders schwierig. Für die Betroffenen wirkt es so, als würde sich die Umgebung bewegen oder gar drehen.

Hat ein Arzt bei Ihnen schon einmal Schwindel diagnostiziert? Welche dieser Symptome traten bei Ihnen auf? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Symptome besser einzuschätzen.
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Videoexkurs: Mehr Informationen zu Kopfschmerzen in diesem Video

Nicht selten geht auch Schwindel mit Kopfschmerzen oder Benommenheit einher. In diesem Video können Sie den Selbsttest machen und herausfinden, ob Sie unter Migräne, Spannungskopfschmerzen oder einer anderen Art von Kopfschmerzen leiden.

 

Wer ist von Schwindel betroffen?

Abhängig vom Auslöser des Schwindels sind viele Menschen im Laufe ihres Lebens schon mal von Schwindelattacken betroffen gewesen und sei es nur nach übermäßigem Alkoholkonsum oder wenn sie zu schnell aus dem Bett aufgestanden sind.
Es lässt sich allerdings feststellen, dass eine Vielzahl der Patienten, die häufig oder sogar ständig unter einem Schwindelgefühl leiden, mehr als 70 Jahre alt ist. Einerseits ist dies bedingt durch alterstypische Erkrankungen, andererseits aber auch durch Medikamente, die viele ältere Menschen einnehmen müssen. Diese führen nicht selten zu Nebenwirkungen wie Schwindel-Attacken.

Gibt es spezielle Fälle?

  • Vestibuläre Migräne, auch als Schwindelmigräne bekannt: Der Schwindel tritt hier meist mit der Aura auf, die einen Migräneanfall ankündigt.
  • Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs: Plötzliche Schwindelattacken treten gemeinsam mit Tinnitus und Schwerhörigkeit auf.
  • Über- oder Unterzuckerung bei Diabetikern: Schwindel und Benommenheit sind Anzeichen hierfür.
  • Phobischer Schwindel: Schwindel tritt in Situationen auf, die Ängste (Phobien) auslösen.

 

Gut zu wissen!
Für Sigmund Freud stellte der Schwindel schon seinerzeit eines der herausragendsten Symptome von Angstneurosen dar. Auch heute noch ist der Schwindel neben den Kopfschmerzen die zweithäufigste Begleiterscheinung bei psychischen Erkrankungen.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Da Schwindel ein sehr oft auftretendes Symptom ist, das viele mögliche Ursachen haben kann, sind ein umfassendes Gespräch (die sog. ‚Anamnese‘) und körperliche Untersuchung unumgänglich. Der Arzt sollte dabei die folgenden Punkte berücksichtigen und erfragen.
Die Anamnese:

  • Art des Schwindels
  • Beginn und Verlauf der Beschwerden
  • Mögliche Auslöser (z. B. Lageänderung, bestimmte Situationen, Traumata)
  • Dauer des Schwindels
  • Auftretende Begleitsymptome (z. B. Herzrasen, Übelkeit, Ohrgeräusche)
  • Vorliegen anderer Grunderkrankungen
  • Einnahme von Medikamenten

Körperliche Untersuchung:

  • Überprüfung von Herz und Kreislauf, Blutdruck, Temperatur, Atemfrequenz
  • Untersuchung von Augen und Ohren
  • Prüfung von Reflexen, Sensibilität und Koordination
  • Nystagmusprüfung (Augenzittern)

Fakten-Box: Schwindel

Frauen sind häufiger betroffen als Männer
ca. 50 % der Patienten sind über 70 Jahre alt
Schwindel ist genaugenommen keine Diagnose, sondern ein Symptom
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache des Schwindels
Symptome

  • plötzliches Auftreten bei raschen Bewegungen oder schnellem Aufstehen
  • Übelkeit
  • Sehstörungen
  • „alles dreht sich“

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Die Behandlung hängt stark davon ab, was den Schwindel auslöst. Steht fest, welche Erkrankung oder Störung für den Schwindel verantwortlich ist, kann man sie auch meist erfolgreich therapieren.

