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Spastik –Ein Leben ohne Kontrolle über die Bewegungen?

Auf einen Blick – Spastik

Was ist eine Spastik?

  • erhöhter Widerstand in den Muskeln
  • tritt durch eine Schädigung der Nervenbahnen auf

Bei wem äußert sich das spastische Syndrom?

  • aufgrund einer Schädigung des Rückenmarks
  • als Folge eines Schlaganfalls
  • bei Patienten mit Multipler Sklerose

Symptome (Auszug)

  • erhöhte Muskelspannung: Bewegungsschwierigkeit
  • erhöhter Muskeltonus (unkontrolliertes Zittern)

Behandlung (Auszug)

  • Therapie mit sogenannten ‚antispastischen‘ Medikamenten
  • Physiotherapie
  • Behandlung der ursächlichen Erkrankung

Tipps

  • je abgestimmter physiotherapeutische Übungen auf die Patienten sind, desto besser können sie helfen: Geben Sie dem Therapeuten Zeit, ein passendes Programm für Sie zu finden
  • eine Spastik bedeutet nicht, dass Sie an Morbus Parkinson leiden, auch wenn sich die beiden Erkrankungen teilweise ähnlich äußern

Von Medizinern geprüft und nach besten wissenschaftlichen Standards verfasst

Dieser Text wurde gemäß medizinischer Fachliteratur, aktuellen Leitlinien und Studien erstellt und von einem Mediziner vor Veröffentlichung geprüft.

Quellen ansehen

Das spastische Syndrom tritt häufig vor allem bei Patienten mit einer entsprechenden Vorerkrankung auf. Eine Erkrankung an Multipler Sklerose, ein Tumor im Rückenmark oder ein Schlaganfall sind nur einige Beispiele dafür. Eine Spastik kann jedoch auch eine angeborene Symptomatik sein.

Die Spastik äußert sich darin, dass die Muskeln eine erhöhte Spannung aufweisen. Daher ist es für die Patienten schwierig, sich koordiniert zu bewegen. Der Widerstand im Muskel hält allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt an – dann entspannt sich der Muskel schlagartig. Man vergleicht diese Erscheinung gerne mit einem aufklappenden Taschenmesser – Eine mögliche Diagnosemethode beim Arzt ist daher das sogenannte ‚Taschenmesser-Phänomen‘.

Die Behandlung des spastischen Syndroms umfasst die Physiotherapie und/oder das Verabreichen von Medikamenten. Physiotherapeutische Maßnahmen helfen den Patienten dabei, ihre Beweglichkeit zu erhalten, um deren Lebensqualität zu verbessern. Bei vielen Patienten mit einer Spastik hilft die Physiotherapie jedoch nicht hinreichend, sodass der Arzt ihnen Medikamente verschreibt – zum Beispiel muskelentspannende Wirkstoffe (sog. ‚Muskelrelaxanzien‘).

Erfahren Sie in diesem Artikel mehr darüber, was eine Spastik auslöst und was man tun kann, um die Symptome zu bekämpfen. Erfahren Sie weiterhin, wie neue Erkenntnisse aus der Forschung die Therapie unterstützen und erweitern.

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Was ist eine Spastik?

Eine Spastik (auch ‚spastisches Syndrom‘ genannt) tritt dann auf, wenn das nervliche Bewegungssystem des Körpers geschädigt ist. Mediziner sprechen im Zusammenhang mit einer Spastik von einem ‚geschwindigkeitsabhängigen gesteigerten Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur‘.

Konkret bedeutet das für den Patienten, dass der Grundwiderstand der Muskulatur erhöht ist (sog. ‚Rigor‘). Gleichzeitig bedeutet eine Spastik, dass die Betroffenen unter erhöhten Schwierigkeiten leiden, je schneller sie eine Bewegung ausführen möchten. Die Spastik betrifft in vielen Fällen vor allem die obere Körperhälfte, insbesondere Arme und Hände.

Der Widerstand in der Muskulatur ist bedingt durch Schäden am Nervensystem, das für die Bewegungen zuständig ist. Man nennt dies eine sogenannte ‚Läsion motorischer Bahnen‘. Durch die Schädigung kommen die Impulse vom Gehirn nicht richtig in den Gliedmaßen an – die Betroffenen können sich folglich nicht so bewegen, wie sie gerne möchten.

