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Nesselsucht/Urtikaria – Juckende Hautrötungen und Schwellungen erkennen und behandeln

Auch wenn Nesselsucht meist einfach zu diagnostizieren ist, ist die genaue Einstufung der Untertypen schwieriger. Daher ist ein frühzeitiges Erkennen häufig wichtig für den Patienten und den Arzt.
— Dr. Tobias Weigl


Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

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Die Urtikaria, auch als Nesselsucht bekannt, ist meist eine Gruppe von Krankheitsbildern, die sich sehr stark durch Hautsymptome bemerkbar machen. Eine Urtikaria ist das Auftreten flüchtiger, mit Hautrötung einhergehender (sog. ‚erythematöser‘) Schwellungen, die häufig jucken oder auch mit einem Brenngefühl einhergehen. Die Nesselsucht wird, je nachdem ob sie akut oder chronisch ist, mit Antihistaminika, Verhaltensänderung und anderen Medikamenten therapiert.

Theo kann nicht aufhören, sich zu kratzen. Dieser verfluchte Ausschlag! Und das auch noch hinterm Ohr, wo er selbst nicht genau sehen kann, was sich da befindet. Ob es eine allergische Reaktion auf einen Mückenstich ist? Dabei ist es doch mitten im Winter. Plötzlich war der Ausschlag da und nun geht er seit ein paar Tagen nicht mehr wirklich fort. Das hatte er schon einmal an einer anderen Stelle, aber da war die Schwellung einfach ohne Rückstände weggegangen. Diesmal will Theo nicht warten, bis es weg geht. Vielleicht steckt mehr dahinter. Theo entschließt sich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Was ist Nesselsucht?

Nesselsucht, im Fachgebiet auch Urtikaria genannt, ist eine spezifische Sichtbarwerdung (sog. ‚Manifestation‘) einer Typ-I-Allergie. Sie bezeichnet eine heftig juckende, flüchtige, meist flache Erhabenheit der Haut, die bei einer sofortigen Reaktion auf Allergene entsteht. Meist ist sie ein Hinweis auf eine Allergie, häufig eine Nahrungsmittelallergie, da Nesselsucht durch die Freisetzung von Histaminen (ein wichtiges Gewebshormon, welches bei verschiedenen körperlichen Vorgängen eine Rolle spielt, u. a. bei der Funktion des Immunsystems) in den Mastzellen (eine Blutzelle, die für die Wundheilung und das Immunsystem wichtig ist) ausgelöst wird. Eine Nesselsucht kann allerdings auch als Nebenwirkung entstehen, beispielsweise bei der Einnahme des Multiple-Sklerose-Medikaments Glatirameracetat.
Zumeist wird unterschieden zwischen einer akuten und einer chronischen Nesselsucht:

  • Akute Nesselsucht: Die akute Nesselsucht tritt spontan auf und ist meist innerhalb von maximal 72 Stunden abgeklungen.
  • Chronische Nesselsucht: Von einer chronischen Nesselsucht kann gesprochen werden, wenn die Symptome länger als sechs Wochen auftreten. Diese Differenzierung ist nicht nur für den Patienten relevant, sondern auch für den Arzt, da die Diagnose eine andere ist und auch die Behandlung der Krankheit anders verläuft. PD Dr. Med. Staubauch und Adriane Groffik von der Hautklinik und Poliklinik Mainz empfehlen in einem 2013 erschienenen Artikel das Bereitstellen und Ausfüllen eines Wartebogens, um die Qualität der Anamnese (Systematische Befragung des Patienten) zu verbessern.

2 Arten einer Nesselsucht

Im Allgemeinen wird zwischen zwei größeren Arten der Nesselsucht unterschieden, wobei eine davon in zwei Unterkategorien geteilt wird. Im Allgemeinen wird zwischen zwei Arten von Nesselsucht unterschieden: die spontane Urtikaria und die induzierte Urtikaria (also die Nesselsucht, die durch einen äußeren Faktor bedingt wird). Die induzierte Urtikaria spaltet sich wiederum in zwei Arten auf:

  • Die physikalische Urtikaria: Die physikalsche Urtikaria wird durch Kälte, Sonne, etc. ausgelöst.
  • Andere Urtikaria: Weitere Urtikaria-Arten können beispielsweise trainingsbedingt entstehen.