Daher soll an dieser Stelle lediglich auf Maßnahmen eingegangen werden, die ein Arzt ergreifen kann, um akut oder langfristig die Art von Schwindel zu behandeln, dessen Ursache nicht therapierbar oder heilbar ist. Die trifft unter anderem auf Altersschwindel zu. Für die symptomatische Behandlung von Schwindel oder auch Erbrechen kommen Antivertiginosa in Frage: Präparate, die eben jene Symptome lindern, aber nicht die Ursache. Daher empfiehlt sich gerade bei Altersschwindel auch eine Physio- und Ergotherapie. Mit ihrer Hilfe kann man Gang und Gleichgewicht trainieren und lernen, wie weitere Schwindelattacken durch angemessenes Verhalten vermieden werden können.

Häufige Patientenfragen

Welche Ursachen haben Schwindelbeschwerden?

Dr. T. Weigl:
Die Frage nach den Ursachen für Schwindel ist schwer allgemein zu beantworten. In den meisten Fällen löst ein Lagerungswechsel den Schwindel aus. Schwindel kann aber auch Symptom einer Angsterkrankung oder Phobie sein, einer Mittelohrentzündung oder sogar eines Schlaganfalls.

Wann sollte ich damit zum Arzt?

Dr. T. Weigl:
Tritt der Schwindel einmalig auf und vergeht wieder schnell, ist ein Arztbesuch nicht zwingend nötig. Leiden Sie häufiger unter Schwindelanfällen und treten Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Benommenheit oder Angstgefühle auf, ist eine weitere Abklärung durch einen Arzt ratsam.

Kann Schwindel auf eine ernsthafte Erkrankung hindeuten?

Dr. T. Weigl
Schwindel ist häufig harmlos, aber kann – wie bereits erwähnt – auch Anzeichen für etwas weitaus Ernsteres sein. Sie sollten auf jeden Fall zum Arzt gehen, wenn der Schwindel ohne erkennbaren Grund erneut auftritt, Sie von derartigen Attacken regelrecht überfallen werden. Sollten Sie häufig das Gefühl haben, dass ihre Umgebung sich bewegt, der Schwindel bei bestimmten Bewegungen (vor allem Kopfbewegungen) auftritt oder andere Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Ohrgeräusche oder Herzstolpern hinzukommen, sollte auch das mit einem Arzt abgeklärt werden.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn zu einer Drehschwindelattacke und Unsicherheit bei Gehen noch Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle, Seh- und Sprachstörungen kommen. Dies sind Warnzeichen für einen Schlaganfall. In einem solchen Notfall ist eine umgehende Untersuchung und Behandlung notwendig!

Annegret setzt sich sofort auf einen Küchenstuhl und atmet tief durch. Nach ein paar Minuten hört der Schwindel auf. Sie beschließt nicht nur, demnächst vielleicht etwas langsamer und behutsamer aufzustehen, sondern auch einen Termin mit ihrem Hausarzt zu vereinbaren. Solche Schwindelanfälle, die sie sich selbst nicht erklären kann, haben sie in den letzten Monaten schon häufiger überrascht.

Haben auch Sie Erfahrungen mit Schwindel? Haben Sie Fragen zum Thema? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten für den Austausch untereinander und mit uns!

Autor: Dr. Tobias Weigl, Katharina Mraz
Redaktion: Christine Pepersack
Veröffentlicht am: 08.05.2018, zuletzt aktualisiert: 15.10.2018
Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Quellen

  • Eberhard Biesinger und Heinrich Iro (Hg.) (2007): HNO Praxis heute. Band 27: Schwindel. Springer: Heidelberg.
  • Diana Dubrall u. a. (2018): Häufige Nebenwirkungen und als ursächlich verdächtigte Arzneimittelgruppen. Deskriptive Analyse der Spontanberichte in der Nebenwirkungsdatenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) von 1978 bis 2016. In: Deutsches Ärzteblatt International 115 (23).
  • Wolfgang Stoll, Eckhard Most und Martin Tegenthoff (2004): Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Thieme: Stuttgart, New York.
[Gesamt:1    Durchschnitt: 5/5]

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