„Menschen mit einer Spastik können ihre Muskeln nicht mehr richtig bewegen. Es ist, als wäre ein zusätzlicher Widerstand im Muskel, der dort nicht sein sollte.“ — Dr. Dr. Tobias Weigl Klick um zu Tweeten

Viele Nerven sind beteiligt – Vom Gehirn bis in die Gliedmaßen

Bewegungen zu planen und auszuführen geschieht im Körper zunächst durch das Gehirn und die Nerven (sog. ‚neuronale Ebene‘). Auf dem Weg vom Bewegungszentrum des Gehirns (sog. ‚Motorcortex‘) bis zum ausführenden Muskel sind viele Nerven (sog. ‚Neuronen‘) beteiligt. Die Bewegungsplanung beginnt im Gehirn, das zusammen mit dem Rückenmark das zentrale Nervensystem bildet. Außerhalb des zentralen Nervensystems sind die umliegenden Nerven: Diese befinden sich zum Beispiel in den Armen und Beinen. Man nennt diese Nerven das ‚periphere Nervensystem‘.

Die Nerven, die hauptsächlich für die Bewegung zuständig sind, bezeichnet man als ‚Motorneuronen‘ (auch ‚1. Motorneuron‘). Fallen diese Nerven durch irgendeine Schädigung aus, folgt daraus eine Bewegungseinschränkung. Denn ohne diese Neuronen kann das Gehirn keine Impulse an die Nerven im Körper senden, um Bewegungen auszuführen.

Die sogenannten ‚extra-pyramidalen Bahnen‘ sind Nervenbahnen im Gehirn, die bei der Bewegungsplanung und -ausführung beteiligt sind. Sie sind unter anderem für die Feineinstellung der Bewegung zuständig. Das bedeutet, dass sie Bewegungsimpulse hemmen können, um so kontrollierte Bewegungen zu ermöglichen.

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Spastik behandeln und heilen?

Man kann entweder die verursachende Erkrankung einer Spastik (zum Beispiel Multiple Sklerose) oder das Syndrom selbst behandeln. Heilbar ist das Syndrom allerdings bislang nicht. Denn Schäden an den Nervenbahnen sind irreparabel. Allerdings lassen sich die Symptome durch die Einnahme von Medikamenten oder Physiotherapie lindern.

Was kann man tun, wenn herkömmliche Medikamente keine Wirkung mehr zeigen? In diesem Video erklärt Schmerzforscher Dr. Dr. Tobias Weigl, warum manche Patienten mit spastischen Lähmungen von der Legalisierung von Cannabis profitieren.

Cannabis als Medizin auf Rezept (Basiswissen für Patient & Arzt) - Schmerzmittel keine Droge

Die Symptome: Wie genau äußert sich das spastische Syndrom?

Im Fall einer Spastik ist – wie oben erwähnt – die Spannung der Muskeln durch die Schädigung (sog. ‚Rigor‘) erhöht. Die Schädigung der Nerven hat neben Bewegungsschwierigkeiten zusätzlich bei vielen Patienten starke Nervenschmerzen (sog. ‚neuropathische Schmerzen‘) zur Folge. Neuropathische Schmerzen äußern sich in einem stechenden Schmerzgefühl und bedeutet neben der Bewegungsschwierigkeit eine zusätzliche Einschränkung der Lebensqualität.

Unkontrollierte Muskelaktivität

Zuckungen und Zittern sind weitere Symptome bei einigen Patienten mit Spastik. Sind diese extra-pyramidalen Bahnen geschädigt, üben sie ihren hemmenden Einfluss bei der Bewegungsplanung nicht mehr aus. Dies äußert sich in einer unkontrollierten Erhöhung der Muskelaktivität (sog. ‚Tonuserhöhung der Muskulatur‘). Die charakteristischen, zitternden, unkoordinierten Bewegungen von Spastik-Patienten sind die Folge. Der Muskeltonus nimmt zu, je schneller der Patient die Bewegung auszuführen versucht.

Exkurs: Ähnliche Symptome wie bei Morbus Parkinson

Bei Patienten mit Morbus Parkinson treten die Symptome Rigor und erhöhter Muskeltonus ebenfalls auf. Die Erkrankung ist allerdings nicht mit einer Spastik gleichzusetzen. Bei Patienten mit Parkinson äußert sich die erhöhte Muskelaktivität vor allem in körperlicher Ruhe und während geistiger Anstrengung.

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Bei Erkrankten tritt der erhöhte Muskeltonus hingegen zunehmend bei schnellen Bewegungen auf: Die unkontrollierte Muskelaktivität nimmt zu, je schneller die Bewegung ist. Der Rigor ist unabhängig von der Geschwindigkeit der Bewegung: Die Muskelspannung ist grundsätzlich erhöht.