Bei 5 Prozent der Patienten kommt ein Angioödem (Schwellung der Augenlider, Lippen oder der Zunge) hinzu. Die Aufteilung des Schweregrades wird nach der Ausbreitung auf dem Körper gemessen. Sind unter 10 Prozent der Körperfläche betroffen, wird von einer leichten Krankheitsschwere ausgegangen (ca. 18 Prozent der Betroffenen). Sind 10–50 Prozent der Körperfläche betroffen, wird die Schwere als moderat bezeichnet (ca. 42 Prozent der Betroffenen) und bei einer schweren Erkrankung sind mehr als 50 Prozent des Körpers betroffen (ca. 40 Prozent der Betroffenen).

Hatten Sie schon einmal Probleme mit Nesselsucht? In welchem Umfang trat sie bei Ihnen auf? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Erkrankung besser einzuschätzen.

Mastzellen

Die Erhabenheiten, sowohl Hautläsionen (auch Quaddeln genannt) als auch Angioödeme (tiefer reichende Anschwellungen des Gewebes), werden durch das Ausschütten von bestimmten Stoffen ausgelöst. Die Mastzellen, die in diesem Fall in der Dermis (auch Lederhaut genannte Schicht unterhalb der Epidermis, der obersten Hautschicht), gelegen sind, sorgen für Reaktionen, die man an der Haut sieht.
Mastzellen sind 8–20 Nanometer große Blutzellen. Sie gehören zu den Leukozyten, also den weißen Blutkörperchen. Sie reifen aus den Stammzellen im Knochenmark heran, die für die Blutbildung verantwortlich sind. Häufig befinden sie sich am Übergang vom Körperinneren zur Außenwelt, also nicht nur an der Haut, sondern auch in den Schleimhäuten der Atemwege und des Verdauungstraktes.
Als Leukozyten spielen Mastzellen gerade für das Immunsystem eine wichtige Rolle, beispielsweise zur Bekämpfung von Allergenen oder auch Parasiten. Werden Mastzellen aktiviert, setzen diese sogenannte Granula frei. Granula sind Einschlüsse im lebenden Inhalt einer Zelle (sog. ‚Zytoplasma‘), die bestimmte Stoffe, z. B. Histamine, enthalten. Dieser Vorgang nennt sich Mastzelldegranulation und wird häufig durch Allergene ausgelöst.
Werden diese Stoffe, also beispielsweise Histamine, ausgeschüttet, werden die Gefäße an der betroffenen Stelle erweitert und es erhöht sich die Durchlässigkeit der Hautgefäße. Dies führt zur Rötung und Schwellung (ist aber nicht immer die Ursache für Rötungen und Schwellungen an der Haut). Somit ist der Grund für die Schwellung erklärt, allerdings noch nicht der für den Juckreiz. Dieser wird durch eine Aktivierung der Hautnervenzellen ausgelöst, der ebenfalls bei der Aktivierung der Mastzellen einsetzt.

Die Ursachen einer Nesselsucht – Teil 1

Die Ursachen für eine solche Reaktion variieren stark. Die nachfolgende Liste zeigt beispielhaft gewisse Auslöser von Nesselsucht:

  • Pseudoallergische Reaktionen: Diese Form der Nesselsucht entsteht häufig, weil gewisse Medikamente die Nesselsucht augmentieren (also vermehren). Dafür können Betablocker, ACE-Hemmer und Histamin freisetzende Medikamente wie Kodein verantwortlich sein. Diese Reaktion ist nicht zu verwechseln mit dem nächsten Auslöser.
  • Arzneimittelallergie: Hier ist von einer tatsächlichen allergischen Reaktion gegenüber bestimmten Stoffen in den eingenommenen Medikamenten auszugehen. Der Körper sieht diese Stoffe als gefährlich an und setzt somit eine Immunreaktion in Gang.
  • Lebensmittelurtikaria: Allergien gegenüber Nahrungsmitteln können auch zur Nesselsucht führen. Häufig werden derlei Allergien bei akuter Nesselsucht von Patienten als Ursache genannt. Allerdings ist diese Form deutlich seltener als angenommen. In einer Studie von 1996 waren 64 Prozent der Betroffenen einer akuten Nesselsucht davon überzeugt, dass Nahrungsmittel der Grund für ihre Symptome seien. Allerdings bestätigte sich diese Vermutung nur bei 1 von 109 Patienten.
  • Infekt-assoziiert: Diese Art der Nesselsucht ist häufiger bei einem akuten Ausbruch (zwischen 28 und 60 Prozent der Fälle) als bei einer chronischen Nesselsucht zu finden. Eine Nesselsucht, die durch Infekte herbeigeführt wird, ist häufig Teil einer Infektion des Magen-Darm-Trakts (sog. ‚Gastrointestinaltrakt‘) sowie eine Infektion von Teilen der Mund- und Nasenhöhle. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise der intestinalen Kandidose (Pilzerkrankung im Darmbereich), Streptokokken oder Hepatitis, sind innerhalb der Forschung die Meinungen über die Auslösung von Nesselsucht verschieden.
  • Parasitäre Erkrankung: Diese Ursache ist relativ selten, jedoch kann auch sie wichtig sein. So kann der Parasit Anisakis Simplex, der durch rohen Fisch übertragen werden kann, eine mögliche Ursache für Nesselsucht sein.

Die Ursachen einer Nesselsucht – Teil 2

  • Chronische Autoimmunurtikaria: Diese entsteht, wenn Substanzen im Serum (der flüssige Teil des Blutes) zu einer Aktivierung der Mastzellen führen. Diese Form der Nesselsucht ist langwierig und schwer zu behandeln.
  • Kälteurtikaria: Diese Form der Nesselsucht kann verschiedene Schweregrade annehmen. Von Symptomen, die bei extremer Kälteeinwirkung auf die Haut sichtbar werden, bis zu Symptomen, die sich bereits bei Körpertemperatur auf der Haut zeigen. Bei einigen Patienten kann es sogar nach dem Trinken eines gekühlten Getränkes zu einer Reaktion kommen. Auch wenn die Kälteurtikaria eine der drei häufigsten Arten der physikalischen Nesselsucht ist (hier muss, anders als bei anderen Arten, ein physikalischer Reiz wie Druck, Reibung etc. vorliegen), kommt sie nur bei ca. 0,05 Prozent der Ausbrüche vor. Allerdings muss gesagt werden, dass die Diagnose bei leichteren Formen häufig nicht stattfindet, die Dunkelziffer kann also höher sein. Der Schweregrad variiert aber nicht nur von Patient zu Patient, sondern kann auch je nach Körperstelle, der Kälte des Objektes und der Reizschwelle des Körpers anders verlaufen (bspw. in Abhängigkeit von der Körpertemperatur als Schwelle).
  • Hitzeurtikaria: Ähnlich wie bei der Kälteurtikaria wird diese durch einen äußerlichen Reiz hervorgerufen. In diesem Fall handelt es sich um einen Wärmereiz, wobei teilweise bereits Gegenstände, die über der Körpertemperatur liegen, zu einem Ausbruch führen können. Hitzeurtikaria ist noch seltener als Kälteurtikaria. Wie bei Kälteurtikaria variiert auch hier der Schweregrad.

Andere Auslöser könnten noch Reibung, Druck, Wasser, erhöhte Kerntemperatur und ererbte Nesselsucht sein. Die ererbte Nesselsuch unterscheidet sich allerdings sowohl im Auslöser als auch im Verlauf von der regulären Nesselsucht.
Ein großes Problem bei der chronischen Nesselsucht ist die Tatsache, dass bei über 50 Prozent der Betroffenen kein endgültiger Auslöser festgestellt werden kann. Einige Ärzte argumentieren daher gegen eine Einteilung durch Auslöser und stattdessen eher für eine Einteilung nach klinischen Symptomen, Dauer und Häufigkeit. Dies wird unterstützt durch die Tatsache, dass die oben gelisteten verschiedenen Subtypen gleichzeitig bei einem Patienten vorkommen können.
Außerdem gibt es Krankheiten, die nicht zur Nesselsucht allein gezählt werden, die aber mit der Nesselsucht in Verbindung stehen, beispielsweise durch Symptome. Dazu gehören:

  • Muckle-Wells Syndrom
  • Osteosklerose
  • Gleich-Syndrom
  • Wells-Syndrom

Die Symptome: Woran erkenne ich eine Nesselsucht?

Auch hier wird zwischen akuter und chronischer Nesselsucht unterschieden. Bei akuter Nesselsucht zeigen sich meist verstreute Quaddeln, die in über 80 Prozent der Fälle eine rötliche Färbung haben und einen Durchmesser von über 1 cm aufweisen. Gepaart mit den Quaddeln ist meist ein Juckreiz oder auch Brenngefühl an den betroffenen Stellen.
Hinzu kommen Kurzatmigkeit und in selteneren Fällen (weniger als 3 Prozent) Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall. In fast allen Fällen ist die Krankheit innerhalb von 3 Wochen verschwunden.
Bei chronischer Nesselsucht ist das Auftreten eines Angioödems zusammen mit Quaddeln bei mehr als 50 Prozent der Betroffenen der Fall. Ca. 33 Prozent der Patienten leiden nur unter Quaddeln und unter 10 Prozent der Patienten haben ein Angioödem, aber keine Quaddeln. Die Quaddeln entstehen meist in den Abendstunden und befinden sich gehäuft an den Armen und Beinen, während sich Angioödeme meist auf die Kopfregion sowie Hände und Füße beschränken. Diese Symptome können begleitet sein von Fieber, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen und gastro-intestinalen (also den Verdauungstrakt betreffenden) Problemen wie Durchfall oder Verdauungsstörungen. Bei 10 Prozent der Betroffenen treten die Symptome praktisch jeden Tag auf, wohingegen der Großteil der Betroffenen Tage oder auch mehrere Monate keine Symptome aufweist. Eine chronische Nesselsucht dauert im Durchschnitt 4 Jahre, 50 Prozent der Patienten weisen ein spontanes Abklingen innerhalb der ersten 10 Jahre auf.

Ist bei Ihnen auch schon einmal Nesselsucht aufgetreten? Welche dieser Symptome hatten Sie? (Mehrfachnennungen möglich) Damit helfen Sie anderen Lesern, ihre Symptome besser einzuschätzen.
 

Gut zu wissen!
Obwohl Nesselsucht häufig an Augen und Lippen auftritt, kann sie auch an den Extremitätsenden, an Hals oder Kinn und im Genitalbereich auftreten. Eine Erhabenheit in der Leisten- oder Halsgegend muss allerdings nicht immer auf eine Nesselsucht hinweisen.
Ein möglicher Grund für Erhabenheiten können auch schlicht geschwollene Lymphknoten sein. Was Lymphknoten sind, was vergrößerte Lymphknoten in diesen Bereichen bedeuten und was man bei solchen Vergrößerungen unternehmen kann, erklärt Dr. Tobias Weigl im nachfolgenden Video-Beitrag.

Wer leidet an Nesselsucht?

Ca. 15–25 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal unter einer akuten Nesselsucht, bei Westeuropäern sind es im Durchschnitt 25 Prozent. Besonders gefährdet ist die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Kinder erkranken im Vergleich seltener an Nesselsucht. Stärker betroffen sind unter anderem auch Allergiker bzw. Menschen, die unter einer Atopie leiden (eine erhöhte körperliche Veranlagung, Allergien zu entwickeln).
Ein großes Problem in der Bestimmung der Ausbreitung von Nesselsucht ist die Tatsache, dass gerade viele Betroffene mit milden Symptomen nicht zum Arzt gehen, sodass die Dunkelziffer zum Teil höher liegen kann.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose

Zumeist wird solch eine Diagnose bei Spezialisten vorgenommen, obwohl natürlich ein Allgemeinmediziner bei der Routineuntersuchung auch zu einer Diagnose kommen oder Sie für weitere Tests an einen Spezialisten überweisen kann.
Bei der chronischen Nesselsucht kann die Diagnostik in ein sogenanntes 3-Stufen-Programm aufgeteilt werden. Es ist nicht immer notwendig, alle Stufen zu durchlaufen. Generell ist die Diagnostik häufig auf den individuellen Patienten zugeschnitten. Auch sollten im Rahmen einer Routineuntersuchung zum Beispiel andere schwere Krankheiten ausgeschlossen werden:

  • Stufe 1 – „Basisuntersuchung“: Eine Anamnese, also ein Arzt-Patienten-Gespräch, wird geführt. Hier wird auf die Lebensumstände, die Art, die Dauer und die Häufigkeit der Nesselsucht eingegangen, um ein genaueres Bild zu bekommen. Hinzu kommen Blut- sowie Hauttests. Eine weitere Form der Basisuntersuchung ist die Provokation. Die Provokation ist ein Test, um zu schauen, woher die Nesselsucht kommt und wie sie sich verhält. So wird beispielsweise die Haut bei Verdacht auf Kälteurtikaria mit einem kühlen Gegenstand berührt. Ein Verdacht auf chronische Nesselsucht bezieht auch Tests auf bestimmte Antikörper und Hormone ein.
  • Stufe 2 – „Intensivuntersuchung“: Hierbei wird häufig dazu geraten, dass der Patient ein sogenanntes Diättagebuch führt. Dies soll ermitteln, ob ein Zusammenhang zwischen der Krankheit und bestimmten Nahrungsmitteln vorliegt.
  • Stufe 3 – „Provokation“: Obwohl eine Provokation schon in der Basisuntersuchung stattgefunden haben kann, wird hier häufig ein weiterer Provokationstest durchgeführt, nämlich die orale Provokationstestung (kurz: OPT). Bei Verdacht auf eine Autoimmun-Urtikaria werden Tests mit dem körpereigenen Serum vorgenommen. Diese sollten und werden meistens stationär erfolgen, da teilweise über 6 Stunden vergehen können, bis sich Symptome zeigen. Auch können so Gefahren, bspw. eine Anaphylaxie (eine starke Überreaktion des Körpers), besser kontrolliert und gegebenenfalls behandelt werden.
Aktuelle Forschung!
Ein Artikel der Hautklinik und Poliklinik in Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin Mainz von 2013 stellte nützliche Instrumente für die Dokumentation und zur Verbesserung der Anamnesequalität, also der Ergiebigkeit des Arzt-Patienten-Gesprächs, vor. Dazu gehörten beispielsweise Fragebögen, die bereits im Wartezimmer ausliegen und bezüglich Dauer, Auslöser, Frequenz und möglicherweise zugrundeliegenden Ursachen genaueren Aufschluss geben.
Auch ein so genannter Urtikaria-Kalender wurde vorgestellt, der im Laufe von 28 Tagen die Menge der Quaddeln, die Stärke des Juckreizes, die Stärke der Beschwerden, die Einnahmezeit von Antihistaminika sowie mögliche auslösende Faktoren erfragt. Ähnlich funktioniert der sogenannte Angioödemaktivitätsscore.
Auch ein genauer Fragebogen bzgl. chronischer Urtikaria wurde vorgestellt, genannt „Chronic Urticaria – Quality of Life Questionnaire“ (kurz: CU-Q2oL. Dieser fragt nicht nur nach Symptomen und ihrer Schwere, sondern auch nach Orten, an denen diese auftreten, sowie dem persönlichen Belastungsgrad durch die Krankheit.