Möchten Sie mehr zum Thema Parkinson erfahren? Lesen Sie mehr in unserem folgenden Artikel: Parkinson | Morbus Parkinson | Parkinsonkrankheit |Parkinsonsyndrom

Wer ist am ehesten betroffen?

Das spastische Syndrom tritt entweder durch eine andere Vorerkrankung, durch einen Unfall oder eine sonstige Schädigung auf. Sehr oft sind Personen mit Erkrankungen betroffen, die mit einer Schädigung der Nerven für die Bewegungsfähigkeit einhergehen.

In vielen Fällen tritt die Erkrankung also erst im Verlauf des Lebens auf. Manche Patienten leiden allerdings von Geburt an unter einer Spastik. Die Bewegungsunfähigkeit schränkt die Betroffenen stark in ihren alltäglichen Handlungen ein und mindert deren Lebensqualität. Bei den folgenden Schädigungen und Vorerkrankungen kann eine Spastik beim Patienten auftreten:

Kennen Sie eine Person, die unter dem spastischen Syndrom leidet? Welche Ursache liegt der Symptomatik zu Grunde? Mit Ihrer Antwort helfen Sie anderen Patienten dabei, ihre Symptome besser einzuschätzen. Nutzen Sie gerne auch die Kommentarfunktion am Ende des Textes, um sich miteinander auszutauschen.

Was tut der Arzt? Teil 1: Die Diagnose des spastischen Syndroms

Der Arzt führt neben einem Anamnesegespräch eine umfassende körperliche Untersuchung durch. Nachdem der Patient geschildert hat, in welchen Körperteilen die Schwierigkeiten auftreten, bewegt der Arzt die einzelnen Gelenke und Muskeln. Dabei beugt und streckt der Patient seine Gliedmaßen gemeinsam mit dem Arzt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es zeigt sich dann, ob die Muskelspannung bei ansteigender Geschwindigkeit der Bewegung zunimmt.

Ein Phänomen bei Patienten mit dem spastischen Syndrom ist, dass der erhöhte Muskelwiderstand nicht anhält. Wie bei einem Taschenmesser ist der Wiederstand zunächst sehr hoch, löst sich aber dann plötzlich. Daran erkennt der Arzt zusätzlich, dass eine Spastik vorliegt. Man nennt dies auch das ‚Taschenmesser-Phänomen‘.

Fakten-Box

Spastik oder spastisches Syndrom

Mögliche Symptome

  • Bewegungslosigkeit
  • Steifigkeit
  • Muskeltonus erhöht (unkontrollierte, zittrige Bewegung)
  • Symptome verschlimmern sich bei schnellen Bewegungen

Was tut der Arzt? Teil 2: Die Behandlung des spastischen Syndroms

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, das spastische Syndrom zu behandeln: die medikamentöse Therapie und die Physiotherapie.

Physiotherapie als nichtmedikamentöse Heilmethode

Die Physiotherapie hat zum Ziel, die Bewegungsfähigkeit der Patienten zu verbessern. Wichtig dabei ist, dass Gelenke mobilisiert und verkürzte Muskeln gedehnt werden. Zusätzlich sind gezielte Kräftigungsübungen Bestandteil der Behandlung.

Gut zu wissen!
Die ambulante Versorgung von Schlaganfall-Patienten mit einer Spastik ist noch ausbaufähig. Befragungen haben ergeben, dass nur 25% der ambulant arbeitenden Pflegekräfte die Versorgung der Patienten als ‚leitliniengerecht‘ einstufen. Auf der anderen Seite zeigen Studien, dass die aktuelle Computertechnik eine wertvolle Unterstützung für die Physiotherapie von Spastik-Patienten darstellt. Spezielle Software und Robotertechnik für Laufbänder verbessern die Analyse der Bewegungsdaten und intensivieren das Training. Es ist jedoch noch nicht abzusehen, ob und wann eine solche Technologie flächendeckend eingesetzt wird.

Verschiedene medikamentöse Ansätze

Die medikamentöse Therapie umfasst die orale Einnahme von sogenannten ‚antispastischen‘ Mitteln. Beispiele für solche Präparate sind ‚Tizanidin‘, ‚Tolperison‘, ‚Dantrolen‘ und ‚Clonazepam‘.
Eine weitere mögliche Behandlungsmethode ist die Injektion von Botulinium-Toxin (besser bekannt als Botox). Das Nervengift wird stark verdünnt verabreicht. Es erzielt eine Hemmung der Reizweiterleitung in den Nerven. Dadurch löst sich der Muskelwiderstand, was zu einer besseren Bewegungsfähigkeit beiträgt.