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung

Da Nesselsucht größtenteils durch die Mastzelldegranulation (also die Ausschüttung von Stoffen wie Histaminen) ausgelöst wird, ist in den meisten Fällen die Behandlung mit Antihistaminika vorgesehen. Die Behandlung sollte sich in den meisten Fällen auf H1-Antihistaminika (also Stoffe, die den H1-Rezeptor betreffen) beschränken, die eine nicht-sedierende Wirkung haben. Antihistaminika der ersten Generation haben häufig solch eine Wirkung und sind auch aufgrund ihrer Nebenwirkungen in diesem Fall zu vermeiden. Unter die angewendeten Antihistaminika fallen Cetirizin sowie Levocetizin und Fexofenadin. Bei einer starken akuten Nesselsucht werden häufig die gleichen Mittel genommen wie bei einem allergischen Schock, es werden auch Antihistaminika der ersten Generation wie Dimetinden und Clemastin angewendet. Die Dosierung zu erhöhen, empfiehlt sich je nach Fortbestehen der Beschwerden, da die Dosierung bei Fortbestehen zu niedrig angesetzt worden sein kann. Um eine stärkere Wirkung zu erzielen, können die oben genannten Antihistaminika in einigen Fällen auch mit H2-Blockern wie zum Beispiel Ranitidin kombiniert werden. Ein Medikament, das zur frühen Therapie von Nesselsucht genutzt wird, ist Secukinumab (im Fachhandel als Cosentyx® und Novartis bekannt).
Die Behandlung von chronischer Nesselsucht unterscheidet sich hierbei von der akuten Nesselsucht. So wird häufig versucht, Ursachen und Auslöser für die Nesselsucht sowie Faktoren, welche die Nesselsucht verschlimmern können, zu beseitigen. So können Medikamente, die Nesselsucht auslösen, durch andere Medikamente ersetzt oder Stress reduziert werden, da dieser Nesselsucht verschlimmern kann. Dies unterscheidet sich je nach Nesselsucht. Bei einer chronischen Nesselsucht werden neben Antihistaminika häufig auch noch andere Stoffe eingesetzt, um die Krankheit zu bekämpfen. Dazu gehören beispielsweise sogenannte Leukotrienantagonisten wie Montelukast (ein Antihistaminikum), Diaminodiphenylsulfone wie z. B. Dapson (ein Antirheumatikum mit antibiotischer Wirkung) sowie Immunsuppressiva wie Azathioprin (diese unterdrücken die normalen Funktionen des Immunsystems).
Bestimmte Formen der physikalischen Urtikaria (unter Ursachen erklärt) können mit einer Gewöhnungstherapie behandelt werden. Hierbei wird der Körper durch gezielte Konfrontation des Körpers mit dem Auslöser an ebendiesen gewöhnt.

Aktuelle Forschung!
2017 wurde eine mögliche Alternative für Antihistaminika und Leukotrienantagonisten (welche als Standardtherapie gelten) in der Behandlung für Nesselsucht vorgestellt. Dies war notwendig, da Patienten, die unter Kälteurtikaria oder einer starken Form der Urtikaria factitia (einer Nesselsucht ausgelöst durch Reibung, Kratzen oder Scheuern) zum Teil nicht ausreichend auf die Behandlung mit den Standardmedikamenten reagierten.
Im Artikel wurde festgestellt, dass der Stoff Omalizumab auf Grundlage von Daten, die in zwei verschiedenen Studien erforscht wurden, sowohl wirksam als auch sicher in der Behandlung dieser beiden Nesselsuchtformen ist.

Quelle: Nicola Siegmund-Schultze (2017): Urtikaria. Omalizumab ist effektiv gegen induzierbare Urtikaria. In: Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-1004 / B-835 / C-817.

Häufige Patientenfragen

Woran erkenne ich eine Nesselsucht?

Dr. T. Weigl
Wenn Sie mehr oder weniger plötzlich auftretende Quaddeln am Körper, meist an den Beinen oder Armen, haben, die jucken, brennen und teilweise auch recht schnell wieder verschwinden, können Sie von einer Nesselsucht ausgehen. Treten diese Symptome über einen längeren Zeitraum auf, u. a. zusammen mit anderen Symptomen wie erhöhte Körpertemperatur, Gliederschmerzen oder Schwindel, können Sie von einer chronischen Nesselsucht ausgehen. Allerdings sollte man vorsichtig sein, eine Nesselsucht allzu schnell als akute Nesselsucht wahrzunehmen, da die Symptome wieder verschwinden können. Dabei können teilweise Tage und Monate zwischen den Ausbrüchen liegen, auch wenn es eine chronische Nesselsucht ist. Wenn Sie eine Nesselsucht vermuten, gehen Sie zu einem Allgemeinmediziner, bspw. ihrem Hausarzt, oder zu einem Hautspezialisten. Dieser kann dann genauer einschätzen, um welche Form es sich handelt.

Kann eine Nesselsucht ein Anzeichen für eine andere Krankheit sein?

Dr. T. Weigl
Ja, das ist auf jeden Fall möglich. Viele akute Urtikaria-Ausbrüche entstehen durch bereits vorhandene Krankheiten. Also kann eine andere Krankheit ursächlich für ihre Beschwerden sein. Ebenso können Unverträglichkeiten oder auch Parasiten für die Nesselsucht verantwortlich sein. Ein Gespräch mit Ihrem Arzt kann dabei helfen, herauszufinden, warum Sie eine Nesselsucht haben. Der Arzt kann dann gemeinsam mit Ihnen die entsprechenden Behandlungsansätze besprechen.

Muss man eine Nesselsucht behandeln?

Dr. T. Weigl
Da sich häufig ein Leidensdruck aufbaut, ausgelöst durch das Juck- und Brenngefühl, empfiehlt es sich, die Nesselsucht zu behandeln. Hier empfiehlt es sich, Antihistaminika zu nehmen. Besonders bei chronischer Nesselsucht ist dazu geraten, da sich diese, bleibt sie unbehandelt, teilweise sogar bis zu 10 Jahre lang hinziehen kann. In jedem Fall ist es sinnvoll, einen Arzt zu Rate zu ziehen, um die richtigen Behandlungsmethoden und Medikamente kennenzulernen.

Muss ich mit einer Nesselsucht zum Arzt gehen oder kann ich sie selbst behandeln?

Dr. T. Weigl
Hier empfiehlt sich, zur Behandlung zum Arzt zu gehen. Besonders mit einer chronischen Nesselsucht ist die Behandlung durch den Arzt sinnvoll, da dieser besser diagnostizieren kann, welche Ursachen Ihrer Nesselsucht zu Grunde liegen. Des Weiteren sollten Antihistaminika aufgrund ihrer Nebenwirkungen nicht ohne eine Empfehlung vom Arzt bezüglich Art und Dosis eingenommen werden. Auch bei einer Gewöhnungstherapie sollte ein Arzt hinzugezogen werden, da bei einer steigenden Dosis auch schnell eine Überreaktion eintreten kann.

Das Jucken ist weg! Theo ist erleichtert. Wenigstens hat es dieses Mal nicht so lang gedauert. Aber die Tatsache, dass es schon wieder aufgetreten ist, könnte ein Anzeichen für ein chronisches Problem sein. Jetzt, wo er weiß, dass es sich um Nesselsucht handelt und er nicht zum ersten Mal Probleme damit hatte, hat sich Theo direkt einen Arzttermin geben lassen, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Selbst wenn es nur eine Lebensmittelallergie ist, will er in Zukunft lieber auf bestimme Lebensmittel verzichten, als wieder diesen juckenden Ausschlag zu haben.

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Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.  

Autoren: Dr. Tobias Weigl, Mathis Gronau
Lektorat: Tobias Möller
Veröffentlicht: 13.11.2018

Quellen

  • David Bender (2014): A Dictionary of Food and Nutrition. Oxford University Press, Oxford.
  • Carsten Bindslev-Jensen (2010): Heat and Cold Urticaria. In: Urticaria and Angioedema. Springer-Verlag, Heidelberg, S. 63–72.
  • Marcus Maurer (2010): Chronic Urticaria. In: Urticaria and Angioedema. Springer-Verlag, Heidelberg, S. 45–56.
  • Christian Prinz (2012): Basiswissen Innere Medizin. Springer Medizin Verlag, Heidelberg.
  • Simone Reisdorf et al. (2018): Kurz informiert, in: Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1711.
  • Johannes Ring & Sabine Plötz (2011): Virusinfekt, (Pseudo-)Allergie oder Autoimmunkrankheit? Nesselsucht. Gehen Sie der Ursache auf den Grund. In: Hautnah Dermatologie 1, S. 8–14.
  • Nicola Siegmund-Schultze (2017): Urtikaria. Omalizumab ist effektiv gegen induzierbare Urtikaria. In: Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-1004 / B-835 / C-817.
  • P. Staubach & A. Groffik (2013): Nützliche Instrumente für die Dokumentation bei Urtikaria, in: Hautarzt 2013. 64: S. 650–655.
  • Bettina Wedi (2010): Therapy of Urticaria. In: Urticaria and Angioedema. Heidelberg, S. 129–140.
  • Torsten Zuberbier (2010): Classification of Urticaria. QOL and Performance. In: Urticaria and Angioedema, Heidelberg, S. 25–32.
  • Torsten Zuberbier (2010): Acute Urticaria. In: Urticaria and Angioedema, Heidelberg, S. 37–44.
[Gesamt:2    Durchschnitt: 5/5]
2.000000e+0 Antworten
  • Lotta
    27.11.2018 19:18

    Guten Abend,

    Es gibt noch die cholinergische Urtikaria. Auch eine Form der chronischen Urtikaria.

    Mit freundlichen Grüßen
    Lotta

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