Um den Muskelwiderstand zu lösen, eignet sich auch eine Infusionstherapie mit einem muskelentspannenden Medikament (sog. ‚Muskelrelaxans‘). Ein Beispiel ist das Arzneimittel ‚Baclofen‘. Es hemmt die anregenden Impulse der Nerven auf mikrobiologischer Ebene, indem es die Kontaktstellen des hemmenden Botenstoffs Gammaaminobuttersäure (kurz GABA) anregt. Der Wirkstoff hat jedoch Nebenwirkungen wie Depressionen und Übelkeit, weswegen der Arzt die Therapie vorsichtig und mit kleinen Dosierungen beginnt.

Gut zu wissen!
Botenstoffe (sog. ‚Neurotransmitter‘) beeinflussen Abläufe im Gehirn und sind das Kommunikationsglied mit dem Rest des Körpers. Die Kontaktstellen (sog. ‚Rezeptoren‘) sind sehr kleine Anschlusspunkte, an denen die Neurotransmitter andocken. Je nachdem, an welcher Stelle sich wie viele anregende oder hemmende Neurotransmitter befinden, wird eine Bewegung angeregt oder gehemmt. Durch komplexe Schaltkreisläufe steuern auf diese Weise recht wenige Neurotransmitter selbst komplizierte Bewegungsabläufe.

Aktuelle Forschung – Cannabinoid-Spray gegen schmerzhafte Spastik

Bereits im letzten Jahrzehnt hat sich immer wieder gezeigt, dass Cannabinoid eine mögliche Therapie gegen Spastik ist. Im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) besprechen Forscher und Ärzte immer wieder relevante neue Erkenntnisse. Der Neurologe Professor Michael Haupts vom Augustahospital Anholt in Isselburg hat bei der Tagung eine Studie mit Cannabinoid-Spray vorgestellt. Die Studie hatte zum Ziel zu testen, ob der Wirkstoff Cannabinoid aus der Hanfpflanze gegen Spastik hilft.

Aktuelle Ergebnisse: Schmerzhafte Spastik deutlich gesenkt

Der klinische Versuch hat Patienten mit Multipler Sklerose, die unter einer schmerzhaften Spastik leiden, untersucht. Die Forscher haben die Patienten in zwei Gruppen unterteilt: die eine Gruppe hat ein Cannabinoid-Spray erhalten und die andere Gruppe ein gleich aussehendes, wirkungsloses Mittel (sog. ‚Placebo‘).

Nach 12 Wochen der Behandlung haben die Patienten, die das echte Medikament erhalten haben, eine deutliche Verbesserung (um ca. 30%) ihrer Spastik gezeigt. Die Schmerzsymptome waren ebenfalls gesenkt.

Cannabinoid-Spray als Zusatz zur Therapie

Prof. Haupts schlussfolgert, dass Cannabinoid-Spray ein guter Zusatz zur Therapie der schmerzhaften Spastik bei Multipler Sklerose darstellt. Vor allem für Patienten, die durch das Einnehmen herkömmlicher Antispastika keinen Therapieerfolg erfahren, eignet sich ein solches Präparat.

Quelle: Claudia Bruhn (2018): Neue Studie mit Cannabinoid-Spray gegen schmerzhafte Spastik. In: Forum für Neurologie & Psychiatrie 20/5, S. 46–46.

Häufige Patientenfragen

Wann darf man die Therapie mit einem Muskelrelaxans nicht anwenden?

Dr. Dr. T. Weigl
Es gibt Patienten, bei denen man gewisse Medikamente oder Wirkstoffe nicht anwenden darf, weil der Körper einen Schaden nehmen könnte. Die Nebenwirkungen übersteigen in einem solchen Fall den Nutzen bei weitem. Man bezeichnet dieses Phänomen als ‚Kontraindikation‘.

Bei dem oben genannten Muskelrelaxans Baclofen ist eine solche Kontraindikation die Niereninsuffizienz. Für Patienten mit einer Spastik und gleichzeitiger Niereninsuffizienz muss der Arzt folglich auf andere Medikamente oder eine nicht-medikamentöse Therapie zurückgreifen.

Ist Spastik das gleiche wie eine Arthrogrypose?

Dr. Dr. T. Weigl
Die Arthrogrypose ist eine angeborene Gelenksteife, die sich von der Spastik in einigen Punkten unterscheidet. Eine Spastik kann zwar auch von Geburt an vorhanden sein, tritt jedoch in den meisten Fällen erst im Laufe des Lebens auf.

Patienten mit Arthrogrypose sind oftmals in der Lage, ihre sehr bewegungseingeschränkten Gliedmaßen (fast) optimal zu nutzen. Dies liegt daran, dass Patienten mit einer Arthrogrypose immer noch über eine normale Sensibilität der Gliedmaßen verfügen.

Bei Spastikern hingegen ist die Bewegungsplanung des zentralen Nervensystems gestört. Zusätzlich ist die Umsetzung in den Nervenbahnen außerhalb des zentralen Nervensystems (sog. ‚peripheren Nervenbahnen‘) möglicherweise beeinträchtigt. Patienten mit Spastik leiden daher – im Gegensatz zu Arthrogrypose-Patienten – zum Teil unter einer komplett eingeschränkten Bewegungsfähigkeit.

Kann eine Spastik nach einer Verletzung immer schlimmer werden oder heilt der Körper die Nerven von selbst?

Dr. Dr. T. Weigl
Der Körper versucht in der Tat, den Ausfall kaputter Nerven zu kompensieren. Dieser Mechanismus verläuft jedoch nicht immer gleichermaßen erfolgreich. Studien haben gezeigt, dass Kompensationsmechanismen unter Umständen ungünstige neuronale Pfade ausbilden. Man kann sich das so vorstellen, dass das Gehirn falsche Bewegungsabläufe plant oder bevorzugt. Ein einseitiger Kompensationsmechanismus kann daher in einem abnormen Bewegungsablauf resultieren.

Falls Ihnen auffällt, dass sich Ihr Bewegungsablauf verschlechtert, dann suchen Sie Ihren Arzt auf. Eine weitere Untersuchung und ein Anpassen der Therapie kann helfen. Durch gezielte physiotherapeutische Übungen versucht man, die Beweglichkeit der Muskeln und Gelenke zu bewahren. Eine solche Therapie ist jedoch umso erfolgreicher, wenn die Übungen genau auf den Patienten abgestimmt sind. Es kann daher einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sich der gewünschte Therapieerfolg einstellt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, nach einem Schlaganfall an einer Spastik zu erkranken?

Dr. Dr. T. Weigl
Bei ungefähr 200 von 100.000 Patienten, die einen Schlaganfall erleiden, tritt später eine Spastik auf. Ein Schlaganfall gehört somit zu den häufigsten Ursachen für das spastische Syndrom. Kontrolluntersuchungen sind daher wichtig, um die Spastik möglichst frühzeitig zu diagnostizieren.

Aktuell ist es bereits möglich, eine Spastik mit angepassten Untersuchungen recht früh zu erkennen. Zum Beispiel ist der Fugl-Meyer-Armtest (FMA) eine recht vielversprechende Diagnosemethode: Bereits ab einem Zeitraum von 10 Tagen nach Erleiden des Schlaganfalls kann man eine Spastik diagnostizieren. Allerdings hängt dieser Zeitraum auch immer stark vom individuellen Zustand des Patienten ab.

Typisches Patientenbeispiel

„Nun streng‘ dich doch mal an und sei nicht immer so lahm“, raunzt Erna ihren Mann Kurt genervt an. „Ich kann aber nicht schneller, ich geb‘ mir doch Mühe. Aber immer, wenn ich ‚schnell mache‘ – so wie du es sagst – versuche, dann habe ich keine Kraft mehr und deshalb gebe ich dir die Kartoffeln eben langsam und in meinem Tempo“, gibt Herr Wandler seiner Frau zur Antwort.

Auffälligkeiten im Alltag ansprechen

Kurt Wandler möchte eigentlich nicht, dass seine Frau mit in das Sprechzimmer bei seinem Arzt kommt. Denn er hat Bedenken, dass sie seine ‚Langsamkeit‘ erwähnt. Nach der abermaligen Auseinandersetzung über dieses Thema am Vorabend und auf dem Weg zur Praxis gibt er jedoch klein bei und nimmt sie mit in die Sprechstunde.

Prompt erzählt sie: „Herr Doktor, ich habe noch eine andere Anmerkung: Kurt möchte das nicht wahrhaben, aber ich habe den Eindruck, dass er immer langsamer wird in seinem Bewegungsablauf. Wenn wir zusammen kochen, zum Beispiel, da ist er einfach nicht mehr richtig handlungsfähig und seine Bewegungen sind so langsam und so angestrengt und zittrig und das ist anstrengend und ich mache mir auch Sorgen. Ist das normal?‘

Der Sache auf den Grund gehen: körperliche Untersuchungen

Der Arzt nimmt die Bedenken von Frau Wandler ernst. Er erläutert: ‚Durch Ihre Vorerkrankung, also den Schlaganfall, den Sie vor drei Monaten erlitten haben, Herr Wandler, gehören Sie zur Risikogruppe für das spastische Syndrom. Die von Ihrer Frau beschriebenen Symptome deuten möglicherweise darauf hin. Ich würde daher eine Spastik nicht ausschließen.

Weitere Untersuchungen sind allerdings nötig, um Gewissheit zu erlangen. Ich führe zunächst ein paar Tests mit Ihnen durch und dann werden wir weitersehen. Falls sich der Verdacht bestätigt, existieren jedoch Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome zu lindern. Sie haben ja bereits regelmäßige Sitzungen beim Physiotherapeuten. Gegebenenfalls reicht es erstmal aus, die Übungen anzupassen und zu erweitern. Wenn wir mehr wissen, dann können wir über zusätzliche Therapiemaßnahmen sprechen.‘

Verwandte Themen

Haben Sie Erfahrungen mit dem spastischen Syndrom? Möchten Sie sich bei uns weiter über das Thema Spastik erkundigen? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten, um von Ihren Erfahrungen zu berichten und sich untereinander auszutauschen!

 

Die hier beschriebenen Punkte (Krankheit, Beschwerden, Diagnostik, Therapie, Komplikationen etc.) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird genannt, was der Autor als wichtig und erwähnenswert erachtet. Ein Arztbesuch wird durch die hier genannten Informationen keinesfalls ersetzt.

Autor: Dr. Dr. Tobias Weigl, Melinda A. Mende
Lektorat: Timo Hülsmann
Veröffentlicht am: 02.03.2020

Quellen

  • AMBOSS Fachwissen für Mediziner (2020): Spastisches Syndrom (Spastik). In: amboss.com.
  • Christian Beetz u. a. (2018): Erbliche spastische Spinalparalysen. Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen. In: Medizinische Genetik 30/2, S. 238–245.
  • Claudia Bruhn (2018): Neue Studie mit Cannabinoid-Spray gegen schmerzhafte Spastik. In: Forum für Neurologie & Psychiatrie 20/5, S. 46–46.
  • Janine Beauparlant u. a. (2013): Undirected compensatory plasticity contributes to neuronal dysfunction after severe spinal cord injury. In: Brain 136/11, S. 3347–3361.
  • Volker Dietz (2013): Klinik der Spastik. Spastische Bewegungsstörung. In: Der Nervenarzt 84/12, S. 1508–1511.
  • Leonhard Döderlein / C. Dussa (2017): Neuroorthopädische Korrektur bei angeborener Gelenksteife und bei Spastik. In: Bewegungsstörungen der oberen Extremität bei Kindern, S. 193–206. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg.
  • Thomas Henze u. a. (2017): Neues zur symptomatischen MS‑Therapie. Teil 2. Gangstörung und Spastik. In: Der Nervenarzt 88/12, S. 1428–1434.
  • Martin Katzenmeyer (2017): aSPEkt-Studie. Ambulante Spastik-Patienten in der Einschätzung ihrer Pflegekräfte. In: Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement 22/2, S. 69–72.
  • Linda Kerkemeyer u. a. (2017): Versorgung von Patienten mit Spastik nach Schlaganfall. In: Der Nervenarzt 88/8, S. 919–928.
  • Roger N. Lemon (2008): Descending pathways in motor control. In: Annual Review of Neuroscience 31, S. 195–218.
  • Jan Mehrholz (2016): Langzeitvorhersage zur Spastik nach Schlaganfall. In: Neurorehabilitation 8/2), S. 55–55.
  • Robert Riener u. a. (2010): Locomotor training in subjects with sensori-motor deficits. An overview of the robotic gait orthosis lokomat. In: Journal of Healthcare Engineering 1/2, S. 197–216.
  • Rebecca Schüle u. L. Schöls (2017): Ataxien und hereditäre spastische Spinalparalysen. In: Der Nervenarzt 88/7, S. 720–727.
  • Michael Schwarz (2018): Spastik. In: Praxisbuch neurologische Pharmakotherapie, S. 239–259. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg.
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